Eine Umsiedlerin sonnt sich auf einem der Wälle in der Feuerbacher Heide. Foto: Funke

In der Feuerbacher Heide wurden wegen den Bauarbeiten für Stuttgart 21 rund 3200 Eidechsen ausgesetzt. Spaziergänger haben einen Verdacht, was mit ihnen passiert ist. Ein Streifzug durch das Areal schafft Klarheit.

Stuttgart - Auf den Schildern steht: „Die Wälle sind nicht zum Begehen vorgesehen. ( . . . ) Das Betreten erfolgt auf eigene Gefahr.“ Die 1,50 Meter hohen Wälle in der Feuerbacher Heide wurden aufgeschüttet, damit die Mauereidechsen von der S 21-Baustelle in Ober- und Untertürkheim dorthin umgesiedelt werden konnten. Damit die Wälle tatsächlich nicht betreten und die Eidechsen nicht gestört werden, wachsen Gräser und Blumen rund um die Wälle kniehoch – und das schränkt die Nutzung der Heide als Erholungsraum ein. Würden dort tatsächlich kaum noch Eidechsen leben, wäre die Forderung der Anwohner berechtigt, die Wälle wieder abzubauen.

Aber ist das wirklich so? Dass die meisten Mauereidechsen die Flucht ergriffen oder die Umsiedlung nicht überlebt haben, bezweifeln Mitglieder des Naturschutzbunds (Nabu) Gruppe Stuttgart. „Sicherlich sind es nicht mehr so viele wie am Anfang. Denn einige sind tatsächlich getürmt, andere wurden von Raubvögeln vertilgt. Doch dass es keine mehr gibt, ist falsch“, sagt der Vorsitzende Hans-Peter Kleemann. Zusammen mit dem Eidechsen-Experten Michael Scheiber macht er sich vor Ort ein Bild über den Bestand.

Naturschutz im Dilemma

Auf dem Weg ins Habitat huschen zwei Mauereidechsen über den Weg. „Vermutlich Flüchtlinge,“ stellt Kleemann fest. Am ersten Hügel ist zunächst keine Eidechse zu sichten. Scheiber greift zum Fernglas. „Da ist eine, ein Weibchen“, stellt er fest. Das Geschlecht erkennt er, weil die Weibchen braun, die Männchen gemustert sind. Für den Laien sind die zierlichen Reptilien auf den Steinen nicht auf Anhieb zu erkennen. Bis klar ist, wohin geguckt werden muss, sind die flinken Tiere unter den Steinen verschwunden. Nach einiger Zeit weiß das Auge, nach was es suchen muss. Das Ergebnis: In rund 10 Minuten konnten 13 Eidechsen gesichtet werden – etwa gleich viele Männchen wie Weibchen. Eine scheint um ihr Überleben gekämpft zu haben: Der Schwanz fehlt. „Der wächst wieder nach“, sagt Kleemann.

Maximilian Imkamp hält wenig von dem künstlich geschaffenen Lebensraum für die Mauereidechse. Der 73-Jährige geht dort regelmäßig mit seinem Hund spazieren und sagt: „Ich bin ja für die Eidechsen. Aber wegen so weniger Tiere den Bürgern den Erholungsraum weg zu nehmen, das ist Unsinn.“ Früher hätten die Kinder hier Drachen steigen lassen. Das gehe jetzt nicht mehr, weil man zum Schutz der Eidechsen alles zuwachsen lässt. Auch die Männer vom Nabu sehen den Eingriff in die Heide kritisch. Einerseits wachsen dort jetzt Blumen, Gräser und Kräuter wie Wiesenstorchschnabel, Odermennig, Klatschmohn, Hornklee, Wiesenfuchsschwanz und Wiesenschaumkraut. Das macht die die Feuerbacher Heide zu einem Paradies für Schmetterlinge, Bienen und viele anderen Insekten. „Dadurch ist das Gelände aus Sicht des Naturschutzes enorm aufgewertet“, stellt Kleemann fest. Andererseits sagt er aber auch: „Das Ersatzhabitat ist suboptimal. Ohne die Zwangsumsiedlung hätte sich hier niemals eine Mauereidechse angesiedelt.“ Das Dilemma: Die Bahn hat keine andere Ersatzfläche für die Umsiedler aus Ober- und Untertürkheim gefunden, da die Reptilien wieder in Stuttgart angesiedelt werden mussten.

Doch warum sollten die Eidechsen geschützt werden, wo es doch in Stuttgart mit geschätzten 140 000 Mauer- und 60 000 bis 90 000 Zauneidechsen mehr gibt als angenommen? „Die extensiven Weinberglagen verbuschen, die Böden werden zunehmend versiegelt. Deshalb werden die Bestände genau wie in anderen Regionen Europas auch zurückgehen“, sagt Kleemann und ist gegen eine Lockerung des Artenschutzes, wie sie von der Unteren Naturschutzbehörde bereits angedacht wird. Dort hält man sogar die Tötung der Tiere nicht mehr für ganz ausgeschlossen, wie es im Bezirksbeirat hieß.

Nach etwa 45 Minuten in der Feuerbacher Heide haben Scheiber und Kleemann rund 60 Eidechsen gezählt. Entdeckt haben sie an jedem Steinwall welche. Eine Schätzung, wie viele Mauereidechsen dort tatsächlich noch leben, können sie nicht abgeben. „Aber es sind viele“, sagt Scheiber. Im Herbst wollen sie erneut durch die Feuerbacher Heide streifen. Denn dann ist der Nachwuchs geschlüpft und dann zeigt sich, ob die Tiere ihr neues Zuhause angenommen haben. Und tatsächliche Gewissheit, ob die Umsiedlung geklappt hat, gibt es nach der Auskunft der beiden Nabu-Experten erst in fünf bis sechs Jahren.

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