Ehrenamtliche sorgen dafür, dass die Kinder gefahrlos die Straße überqueren können, um zur Altenburgschule zu gelangen. Doch Verkehrsrowdys ist das egal. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Vor Unterrichtsbeginn spielen sich vor der Altenburgschule auf dem Hallschlag chaotische Verkehrsszenen ab. Nicht nur Schüler, auch Schülerlotsen wurden von Autofahrern in Gefahr gebracht. Jetzt gibt es die ersten Anzeigen.

Stuttgart - Sie halten im absoluten Halteverbot, überholen parkende Autos mit quietschenden Reifen – und ignorieren sogar Schülerlotsen. Vor der Altenburgschule auf dem Hallschlag spielen sich morgens oft „regelrechte Wildwest-Szenen“ ab, wie die Schulleiterin Katrin Steinhülb-Joos berichtet. Daran beteiligt seien leider auch einzelne Eltern, Anwohner, aber auch Fremde. „Das Problem verfolgt uns seit Jahren“, sagt Steinhülb-Joos. Das ist kein Einzelfall. Auch andere Schulen in Stuttgart haben Mühe, die Verkehrssituation in den Griff zu bekommen. Gegen zwei Verkehrsrowdys ermittelt jetzt die Polizei.

„Ich habe das angezeigt“, berichtet Alex Böhle. Der Elternbeiratsvorsitzende der Altenburgschule kennt die Situation vor Ort, denn er engagiert sich zusammen mit vier weiteren Eltern ebenfalls morgens als Schulweghelfer. Zwei Schülerlotsen aus der siebten Klasse seien ganz aufgelöst auf ihn zugekommen, nachdem sie an dem frühen Januarmorgen gleich zweimal von Autofahrern in Gefahr gebracht worden seien. Erst sei die Fahrerin eines schwarzen Wagens bedrohlich nah zu einem der Schülerlotsen aufgefahren und habe ihn mit hektischen Handbewegungen aufgefordert, von der Straße zu gehen. Dabei hätten die beiden Siebtklässler gerade mit reflektierender Warnweste und Kelle die Straße blockiert, um die anderen Kinder sicher über die Straße zu lassen. Ein anderer Fahrer eines schwarzen Audis sei einfach an der Kelle des Schülerlotsens vorbeigefahren und habe den Jungen dabei mit seinem Außenspiegel gestreift. Die Schüler, beide 13, hatten sich aber die Kennzeichen gemerkt.

Polizei ermittelt gegen zwei Verkehrsrowdys

Gegen die Fahrzeughalter werde ermittelt, sagt Polizeisprecher Thomas Doll – im ersten Fall drohe der Beschuldigten wegen Nötigung eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, im zweiten Fall gehe man von einer Gefährdung des Straßenverkehrs aus, das könne bis zu fünf Jahre Haft bedeuten. „Und es steht die Frage im Raum, ob die Zuverlässigkeit eines Fahrzeugführers nach so einem Vorfall noch gegeben ist“, so Doll. Daher werde auch die Führerscheinstelle über die Vorfälle informiert.

Die Schulleiterin Steinhülb-Joos berichtet noch von einem weiteren Fall, bei dem ein Radfahrer die Schülerlotsen ignoriert habe und somit diese und andere Kinder in Gefahr gebracht habe. Die meisten Eltern, so Steinhülb-Joos, seien ja vernünftig – „aber einzelne Eltern oder Anwohner sind sehr beratungsresistent“. So habe ein Vater sein Kind fünf Meter vor den Schülerlotsen über die Straße geschickt, ein anderer habe im absoluten Halteverbot geparkt, sein Kind zur Schule gebracht und den Motor laufen lassen – vor den Augen der Polizei. Die Pädagogin konstatiert „eine allgemeine Ignoranz und Arroganz, die sich bei einigen breit gemacht hat – ein gesellschaftliches Problem“.

In einem Brief an die Eltern lobt sie das Engagement der Lotsen und bittet die Eltern um mehr Rücksicht: „Als Rektorin erwarte ich, dass sich unsere Eltern und alle anderen Autofahrer und Radfahrer verantwortungsvoll auf der Straße verhalten und unter keinen Umständen Kinder in Gefahr bringen.“ Auch die beiden betroffenen Schülerlotsen aus der 7a kommen in dem Brief zu Wort: „Wir wünschen uns Respekt und erwarten, dass sich Autofahrer an die Regeln halten. Alle Kinder sollen sicher zur Schule kommen.“

Vater wird als Schulweghelfer von Autofahrern beleidigt

Alex Böhle berichtet, er sei als Schulweghelfer zwar noch nicht bedroht, aber schon öfters von Autofahrern beleidigt worden, wenn er sie gebeten habe, doch bitte nicht im absoluten Halteverbot vor der Schule zu parken. Erst kurz vor Weihnachten hatte die Altenburgschule die Aktion gestartet, Schüler und Eltern als Lotsen einzusetzen – nach entsprechender Schulung. Anlass sei gewesen, dass kurz vor den Herbstferien eine Schülerin fast von einem Auto überfahren worden sei, das mit quietschenden Reifen um ein parkendes Auto herumgefahren sei. Der Verkehrsrowdy habe eine Vollbremsung gemacht, der Vater habe das Mädchen gerade noch von der Straße zurückziehen können.

„Am liebsten hätten wir einen Zebrastreifen“, sagt Steinhülb-Joos. Doch dafür reiche offenbar das Verkehrsaufkommen an der Altenburgschule mit ihren 659 Schülern und 125 Mitarbeitern nicht aus. Mit der Aktion Laufbus, bei der Schüler einander auf dem Schulweg abholen, habe man bereits versucht, die Zahl der Elterntaxis einzudämmen, berichtet die Schulleiterin. Auch an der Aktion Goldener Schuh habe sich die Schule beteiligt, bei der die Klasse belohnt worden sei, in der die meisten Kinder den Schulweg zu Fuß zurückgelegt hätten.

Auch anderen Schulen gibt es uneinsichtige Eltern

Auch andere Schulen haben mit uneinsichtigen Eltern zu kämpfen. Vor zwei Jahren hatte sich der Leiter der Schillerschule in Bad Cannstatt mit einem Brandbrief an die Eltern gewandt, um die von ihnen verursachten Störungen abzustellen – damals ging es nicht nur um gefährliche Parkmanöver, sondern auch um massive Störungen des Schulbetriebs. Als Reaktion hatte das Schulamt eine Aktionswoche „Sicher zu Fuß in die Schule“ initiiert, an der sich mehr als 6000 Grundschüler beteiligten. Auch im Referat von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) sind die Probleme bekannt. „Das Elterntaxi hat in den letzten Jahren Ausmaße angenommen, die nicht tolerierbar sind“, so Schairers Referent Hermann Karpf – „aber das ist auch eine Frage von Kontrolle und Sanktionen“.

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