Die Filderstädter DRF betreibt die meisten Stationen im Land – hier Pattonville Foto: DRF Luftrettung

Die Luftrettung in Baden-Württemberg soll neu aufgestellt werden. Während die Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden abwinkt, gibt es Interesse aus der Schweiz.

Stuttgart - Das Gutachten eines Münchner Instituts zur Struktur der Luftrettung in Baden-Württemberg löst viel Wirbel aus. Das Innenministerium hat die 221 Seiten starke Analyse am Montag vorgestellt. Auf deren Grundlage sollen bodengebundene Retter und Hubschrauber besser miteinander verzahnt werden, die Versorgung der Bevölkerung gerade auf dem Land soll sich verbessern. Das setzt aber massive Veränderungen voraus. So soll es künftig zehn statt bisher acht Standorte geben. Die beiden zusätzlichen sollen für Schwarzwald und Ortenau in Lahr sowie für Hohenlohe im Bereich Osterburken liegen. Der Freiburger Hubschrauber soll in den Südschwarzwald verlegt werden, der aus Friedrichshafen nach Norden und der in Leonberg Richtung Tübingen. In Pattonville (Kreis Ludwigsburg) soll künftig auch nachts geflogen werden.

Aus dem Spiel ist damit ein seit Jahren diskutierter neuer Standort in Rickenbach (Kreis Waldshut). In dieser Region gibt es die größten Versorgungslücken im Rettungsdienst landesweit. Die Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden wollte dort in die Luftrettung einsteigen. Das Segelfluggelände der Gemeinde war dafür bereits 2017 in einen Sonderlandeplatz umgewidmet worden. Für die Steiger-Stiftung ist das Thema Luftrettung nach der neuen Entwicklung jetzt komplett erledigt. „Wir werden uns damit in Baden-Württemberg nicht mehr befassen“, sagt der für den Rettungsdienst zuständige Geschäftsführer Ulrich Schreiner. Man wolle sich um andere Mängel im Rettungswesen kümmern: „Davon gibt es ja genug.“ Inhaltlich hält man die Aussagen des Gutachtens für schlüssig. „In der Summe bestätigt das Gutachten die Defizite in der Luftrettung, die wir seit Jahren kritisieren“, sagt Schreiner. Die Vorschläge seien deshalb sinnvoll, jetzt fehle noch die Umsetzung, „die hoffentlich schneller geht“.

Andernorts gehen die Meinungen auseinander. In Mannheim etwa hatte man sich Hoffnungen auf den zweiten 24-Stunden-Hubschrauber neben Villingen-Schwenningen gemacht. Der geht aber nach Pattonville. Aus der Ortenau dagegen kommt Zustimmung: Die Maschine in Lahr ist dort zur besseren Versorgung willkommen. Es bleibt aber abzuwarten, wie die Standortsuche für die verschiedenen Vorschläge verläuft.

Die Betreiber halten sich zurück

Vertragliche Bindungen, Ausschreibungsvorschriften und mögliche Anwohnerbeschwerden könnten das Projekt verzögern oder Änderungen notwendig machen. Im Innenministerium rechnet man mit einer Umsetzung binnen zwei bis fünf Jahren – so denn alle Punkte sich überhaupt umsetzen lassen.

Sehr zurückhaltend äußern sich bisher die DRF Luftrettung in Filderstadt und die ADAC Luftrettung in München. Sie betreiben die bisher acht Stationen im Land, sieben davon die DRF. Beide geben an, man müsse das Gutachten erst im Detail prüfen, bevor man sich dazu äußern könne. Die Zurückhaltung dürfte Gründe haben. Denn zum einen kritisiert das Gutachten die bisherige Situation, in der jedes Jahr rund ein Fünftel der Einsätze in Baden-Württemberg aus der Schweiz, aus Bayern und anderen Bundesländern geflogen werden müssen. Zum anderen dürften die zusätzlichen und veränderten Standorte die Karten im Markt neu mischen. Zwar ist die Steiger-Stiftung aus dem Rennen, dafür besteht aber südlich der Grenze großes Interesse.

Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega übernimmt bereits heute mit Staatsvertrag rund 1000 Einsätze jährlich im Land von Schweizer Standorten aus. „Wir begrüßen die von der Landesregierung angestoßene Optimierung der Luftrettung in Baden-Württemberg“, sagt Karin Hörhager, Mitglied der Rega-Geschäftsleitung. Mit den zusätzlichen Stationen könnte sich das Volumen der Rega verringern – es sei denn, sie steigt als Betreiberin ein. „Entsprechend sehen wir den anstehenden Ausschreibungen mit großem Interesse entgegen und prüfen, ob wir uns für die eine oder andere Station entweder alleine oder in einem Bieterverbund bewerben werden“, so Hörhager.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: