Fahrgäste meiden laut einer SSB-Kundin das Wartehäuschen an der Olgastraße, weil es dort zu heiß ist. CDU und Grüne wollen das ändern Foto: Cedric Rehman

Die Stuttgarter Grünen schlagen vor, ein Wartehäuschen der SSB an der Olgastraße zu bepflanzen. Vorbild ist das holländische Utrecht, wo es über 300 begrünte Bushäuschen gibt. Doch ist Utrecht ein Modell für Stuttgart?

S-Mitte - Die Drehbuchautorin und Regisseurin Sigrid Klausmann freute sich, als sie auf dem sozialen Netzwerk Facebook einen Beitrag über bepflanzte Bushäuschen in der niederländischen Stadt Utrecht las. Dort wurden mehr als 300 Bushäuschen mit Mauerpfeffer begrünt. Bienen und Insekten mögen die Zierpflanze. Menschen haben zweierlei Nutzen von den bepflanzten Dächern auf den Wartehäuschen. Jedes Stück Grün in der Stadt schluckt das Treibhausgas Kohlendioxid und trägt zum Klimaschutz bei. Der Pflanzenwuchs auf den Dächern spendet außerdem Wartenden Schatten. Zusätzlicher Schutz vor Sonne und Wärme ist in den als Folge des Klimawandels zunehmenden Hitzesommern wichtig.

Einige Kunden der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hätten sich der Beobachtung Klausmanns zufolge während der Hitzewelle im Juni an der Olgastraße über ein schattiges Plätzchen nach dem Vorbild der Utrechter Bushäuschen gefreut. „Als ich da neulich auf den Bus wartete an einem der heißen Tage, saß kein Mensch auf dem Bänkchen, sie hatten sich in den schmalen Schattenstreifen der Häuser geflüchtet, auch ältere Menschen, die sicher lieber gesessen wären“, erzählt Klausmann. Das 2018 nach der Verlegung und dem Umbau der Haltestelle neu errichtete Bushäuschen sehe zwar schick aus, meint Klausmann. „Es ist aber ungeeignet für die Hitze“, sagt sie.

Grüne fordern Bepflanzung

Die Regisseurin trug ihre Schilderung an die Grünen im Bezirksbeirat Mitte heran und verwies dabei auf Utrecht. Die Fraktion fordert nun die SSB auf, das Wartehäuschen an der Olgastraße zu bepflanzen. Die CDU-Gemeinderatsfraktion dreht das Rad noch weiter. Sie fordert die SSB auf, für eine Dachbegrünung ihrer Wartehäuschen in der ganzen Stadt nach dem Vorbild Utrechts zu sorgen. Die CDU schlägt eine Finanzierung aus dem Klimaschutzfonds vor.

Auch Wolfgang Kaemmer, Sprecher der Grünen-Fraktion im Bezirksbeirat, könnte sich vorstellen, dass ein begrüntes Bushäuschen an der Olgastraße Beispiel für den Rest Stuttgarts wird. Mehr bepflanzte Flächen seien nötig, um die Luftqualität zu verbessern, meint er.

Ähnlich sieht das auch der Naturschutzbund (Nabu). „Der Nabu findet das Vorhaben, SSB-Bushäuschen zu bepflanzen gut. Denn wir haben ohnehin zu wenig begrünte Flächen in unseren Städten“, erklärt Nabu-Sprecherin Marina Cankovic. Bepflanzte Dächer von Bushäuschen leisteten ihren Beitrag zum Stadtklima und nützten Tieren und Menschen, erläutert sie. „Allerdings sollten die Pflanzen einheimische sein, am besten heimische Wildpflanzen. Darüber freuen sich zum Beispiel Schmetterlinge und Wildbienen“, meint sie.

Stadtseniorenrat äußert Bedenken

Werner Schüle vom Stadtseniorenrat ist auch im Fahrgastbeirat des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS). Er würde es begrüßen, wenn Wartehäuschen mehr Schatten spenden. Denn Senioren litten besonders unter der Hitze. Allerdings erhöhten nach allen Seiten transparente Glashäuschen auch die Sicherheit der Fahrgäste, gibt er zu bedenken. Klagen von Senioren über Hitzestress beim Warten auf den Bus hätten ihn noch nicht erreicht, meint Schüle.

Eine rasche Begrünung dürfte aber allein an der Olgastraße schwierig werden. Der Unterstand verfügt nicht über ein Flachdach, sondern drei spitze Giebel. Ein Umbau würde kosten, räumt Kaemmer ein. Die Begrünung von Bushäuschen in der ganzen Stadt stünde vor einer noch größeren Hürde, glaubt er. „Die SSB hat überall verschiedene Modelle von Wartehäuschen“, sagt der Grünen-Bezirksbeirat. Es sei Aufgabe der SSB nun zu klären, wie sie unter diesen Umständen eine Begrünung von Bushäuschen voranbringen kann, meint der Grünen-Politiker.

Die SSB warnt vor Problemen beim Umbau

Laut SSB dürfe die Gestaltung von Wartehallen nicht nur von der Tauglichkeit in Hitzesommern abhängen. Auch die Langlebigkeit und das Erscheinungsbild der Bauten, ihre Resistenz gegen Vandalismus, das Sicherheitsgefühl von Fahrgästen und deren Schutz gegen unterschiedliche Witterung seien gegeneinander abzuwägen. Außerdem sei da noch die Frage der Kosten, erklärt die SSB. Bei nachträglichen baulichen Veränderungen gelte es zudem, die bestehende Statik eines Bushäuschens zu bedenken, heißt es weiter.

Grüne Bushäuschendächer wie in Utrecht scheinen zumindest für die SSB zeitnah nur schwer vorstellbar zu sein.

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