Post von einer Leserin: ein Karton voll Stuttgarter Stadtgeschichte. Foto: jan

Die Stadt ist mit ihrer Geschichte oft nicht pfleglich umgegangen, meint Lokalchef Jan Sellner. Jetzt ist vielerorts in der Stadt jedoch ein Geschichts-Trend festzustellen.

Stuttgart - Neulich wurde im Pressehaus ein großer Karton abgegeben. Darin kiloweise Geschichte. Sechs Bände eines „Stuttgart-Archivs“, das die Historie der Stadt erzählt. Eine Leserin aus Frickenhausen hatte einen Abnehmer gesucht: „Ich bin nun über 80 Jahre und beginne für die Sachen einen Platz zu finden.“ Ihre Wahl fiel auf die Lokalredaktion, die dem alten Stuttgart immer schon einen prominenten Platz widmet, wie das bilder- und kenntnisreiche „Stuttgart-Album“ des Kollegen Uwe Bogen zeigt. Zuvor hatte die Leserin, wie sie erzählt, die alten Bände intensiv studiert und dabei viel Interessantes über die Stadt erfahren.

Damit liegt die Dame aus Frickenhausen voll im Trend – dem Schwarz-Weiß oder Geschichtstrend. Tatsächlich beschäftigen sich derzeit auffällig viele Menschen an verschiedenen Orten Stuttgarts mit Stadtgeschichte. Das beginnt beim Kunstmuseum, das anlässlich der Ausstellung über Reinhold Nägele – des malenden „Chronisten der Moderne“ – Bürger um alte Stadtansichten bittet. Historische Fotos aus Privatbesitz sollen in die Schau mit aufgenommen werden. Die teilnehmenden Bürger werden so ihrerseits zu „Chronisten der Moderne“.

Das Haus des Dokumentarfilms sammelt private Filmaufnahmen

Das setzt sich fort beim Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, das die Bürger ebenfalls um historisches Material bittet – in dem Fall um alte Filme. Am 28. April besteht im neu eröffneten Stadtpalais Gelegenheit, eigenes Filmmaterial von Film- und Konservierungsprofis begutachten zu lassen und zugleich neu entdeckte Aufnahmen aus der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg zu betrachten, darunter Filme, die das Stadtleben in den 1960er Jahren zeigen.

Überhaupt das Stadtpalais – ein neuer Anziehungspunkt, nicht des neuen Namens wegen, sondern weil es ein verbreitetes Bedürfnis nach Selbstvergewisserung befriedigen kann: Wie wurde die Stadt, in der wir leben, zu dem, was sie ist. Was ging unterwegs verloren, was kam hinzu? Und wo stehen wir heute? Unter diesem Blickwinkel ist Stadtgeschichte, nicht rückwärtsgewandt. Sie ist zeitgemäß und persönlich. Diese Erfahrung können Besucher auch im Stadtarchiv in Bad Cannstatt machen, das sich dem Protest widmet („Kessel unter Druck“) sowie im Haus der Geschichte mit der Sonderausstellung „Die 60er Jahre“.

Geschichte zählte nie zu den Stärken der Kommunalpolitik

Das alles ist ermutigend in einer Stadt, die mit ihrer Geschichte oft nicht pfleglich umgegangen ist. „In Stuttgart hat man sich nicht sehr um die Wiederherstellung des im Krieg zerstörten alten Stadtbildes bemüht . . .“ schreibt die Dame mit dem Karton. Das gilt für „das Alte“ insgesamt. Geschichte zählte nie zu den Stärken Stuttgarter Kommunalpolitik. Wichtige Zeugnisse sind nach und nach und bis in die jüngere Gegenwart hinein aus dem Stadtbild verschwunden. Außerhalb der Museen erinnert nur wenig daran. Der öffentliche Raum ist prall gefüllt mit Sprechblasen und Werbesprüchen. Was hingegen die eigene Geschichte betrifft, ist Stuttgart schlecht beschriftet.

jan.sellner@stzn.de

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