Gläser im Gleichklang. Foto: 7aktuell.de/Oskar Eyb

Die Konkurrenz der Feste ist groß, da gilt es Charakter zu bewahren. Beim Stuttgarter Weindorf scheint das zu gelingen.

Stuttgart - Wenn man in diesen Tagen übers Stuttgarter Weindorf schlendert, fragt man sich, was die Menschheit hierzulande früher so gemacht hat. Als noch nicht ein Fest das nächste jagte. Der ­Kalender der Festivitäten ist rappelvoll. Hätten Weihnachten und Silvester keine angestammten Plätze, man müsste fürchten, dass sie im Rausch der Sausen untergingen.

Schorlewetter fühlt sich anders an

Gut, der Regen hat dem Treiben auf dem Schiller- und Marktplatz in den ersten Tagen zugesetzt. Mit dem Ergebnis, dass es in den Lauben brechend voll war. Mit fortschreitendem Abend aber gewannen in den Gängen zwischen den Weinlauben plaudernde Schirmherren und -damen die Oberhand. Man lässt sich doch vom Wetter nicht vorschreiben, wo man sein Gläschen hochhält. Nur Starkregen wäre nicht fein gewesen, Schorlewetter fühlt sich anders an.

Wo kommen die ganzen Leute her?

Man darf sich angesichts des seit Jahren nicht abebbenden Zustroms an Weindorfbesuchern schon fragen: Wo kommen eigentlich die ganzen Leute her? Eine Antwort lautet: Event-Tourismus. Längst ist der moderne Mensch nicht mehr damit zufrieden, sich vor der eigenen Haustür zu vergnügen. Herrenberger, Strümpfelbacher, Schweizer, ­Italiener, alle sind sie da, wenn die Stuttgarter ihre Innenstadt für anderthalb Wochen zum Dorf machen. Ein alter Wengerter-Spruch lautet: „Wir haben so viel Wein. Wir müssen ihn sogar verkaufen.“ So ähnlich verhält es sich inzwischen auch mit Festen. Deshalb: Auswärtige are welcome.

Württembergisches Fest mit internationalem Flair

Das Stuttgarter Weindorf ist längst ein württembergisches Fest mit internationalem Flair. Bei der Eröffnungsfeier im Innenhof des Alten Schlosses spielte ein Trio den Beatles-Klassiker ­„Here comes the sun“ – nachdem zuvor der gut gebräunte, aus ­Heilbronn stammende Innenminister sonnenverwöhnten badischen Wein erwähnt hatte. Strobl kam aus der Sache wohl nur deshalb ungestraft heraus, weil er gleich darauf auf die charakterstarken Württemberger verwies.

Kein Bierbauch zog vor Gericht

Charakter ist gefragt, nicht nur, wenn es um den Inhalt von Flaschen geht, aber eben eben auch da. Gerstensaft darf beim Stuttgarter Weindorf nach wie vor nicht ausgeschenkt werden – man muss das deshalb erwähnen, da es eigentlich ein Wunder ist, dass in Zeiten der Achtsamkeit noch kein sensibler Bierbauch vor Gericht zog, weil er sich in seinen Trinkgewohnheiten verletzt fühlt.

Vegatarier sind als Mitesser geduldet

Auf den Speisekarten der Lauben findet man nach wie vor die schwäbischen Grundnahrungsmittel Linsen mit Spätzle und Maultaschen. Aber die Bandbreite des Angebots wächst von Jahr zu Jahr – ohne dabei überkandidelt zu wirken. Vegetarier sind als Mitesser geduldet. Und zum Glück hat man sich der akustischen Aufrüstung mittels elektronisch verstärkter Musik nach wie vor widersetzt. Aufgerüstet haben aus gutem Grund nur die Polizisten, die das Areal an den Zugängen bewachen.

Möge der Weingeist auch weiter mit dem Stuttgarter Weindorf sein. In diesem Sinne: Frohes Feschten. Aber treiben Sie es nicht zu fescht.

tom.hoerner@stzn.de

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