Die Mooswand ist eine der Maßnahmen, mit denen die hohen Feinstaubwerte am Neckartor bekämpft werden sollen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am Wochenende ist die Feinstaubperiode zu Ende gegangen. Bis Mitte Oktober wird es keinen Alarm mehr geben. Doch die Luftbelastung ist nicht besser geworden.

Stuttgart - An diesem Samstag, 15. April, endet die zweite Feinstaubalarmperiode in Stuttgart, die am 15. Oktober begonnen hatte. Die erste Periode war im ersten Vierteljahr 2016. In diesen Zeiträumen ruft die Stadt Alarm aus, wenn aufgrund der Wetterlage eine Überschreitung der Grenzwerte bei Luftschadstoffen droht – vor allem beim Feinstaub. In den ersten drei Monaten diesen Jahres wurde im Vergleich zu 2016 drei Alarme mehr ausgerufen, die Dauer der Alarme war 13 Tage länger und an 35 statt zuvor 31 Tagen wurde der Tagesgrenzwert für Feinstaub von 50 Mikrogramm am Neckartor überschritten.

Wie sieht die Bilanz aus?

Im Jahr 2016 gab es von Januar bis Mitte April 22 Tage, an denen Feinstaubalarm ausgerufen wurde. In dieser Zeit wurde an 31 Tagen der Grenzwert überschritten, davon an 15 ohne Alarm. Bis zur nächsten Periode am 15. Oktober gab es in den Sommermonaten drei Überschreitungstage (einer im Mai, zwei im September), danach folgten bis Jahresende 30 weitere. Von Mitte Oktober bis Ende Dezember gab 37 Tage mit Feinstaubalarm. Im Jahr 2017 setzte sich der Trend fort. Es gab 48 Alarmtage und mindestens 35 Überschreitungstage (die rechtlich maßgeblichen gravimetrischen Messungen liegen nur bis zum 28. März vor). Nach den Ergebnissen eines anderen Messverfahrens ist danach aber nicht mit Überschreitungen zu rechnen. Auffallend: bei den beiden Alarmperioden Ende März und Mitte April blieben die Werte bei diesem Messverfahren unter 50 Mikrogramm.

Was sagt der Experte?

Laut dem Stadtklimatologen Reuter war für die hohen Werte von Mitte bis Ende Januar mit bis zu 180 Mikrogramm ein hartnäckiges Hochdruckgebiet verantwortlich. „Da gleichzeitig kein Regen fiel und kein Wind wehte, gab es quasi keinen Luftaustausch“, sagte Reuter. In den vergangenen Wochen seien die Werte kontinuierlich gesunken. Wenn es wärmer werde, erhöhe sich der Luftaustausch. Außerdem werde weniger geheizt. „Dadurch – und möglicherweise durch die Straßenreinigung – wurden deutlich weniger Schadstoffe gemessen“, sagte Reuter. In den kommenden Wochen und Monaten werde der Grenzwert erfahrungsgemäß unterschritten. Reuters Fazit: „Der Feinstaubalarm hat sich als Vorhersageinstrument bewährt, seine Prognosen treffen fast immer zu.“

Was wurde getan?

Während des Feinstaubalarms gab es Einzelfahrscheine und Vierertickets zum Kinderpreis, damit sollen Autofahrer freiwillig zum Umsteigen motiviert werden. Der Autoverkehr habe aber nur geringfügig abgenommen, heißt es intern. Seit dem 24. Februar dürfen Komfortkamine an Feinstaubalarmtagen nicht benutzt werden. Ein Mitarbeiter unternimmt laut der Stadt Kontrollgänge, es seien „bereits Informationsgespräche“ geführt worden, Sanktionen gab es keine. Außerdem wurde vom 1. März bis 15. April ein Versuch mit einer intensiven Straßenreinigung am Neckartor durchgeführt. An der B 14 steht zudem seit einigen Wochen eine Mooswand, die Feinstaubpartikel herausfiltern soll.

Die Zukunft: wie geht es weiter?

Der Mooswandversuch wird bis Ende des Jahres ausgewertet, die intensive Straßenreinigung, deren Ergebnisse bis Ende April vorliegen sollen, wird vermutlich fortgesetzt. Wie es mit ermäßigen VVS-Tickets weitergeht, wird derzeit intern debattiert. Weiter anhängig sind Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht. Ebenfalls offen ist, wie die vom Land von 2018 geplanten Fahrverbote konkret ausgestaltet werden und ob es Nachrüstungslösungen gibt.

Welche Reaktionen gibt es?

„Die Appelle zum freiwilligen Autoverzicht sind gescheitert“, sagte die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender. „Es ist daher zwingend, dass Land und Stadt sich von den kosmetischen Maßnahmen verabschieden und die Daumenschrauben anziehen“. Um die hohen Stickstoffdioxidwerte zu senken, müssten schmutzige Dieselfahrzeuge aber „ganzjährig und im gesamten Stadtgebiet verbannt“ werden. Ausnahmen dürfe es nur für Diesel geben, die die Euro-6-Norm unter realen Fahrbedingungen einhalten würden, so BUND und Umwelthilfe. Zudem fordert der BUND weniger und teurere Parkplätze, Tempolimits auf Zufahrtsstraßen und Autobahnen, Pförtnerampeln, Umwidmung von Autospuren für ÖPNV und Radverkehr. Dagegen kritisieren CDU, SPD, FDP und Freie Wähler sowie die Wirtschaft die Fahrverbote. Sie fordern alle mehr ÖPNV, aber teilweise auch neue Straßen, um Stuttgart zu entlasten.

Höchste Passantenfrequenz bundesweit trotz Feinstaubalarms

Beschädigt der Feinstaubalarm das Image Stuttgarts? Hält er Kunden und Touristen vom Besuch der Landeshauptstadt ab? Darüber wird in Politik- und Wirtschaftskreisen diskutiert. OB Fritz Kuhn verteidigt das Vorgehen, weil „wir das Thema nicht unter den Teppich kehren können“. Kritiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann sagen: „Wer das hört, fährt nicht hin.“

In der Passantenfrequenzzählung des Immobilienunternehmens Engel & Völkers landete in diesem Jahr die Stuttgarter Königstraße mit 17 018 Passanten pro Stunde noch vor den München, Hamburger und Frankfurter Topadressen auf Platz 1. Gezählt wurde am 1. April 2017 in der Zeit von 14 bis 16 Uhr. Da war in Stuttgart die besucherstarke Lange Einkaufsnacht, aber auch in anderen Städten seien besondere Events und gutes Wetter gewesen, so Engel & Völkers. An der Werkstagszählung am Dienstag, 28. März, landete die Königstraße auf Platz drei mit mehr als 7200 Passanten pro Stunde – ein Drittel mehr als der Vorjahreswert. Sowohl am 28. März als auch am 1. April war in Stuttgart der Feinstaubalarm ausgerufen.

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