Verlierer unter sich: Grünen-Chefin Simone Peter und Bundesjustizminister Heiko Maas versuchen, das Ergebnis zu erklären. Foto: dpa

Die Angst vor Rot-Rot in Saarbrücken scheint der CDU geholfen zu haben: Das sagen selbst prominente Genossen wie Heiko Maas an der Saar. Die Christdemokraten jubeln über ihre populäre Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Saarbrücken - Tausende flanierten an diesem sonnigen Wahlsonntag in Saarbrücken am Ufer der Saar, doch die Musik spielte woanders. Etwas außerhalb der Stadt fand der große Wahlabend in der Saarland-Halle statt, die größer ist als das Kongresszentrum, wohin die Landtagsverwaltung zu „normalen“ Wahlabenden einlädt. Aber diese Wahl fiel aus dem Rahmen, denn in den vergangenen Tagen hatte sich Rot-Rot als Option für eine Koalition abgezeichnet, es wäre die erste in einem westdeutschen Bundesland – das Medieninteresse war dementsprechend gewaltig. 900 Journalisten waren akkreditiert – Deutschland blickte aufs kleinste Flächenland der Republik. Das schöne Wetter hat offenbar auch viele Nichtwähler in die Wahllokale gelockt, vor allem die CDU konnte aus diesem Lager massiv Stimmen gewinnen – rund 31 000.

Das Ergebnis hatte die CDU nicht auf dem Schirm

Lauter Jubel flammte bei der CDU-Wahlparty in der Luminanz-Halle von Saarbrücken sowie bei einer CDU-Gruppe in der Saarlandhalle kurz nach der Hochrechnung auf. So ein starkes Abschneiden der CDU hatte wegen des Schulz-Effektes keiner auf dem Schirm gehabt. „Das ist super gelaufen, unsere populäre Ministerpräsidentin hat bis zuletzt gekämpft und gewonnen“, sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Günter Heinrich aus Saarlouis. „Ich gehe jetzt feiern ins Luminanz und dann in meinen Wahlkreis.“ Vor allem ihre Bescheidenheit komme bei den Leuten gut an, außerdem gehe es der saarländischen Wirtschaft gut.

Tiefe Enttäuschung bei der SPD

Im Lager der Saar-SPD hingegen tiefe Enttäuschung. „Gewinnen sieht anders aus, aber in der SPD siegen und verlieren wir gemeinsam“, sagte Justizminister Heiko Maas (SPD), der aus dem Saarland stammt. Sowohl Maas als auch die SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger machen die „Polarisierung“ am Ende des Wahlkampfes – als es um die Frage Rot-Rot oder Fortführung der großen Koalition ging – verantwortlich für die Niederlage. Mit anderen Worten: die Skepsis der Wähler vor Rot-Rot. „Oskar Lafontaine polarisiert noch stark“, sagt Maas. Und er spalte das linke Lager. Der frühere SPD-Vorsitzende erziele für die Linken im Saarland halt immer noch hohe Werte, „in welchem westlichen Bundesland gibt es das denn noch?“. Anke Rehlinger verweist auf die „Aufholjagd“ ihrer Partei, die bei den Umfragen vor der Kür von Martin Schulz bei nur 24 Prozent lag. Bis zuletzt scheint Rehlinger aber noch zu hoffen. Noch gegen 18.30 Uhr meinte sie, man müsse die Ergebnisse des Abends abwarten: Sie hoffte noch auf einen Sprung der Grünen über die fünf Prozent – und die Chance auf Rot-Rot-Grün. „Ihrer“ Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer, für die sie als Wirtschaftsministerin im Kabinett sitzt, gratulierte sie aber schon mal. Dies sei auch „ein persönlicher Erfolg“ von Kramp-Karrenbauer.

Schwerer Stand der kleinen Parteien

Von den Umfrageinstituten auch so prognostiziert war das Abschneiden der kleineren Parteien. So hat zwar die Linkspartei von Oskar Lafontaine ein paar Federn lassen müssen im Vergleich zu 2012, aber noch spielt sie eine starke Rolle im Saarland. Noch kurz vor dem Wahlsonntag war der 73-jährige Lafontaine, einst 13 Jahre Ministerpräsident an der Saar, heute noch Fraktionschef, gemeinsam mit Ehefrau Sahra Wagenknecht bei einer Veranstaltung in Saarbrücken aufgetreten. Man möge „Little Merkel abwählen“, hatten sie gefordert, und Lafontaine hatte proklamiert: „Wir wollen eine rot-rote Regierung im Saarland.“ Daraus wird nun offenbar nichts.

Desaströs ist die Lage bei den Grünen. Sie setzten auf ein sehr konkretes und regionales Umweltthema und konnten damit nicht zulegen – im Gegenteil. Die Partei unter ihrem eigenwilligen und nicht unumstrittenen Langzeitvorsitzenden Hubert Ulrich – mit kurzer Pause seit 1991 im Amt – setzte auf die Beschwörung der Gefahr, die ansteigendes Grubenwasser in den aufgelassenen Kohlenbergwerken für das Trinkwasser bedeuten könnte. Das ist ein Angstthema. Noch wenige Tage vor der Wahl boten die Saar-Grünen ihren Wählern einen Elf-Punkte-Vertrag an – es war offenbar zu spät. Der Landesvorsitzende Hubert Ulrich – der auch die einst einen Generationswechsel wollende Saar-Grüne Simone Peter nach Berlin vergraulte – hat die Wahlschlappe eingeräumt und die Verantwortung übernommen. Jüngere müssten weitermachen. Simone Peter, Grünen-Bundeschefin, vermied in einer ersten Stellungnahme aber jegliche Schuldzuweisung: Das Saarland sei immer ein schwieriges Pflaster für Grüne gewesen.

Ein Debakel für die FDP

Das hat auch die FDP mit Oliver Luksic an der Spitze, einem 37-jährigen Unternehmensberater, erleben müssen. Die Saar-Liberalen verpassten ihr Wahlziel, obwohl sie einen ­modernen Wahlkampf machten, für „weltbeste Bildung, schnelles Internet und fließenden Verkehr“ eintraten. Wie zuletzt die Saar-CDU verstieg sich auch die FDP in einer Art Rote-Socken-Kampagne, sie plakatierte: „Das Saarland verrottet. Tun Sie was dagegen.“ Geholfen hat dies nicht.

Auch ein zweites Wahlziel der SPD-Kandidatin Rehlinger ist übrigens verpasst worden: das von ihr gewünschte Heraushalten der AfD aus dem Landtag. Allerdings ist das Abschneiden der populistischen Partei mit rund sechs Prozent klar unter dem Durchschnitt, den sie derzeit auf Bundesebene in Umfragen erzielt. Das könnte mit der Rechtslastigkeit der Saar-AfD zusammenhängen. Selbst der Bundesvorstand der AfD hatte den Saar-Landesverband der AfD vor einem Jahr wegen enger Kontakte zu den rechtsextremen Freien Bürgern auflösen wollen – was ihm nicht gelang. Wenige Tage vor der Wahl aber erreichte die Partei ein anderer Schlag: Unter Protest kündigte der AfD-Kreisvorsitzende von Merzig, Michael Schettle, seinen Austritt aus der Partei an. Die AfD sei unter ihrer Führungsspitze um den 77-jährigen Josef Dörr eine „demokratiefeindliche Partei“ geworden. Dörr aber stand als einer der ersten Politiker schon am Nachmittag strahlend im Foyer der Saarlandhalle und plauderte mit jedermann. „Wir haben unser Minimalziel erreicht und sind im Landtag“, freute sich Dörr am Abend. Seine Partei werde im Landtag eine Agenda 2030 vorlegen, die darstelle „wie das Saarland im Jahr aussehen soll“.

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