Wir machen zum Start des Stuttgarter Weindorfs den Faktencheck: Was ist dran an den zehn häufigsten Weinmythen? Für schnelle Leser gibt es die Antworten in unserer Bilderstrecke. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bier auf Wein, das lass’ sein, ein Gläschen am Tag ist gesund und Rotwein muss bei Zimmertemperatur getrunken werden. Was ist dran an all den Mythen? Ein Faktencheck zum Stuttgarter Weindorf.

Stuttgart - Die Weinwelt ist für viele Menschen nach wie vor mit vielen Mythen verbunden. Bier auf Wein, das lass’ sein, ein Gläschen am Tag ist gesund und Rotwein muss bei Zimmertemperatur getrunken werden, damit er sein Aroma entfaltet. Fast jeder kennt diese Volksweisheiten.

Beliebt ist deutscher Wein im ganzen Land. Produziert wird er aber nur in 13 Anbaugebieten. Dabei decken die fünf größten Gebiete, Rheinhessen, Pfalz, Baden, Württemberg und Mosel, bereits 84 Prozent der Anbaufläche ab. Die gesamte Rebfläche umfasst nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes mehr als 100 000 Hektar - das sind 1000 Quadratkilometer oder ein gutes Stück mehr als die Fläche des Bundeslandes Berlin.

Produziert wurden 2016 rund neun Millionen Hektoliter oder etwa elf Liter pro Einwohner. Mit Abstand die höchste Erzeugung hat Rheinland-Pfalz, gefolgt von Baden-Württemberg.

Da lohnt es sich, bekannte Wein-Weisheiten näher zu beleuchten. Ernst Büscher, Experte beim Deutschen Weininstitut (DWI) erklärt, welche Mythen über Wein stimmen – und welche Unsinn sind.

Mythos 1: Bier auf Wein, das lass sein – Wein auf Bier, das rate ich Dir

„Diese Volksweisheit hat einen historischen und sozio-kulturellen Hintergrund. Wein war jahrhundertelang immer das höherwertige Getränk, das den privilegierten Schichten vorbehalten war. Das gemeine Volk trank Bier. Damit galt Wein auf Bier zu trinken als sozialer Aufstieg und umgekehrt als Abstieg.“

Mythos 2: Rotwein muss bei Zimmertemperatur getrunken werden

„Die oft zitierte ‚Zimmertemperatur’ für den Genuss von Rotwein stammt noch aus der Zeit vor der Zentralheizung. Die heutigen Zimmertemperaturen von über 20 Grad sind viel zu warm. Rotweine sollten bei 14 bis 16 Grad getrunken werden.

Je hochwertiger der Wein, desto wärmer darf er sein. Aber: Der Wein erwärmt sich relativ schnell am Tisch oder auf der Sommerterrasse. Deshalb kann man den Wein ruhig ein wenig kühler einschenken.“

Mythos 3: Käse und Rotwein passen gut zusammen

„Dass zu Käse vor allem Rotwein passt, ist eine Einsicht aus Regionen, in denen es traditionell fast nur Rotwein gab. Die Weintypen, die am häufigsten zu Käse passen, sind trockene bis halbtrockene Weißweine. Rotweine sind in der Regel zu Hartkäsen zu empfehlen.

Als Faustregel gilt: Je fettreicher der Käse, desto süßer darf der Weißwein sein. Je trockener und salziger der Käse, desto gerbstoffbetonter der Rotwein.“

Mythos 4: Hitze und Sonne machen einen guten Wein aus

„Die Rebe ist schon ein Sonnenkind, aber auch kein Kaktus. Eine ideale Witterung während des Sommers beinhaltet längere Sonnenperioden, aber eben auch zwischendurch ausgiebige Landregen, die die Wasserspeicher in den Böden immer wieder auffüllen. Temperaturen um die 25 Grad Celsius reichen übrigens völlig aus.

Bei zu hohen Temperaturen können die Trauben sogar Sonnenbrand bekommen. Sehr entscheidend für die Qualität eines Jahrgangs ist die Witterung im Herbst. In dieser Zeit wünschen sich die Winzer möglichst wenig Regen. Sonnige Herbsttage und kühle Nächte sind zudem förderlich für die Ausprägung der Aromen in den Beeren.“

Mythos 5: Rotwein muss atmen

„Die Aromastoffe im Rotwein entfalten sich erst in Verbindung mit Sauerstoff. Für einfache Rotweine reicht der Sauerstoffkontakt, den sie durch das Einschenken in das Glas bekommen, in der Regel aus. Dass Rotweine durch das Atmen harmonischer werden, gilt nur für hochwertige Tropfen. Sie öffnen sich am besten durch das Umfüllen in eine Dekantierkaraffe. Es reicht nicht die Flasche nur eine Zeit lang geöffnet stehen zu lassen, da der Sauerstoffaustausch über den schmalen Flaschenhals zu gering ist.“

Mythos 6: Über Eiswein muss einmal Frost gegangen sein

„Eiswein entsteht durch das Gefrieren der Beeren am Rebstock. Mindestens minus sieben Grad Celsius braucht es, bevor die Eiswein-Trauben gelesen werden dürfen, idealerweise sind es minus 10 bis minus 12 Grad Celsius.

Die natürlich gefrorenen Trauben werden in diesem eisigen Zustand in der Regel am frühen Wintermorgen gekeltert. Das in den Beeren enthaltene Wasser bleibt so als Eis auf der Kelter zurück, während nur der süße Saft, dessen Gefrierpunkt tiefer liegt als der von Wasser, als hoch konzentrierter Most gewonnen und zum Eiswein vergoren wird.“

Mythos 7: Nur Billigweine haben einen Schraubverschluss

„Schraubverschlüsse wurden hierzulande bis vor etwa zehn Jahren vornehmlich nur für einfache Qualitäten eingesetzt. Dies hat sich aber seitdem sehr stark gewandelt. Mittlerweile werden Weine aller Qualitätsstufen, auch Spitzenweine, mit einem Schraubverschluss abgefüllt. Ihr Anteil dürfte bei den deutschen Weinen zwischenzeitlich bei über 50 Prozent liegen.“

Mythos 8: Alte Rotweine müssen unbedingt dekantiert werden

„Bei der Frage, ob ein Wein dekantiert werden soll oder nicht, kommt es mehr auf die Qualität als auf das Alter an. Für einen hochwertigen, gereiften Wein empfiehlt sich das Dekantieren in der Regel schon. Ansonsten geht sehr viel Genuss verloren, weil der Wein zu verschlossen bleibt. Bei sehr alten Weinen kann das Dekantieren aber auch ins Gegenteil umschlagen, weil der viele Sauerstoff den Wein zu stark oxidiert.“

Mythos 9: Ein Gläschen Wein am Tag ist gesund

„Viele unabhängige wissenschaftliche Studien haben in den letzten Jahren bestätigt, dass Rot- UND Weißwein in Maßen genossen positive Effekte auf die Gesundheit haben. Moderate Weintrinker sind insbesondere weniger von den sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ wie Herzinfarkt oder Diabetes Typ 2 betroffen. Der gesundheitliche Benefit ist zum einem auf das Ethanol und zum anderen auf die phenolischen Substanzen im Wein zurückzuführen.“

In Maßen genießen heißt: bis zu 20 g Alkohol pro Tag für die Frau und bis zu 30 g für den Mann, was etwa 0,2 l bzw. 0,3 l eines mittelkräftigen Weins entspricht. Trinkt man regelmäßig viel mehr Alkohol, ist das Risiko für viele Erkrankungen, vor allem von Leber und Bauchspeicheldrüse sowie für verschiedene Krebsarten erhöht.“

Mythos 10: Im Wein liegt die Wahrheit

„Es liegt sicherlich nicht „die“ Wahrheit im Wein. Das lateinische Sprichwort „In vino veritas“ will sagen, dass im Wein Wahrheit liegen kann, weil ein guter Wein in Gesellschaft genossen, bisweilen die Zunge löst.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: