Die etablierten Parteien haben Mühe, die bürgerliche Mitte zu erreichen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die etablierten Parteien verlieren selbst im bürgerlichen Milieu an Rückhalt, zeigt eine Bertelsmann-Studie auf. Die Spaltung der Wählerschaft verläuft mittlerweile zwischen Skeptikern und Befürwortern der sozialen und kulturellen Modernisierung.

Stuttgart - Die großen Parteien CDU/CSU und SPD müssen sich größere Sorgen um ihre Zukunft machen als bisher angenommen. „Die etablierten Parteien verlieren in der bürgerlichen Mitte deutlich an Terrain“, sagt Robert Vehrkamp, Demokratieexperte der Bertelsmann-Stiftung. „Der Kampf um die Mitte hat sich massiv verschärft.“ Folglich dürfe der AfD-Erfolg am 24. September nicht vorrangig als ostdeutsches Phänomen interpretiert werden.

Die Stiftung hat in einer Studie erstmals das Wahlverhalten der sozialen Milieus bei einer Bundestagswahl analysiert. Demnach macht die AfD im Kampf um die bürgerliche Mitte vor allem der Union das Leben schwer. In diesem Milieu erreichten die Rechtspopulisten 20 Prozent der Wähler, was einem Zuwachs gegenüber 2013 von fast 15 Prozentpunkten entspricht. In gleichem Umfang haben CDU/CSU hier an Stimmen verloren und somit den höchsten Verlust aller Parteien in einem Einzelmilieu erlitten.

Insgesamt haben in der bürgerlichen Mitte etwa 40 Prozent aller Wahlberechtigten entweder gar nicht oder die AfD gewählt. Dies wirkt sich auf die rechnerischen Mehrheiten aus: Eine große Koalition würde nur noch etwa 42 Prozent und eine Jamaika-Koalition nur noch 39 Prozent aller Wahlberechtigten aus der bürgerlichen Mitte repräsentieren. Für die repräsentative Studie würden über das YouGov-Online-Panel im Auftrag der Stiftung 10 271 Bürger nach der Wahl befragt – hinzu kamen Daten von Infratest Dimap aus bundesweit repräsentativen Stimmbezirken.

Immer weniger Anhänger im sozial prekären Milieu

Während die etablierten Parteien in der bürgerlichen Mitte verlieren, erreichen sie im sozial prekären Milieu kaum noch Wähler. In der sozialen Unterschicht lag die geschätzte Wahlbeteiligung bei 58 Prozent, fast 20 Prozentpunkte unter der Gesamtwahlbeteiligung. Gleichzeitig kam die AfD dort mit 28 Prozent auf ihr stärkstes Ergebnis. Gut 63 Prozent aller Wahlberechtigten haben in diesem Bereich entweder gar nicht, eine sonstige Partei oder die AfD gewählt. „In keinem anderen Milieu ist der Erosionsprozess der etablierten Parteien und die Dominanz der Nicht- und Protestwähler so weit fortgeschritten wie im prekären Milieu“, sagt die Mitautorin der Studie, Klaudia Wegschaider. Folglich müssten sich wieder stärker mit der Realität der Wähler in den verschiedenen Lebenswirklichkeiten befassen.

Soziale Spaltung bei Wahlbeteiligung geschrumpft

Den Erkenntnissen der Bertelsmann-Forscher zufolge sei die soziale Spaltung jedoch mit Blick auf die Wahlbeteiligung erstmals seit 1998 wieder spürbar zurückgegangen. In den sozial prekären Stimmbezirken mit den sonst niedrigsten Wahlbeteiligungen motivierte diesmal die AfD viele Menschen zum Wählen. Somit hat sich die Diskrepanz zwischen einer hohen Beteiligung in wirtschaftlich und sozial starken Wohnvierteln sowie einer schwachen Beteiligung in wirtschaftlich schwachen Vierteln gegenüber der Bundestagswahl 2013 deutlich verkleinert. Eine derartige Verringerung der sozialen Spaltung sei zuletzt 1998 beim Wahlsieg der SPD beobachtet worden.

Links-Rechts-Schemata verlieren an Wert

Bisherige Links-Rechts-Einordnungen haben für die Erklärung des Wahlverhaltens offenbar ausgedient. Stattdessen tut sich eine neue Konfliktlinie der Demokratie auf, die quer durch die Wählerschaft zwischen Modernisierungsskeptikern und -befürwortern verläuft. In skeptischen Milieus identifizieren sich die Menschen mit Begriffen wie „Tradition“ oder „Besitzstandswahrung“. Für die Modernisierung aufgeschlossene Kreise erachten dagegen „Grenzüberwindungen“ und „Beschleunigung“ als prägende Begriffe. Knapp zwei Drittel aller AfD-Wähler kommen aus Milieus, die eher modernisierungsskeptisch sind. Damit habe die AfD im Parteienspektrum ein Alleinstellungsmerkmal, so die Forscher.

Größter Modernisierungsdrang bei Grünen-Wählern

Die Wähler aller anderen im Bundestag vertretenen Parteien gehören mehrheitlich den Befürwortern an. Am knappsten fällt diese Mehrheit mit 52 Prozent bei den Unionswählern aus, am klarsten bei den Grünen-Wählern (72 Prozent). Positiv sehen die Modernisierung auch 56 Prozent der SPD-Wähler, 59 Prozent der FDP-Anhänger und 62 Prozent der Linken-Wähler.

Demnach würden bei einer großen Koalition 53 Prozent ihrer Wähler aus den modernisierungsfreundlichen Milieus stammen und 47 Prozent aus den Kreisen der Skeptiker. Bei einer Jamaika-Koalition würde dieses Verhältnis mit 57 zu 43 Prozent deutlicher zugunsten der Befürworter ausfallen. Ähnliche Entwicklungen haben sich schon in Frankreich, Österreich, den Niederlanden und den USA gezeigt. Auch in Deutschland könnten viele der anstehenden politischen Kontroversen entlang dieser neuen Konfliktlinie ausgetragen werden, sagt der Demokratieexperte Vehrkamp voraus.

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