Bis zu 40 Minuten brauchen die Kinder in Mönchfeld für ihren Schulweg. Foto: dpa-Zentralbild

Sind 2,4 Kilometer Schulweg zu lang für ein sechsjähriges Kind? Darüber ist in Stuttgart-Freiberg Streit entbrannt. Elternvertreter und Schule wünschen eine Extra-Busschleife, die Stadt lehnt das ab.

Stuttgart - Sind 2,4 Kilometer Schulweg zu lang für ein sechsjähriges Kind? Darüber ist in Stuttgart Streit entbrannt – nicht zum ersten Mal. Das Problem tritt auf, sobald Schulbezirke neu zugeschnitten werden. Der Grund diesmal: die Mönchfeldschule wurde auf Beschluss des Gemeinderats mit der Herbert-Hoover-Schule in Stuttgart-Freiberg zusammengelegt. Vom kommenden Schuljahr an müssen alle Erstklässler mit Ganztag nach Mönchfeld, in Freiberg wird es nur noch eine Außenstelle mit Halbtagsklasse geben. Das hat vor allem für viele Freiberger Kinder einen längeren Schulweg zur Folge. Die Elternbeiratsvorsitzende Margarete Pusnik hält das für „unzumutbar“. Gemeinsam mit Schulleiterin Miriam Brune setzt sie sich für einen Schülerbus oder eine Extra-Schleife des Linienbusses ein. Vom Schulverwaltungsamt kassierten sie eine Absage, die Antwort von den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) steht noch aus.

„Man kann doch Sechsjährige nicht den unbeleuchteten Weg durch die Weinberge laufen lassen“, sagt Margarete Pusnik. Davon ist bisher allerdings nicht die Rede. Der Entwurf des neuen Schulwegplans sieht Empfehlungen durchs Wohngebiet vor. Schule und Elternbeirat seien in die Planungen einbezogen. „Wir suchen die sichersten Querungsstellen und schauen, ob die Wege beleuchtet sind“, sagt Susanne Putzien, die Schulwegsbeauftragte bei der städtischen Straßenverkehrsbehörde. „Der längste Laufweg ist 2,4 Kilometer“, sagt sie. Und räumt ein: „Wir haben das Schulverwaltungsamt drauf hingewiesen, dass der Weg schon sehr weit ist.“ In Zahlen: „25 Minuten bei normalem Schritt.“ Auch Pusnik und Brune sind die Strecke abgelaufen, allerdings gemeinsam mit Kindern. Sie brauchten 40 Minuten.

Für Grundschüler setzt die Stadt keine Sonderbusse ein

Bereits am 16. Januar haben Elternvertreterin und Schulleiterin der Stadt vorgeschlagen, die Buslinie 54 zu den Stoßzeiten eine Schleife beziehungsweise eine Verlängerung am Schulzentrum Freiberg vorbeifahren zu lassen – und dann über die Haltestelle Freiberg bis zur Aalstraße, wo die Mönchfeldschule ist. Am liebsten wäre ihnen jedoch eine Direktverbindung zwischen beiden Schulen per Bus.

Am 4. Mai kam die Antwort vom Schulverwaltungsamt: Ein Busverkehr für Grundschulen sei „leider nicht möglich“. Schülertransporte würden nur zu den Sonderschulen eingesetzt. Und für den Schulweg für Grundschüler gelte der Grundsatz: „Kurze Beine – kurze Wege.“ Hierfür werde ein Radius von bis zu zwei Kilometern angenommen, ein Großteil der Schüler wohne innerhalb dieses Radius.

„Wir sagen, zwei Kilometer Luftlinie sind zumutbar – die legen wir bei allen Stuttgarter Schulen zugrunde“, bestätigt Amtsleiterin Karin Korn auf Anfrage. Grundschüler könnten zu Fuß gehen oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen – die Stadtbahn U 7 oder den 54er Bus. Dafür gebe es ein bezuschusstes Scoolticket, auch bei einer Entfernung unter drei Kilometer.

Karin Korn versteht die Aufregung nicht: „Die Schulbezirksänderung ist breit vor Ort diskutiert worden.“ Sie verweist auf die Möglichkeit des sogenannten Laufbusses: „Wenn Eltern das richtig organisieren an der Schule, dann können die Kinder einander abholen.“ Der Vorteil sei: „Dann reden die Kinder miteinander, bewegen sich und lernen sich zu orientieren.“ Das findet Schulleiterin Brune auch – jedenfalls im Prinzip: „Es ist gut, wenn die Kinder einen gemeinsamen Schulweg gehen,“ sagt die Pädagogin. Allerdings müsse dies erst einmal geübt werden, doch viele Eltern schafften das nicht.

Manchen Müttern und Vätern sei eine anfängliche Begleitung der Kinder nicht möglich, weil sie berufstätig und auf die Frühbetreuung angewiesen seien. Andere hätten „weder Interesse noch das Vermögen, sich einzubringen“. Hinzu komme, dass viele kaum deutsch könnten. Deshalb habe man auch schon über Patenschaften von Ehrenamtlichen nachgedacht, die die Kinder anfangs begleiten. Aber, so Brune: „Es ist schwierig, Personen aus dem Stadtteil zu akquirieren.“

Die Halbtagsklasse musste wegen Überfüllung abweisen, der Hort fährt einen Sonderkurs

Bisher seien es eher die Eltern mit Autos, die ihre Kinder beim Ganztag in Mönchfeld angemeldet hätten. Manche Eltern hätten auf den Halbtag umdisponiert, obwohl sie eigentlich auf Ganztagsbetreuung angewiesen seien, berichtet Brune. Nun habe es für die Halbtagsklasse in Freiberg 35 Anmeldungen gegeben – zu viele. Deshalb habe man einige Kinder abweisen müssen und schicke sie nach Mönchfeld. Vorrang beim Bleiben hätten Kinder, die in Richtung Zuffenhausen wohnen, deren Eltern alleinerziehend und berufstätig sind oder bereits Geschwister in der Mönchfeldschule haben. Für sieben Erstklässler gebe es eine Sonderregelung: Sie werden im Hort der Caritas betreut, obwohl dies dem Gemeinderatsbeschluss widerspricht. Denn in Stadtbezirken mit Ganztagsschule dürfen keine Hortkinder mehr aufgenommen werden.

Nicht nur Elternvertreter und Schule befürchten künftig vor der Mönchfeldschule ein morgendliches Verkehrschaos, auch Susanne Putzien rechnet mit einem erheblichen Hol- und Bringaufkommen. Als besonders problematisch bewertet die städtische Schulwegbeauftragte die Rangiermanöver der Elterntaxis: „Kurz vor der Schule ist der Schulweg am gefährlichsten“, sagt sie. Oder andersrum: „Wenn jeder sich an die Verkehrsregeln halten würde, dann wäre der Schulweg supersicher.“

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