Der Gemeindevollzugsdienst versucht, gefährliche Situationen vor Schulen zu entschärfen. Foto: Caroline Holowiecki

Dass Eltern ihre Kinder lieber zur Schule fahren, als sie laufen oder radeln zu lassen, ist kein neues Phänomen. Seit Corona hat es indes zugenommen, zeigt sich am Beispiel Filderstadt.

Filderstadt - Mit der Sonne kommt das Leben an die Fröbelstraße. Erst sind es nur wenige Autos, dann mehr, und gegen 7.45 Uhr ist stellen- und phasenweise Stau. Etliche Eltern bringen ihre Kinder im Auto zur Bruckenackerschule in Bernhausen. Konsequenz: In der engen Spielstraße gibt es bisweilen ein Kuddelmuddel zwischen Fußgängern, Radlern und Autos. Ahmad Hussein hat ein waches Auge auf das Geschehen. Der Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes ist an diesem Montag da, um zu kontrollieren – und notfalls zu verwarnen.

Er steht nicht ohne Grund mit seiner Leuchtjacke am Straßenrand. „Beschwerden sind ohne Ende da“, sagt er. Viele Eltern parkten zu Stoßzeiten das Sträßle zu und gefährdeten so die Kinder. „Sie müssen mal am Freitag kommen, wenn die Schule aus ist“, ruft eine Erzieherin aus dem Kindergarten gegenüber Ahmad Hussein zu. „Hier ist immer viel los“, klagt auch die Lehrerin Christine Tabbert. Autos seien schon beschädigt worden.

Zebrastreifen-Parker ermahnen

Der Filderstädter Ordnungsamtsleiter Jan-Stefan Blessing kennt solche Beschwerden. „Jede Schule hat ihre Besonderheiten“, sagt er. An der Waldorfschule Gutenhalde seien Eltern mitunter auf den Feldwegen unterwegs, an der Grundschule in Sielmingen müsse man Zebrastreifen-Parker ermahnen, und am Elisabeth-Selbert-Gymnasium in Bernhausen stünden Erziehungsberechtigte, die aus Richtung Plattenhardt kommen, oft auf der Bushaltestelle. Gemeindevollzugsbeamte wie Ahmad Hussein sollen Gefahren abwenden, vor allem jetzt, zu Beginn des Schuljahres.

Knöllchen gibt es laut dem Ordnungsamtsleiter immer wieder. Sprich: Elterntaxis sind nichts Neues, aber „es hat noch mal zugenommen“, sagt Jan-Stefan Blessing über die jüngste Vergangenheit. Corona ist ein Grund. Manche Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder in vollen Bussen fahren, zumal die auch immer wieder unpünktlich sind, wie aus einer Facebook-Diskussion zum Thema Bushaltestellen-Parker am ESG hervorgeht. „Na ja, bevor ich mit 50 anderen in einem Bus stehe, sitze ich lieber mit nur vier anderen in einem Auto“, schreibt eine Frau. „Aktuell scheint es der Fall zu sein, dass die Busse teils extrem überfüllt sind, und es gibt immer noch Probleme mit der Zuverlässigkeit der Öffis“, schreibt eine andere. Laut Jan-Stefan Blessing steht die Stadt Filderstadt mit dem Kreis im Kontakt, wann und wie Gelder für zusätzliche Busleistungen fließen können.

Noch kein Kind angefahren

Laut einer Forsa-Umfrage von 2018 wird jedes fünfte Grundschulkind mit dem Auto gebracht. Das aber bringt Konflikte. „Die Eltern missachten die Sicherheit anderer Kinder, wenn sie ihre Kinder im großen Auto schützen“, mahnte der Verkehrsminister Winfried Hermann 2019 bei einem Termin zum Thema „Goodbye Elterntaxi“. Eine Frau aus Filderstadt sieht es ähnlich. „Dass in dem ganzen Autogewusel mittags vorwärts und rückwärts, kreuz und quer vor dem Schulhof noch kein Kind angefahren wurde, grenzt an ein Wunder“, schreibt sie bei Facebook. Laut dem ADAC behindert das Überbehüten von Kindern zudem deren Entwicklung hin zu selbstständigen Verkehrsteilnehmern. Jan-Stefan Blessing will Elterntaxis nicht grundsätzlich verteufeln, dennoch würde auch er sich wünschen, dass mehr Kinder radeln oder gehen, „aber es gibt Eltern, die ihnen das nicht zutrauen“.

An diesem Montagmorgen sprechen befragte Eltern in Bernhausen von Ausnahmen. Ein Vater beteuert, er habe nur das Auto genommen, weil er spät dran sei, andere sagen, das Vesper für die Kinder sei ausgegangen, daher seien sie noch zum Bäcker gefahren. Warum auch immer: Immer häufiger machen Schulen gegen die Blechkolonnen mobil. „Kiss-and-Go“-Zonen oder „Elternhaltestelle“-Schilder sollen Ordnung reinbringen. Auch die Bruckenackerschule in Bernhausen ist aktiv. Beim Projekt „Sicher und bewegt zur Schule“ können Kinder, die zu Fuß gehen, Punkte sammeln, zudem spricht der Rektor Jörn Pachner von Aktionstagen und Elternbriefen. „Es gibt schon Situationen, in denen es eng zugeht.“

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