Richtungsfrage Südwest-Grüne streiten über Gentechnik

Von Bärbel Krauß 

Gentechnik, nein danke – Viele in der Grünen-Bundestagsfraktion wollen daran festhalten. Foto: dpa
Gentechnik, nein danke – Viele in der Grünen-Bundestagsfraktion wollen daran festhalten. Foto: dpa

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) will der Gentechnik eine Chance geben und ruft ihre Parteifreunde zu einer Wende auf diesem Feld auf. Dies provoziert scharfen Widerspruch in der Grünen-Bundestagsfraktion.

Berlin - Die Devise „Gentechnik? Nein danke“ war für das Selbstverständnis der Grünen bisher ähnlich zentral wie „Atomkraft? Nein danke“. So war dem Grünen-Chef Robert Habeck klar, dass er in ein Wespennest sticht, als er seine Partei aufrief, die grundsätzliche Ablehnung der Gentechnik wegen neuerer Entwicklungen dieser Wissenschaft zu überdenken.

Manche Gen-Experten der Partei, die seit je für eine strikte Null-Toleranz-Politik bei Eingriffen ins Erbgut eintreten, stuften den Denkanstoß naserümpfend als „unterkomplex“ ein. Habeck hatte die Frage aufgeworfen, ob neuere Gentechnik-Verfahren nicht helfen könnten, Krankheiten zu besiegen oder die Welternährung trotz ausbleibender Regenfälle und versalzener Böden zu garantieren.

„Grüne dürfen Chancen nicht länger ignorieren“

Jetzt erreicht der Streit die Grünen im Südwesten. Harald Ebner, Gentechnikexperte im Bundestag mit Wahlkreis Schwäbisch Hall, ist sauer auf Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Ohne Namen zu nennen, fährt er der Parteifreundin wegen eines Artikels im „Spiegel“ in die Parade. „Die Grünen dürfen die Chancen der Gentechnik nicht länger ignorieren“, heißt es im Titel des „Plädoyers für einen reflektierten Einsatz der Gentechnologie“. Dies widerspricht nach Ebners Einschätzung der beim Parteitag festgezurrten Haltung der Landespartei. „Wir Grünen haben zum Umgang mit neuer Gentechnik erst im Mai einen klaren Beschluss gefasst, und zwar ohne Gegenstimme oder Gegenrede“, sagte er unserer Zeitung. „Hinterhergeschobene Belehrungen über Medienbeiträge prominenter Mitglieder des eigenen Landesverbandes sind da wenig konstruktiv.“

Experte pocht auf Risikoprüfung und Kennzeichnung

Bauer verweist in dem Aufsatz auf riesige Fortschritte beim Einsatz sogenannter Genscheren, auch der Crispr/Cas-Methode, auf die sich Habeck bei seinem Denkanstoß ebenso berufen hatte: „Sie ist bei allen Organismen einsetzbar, hochpräzise und kann Gene und Genabschnitte sehr viel schneller und effizienter verändern als alles bisher Dagewesene“, so Bauer. Hinzu komme, dass Organismen, die durch solche Genscheren, durch natürliche Veränderungen des Erbguts (Mutationen) oder Züchtungen entstanden seien, sich oft nicht mehr unterschieden. Ihr Fazit: „Die Grenzen der Gentechnik zu in der Natur vorkommenden Verfahren lösen sich auf.“

Bauer zufolge sind in der Bundesrepublik 150 Medikamente zugelassen, die mit gentechnischen Verfahren hergestellt werden. Sie fordert eine Wende der Partei: „Die Grünen sollten den Stand der Wissenschaft anerkennen und der Gentechnik eine Chance geben.“ Ein pauschales Verbot der Gentechnik sei nicht mehr zeitgemäß. „Stattdessen müssen wir uns fragen, mit welchen Konzepten wir eine Grundlage für eine sinnvolle Regulierung schaffen können.“ Ebner jedoch verlangt unter Berufung auf den Parteitagsbeschluss eine Regulierung „inklusive Risikoprüfung und vor allem auch Kennzeichnung“. Indirekt wirft er Bauer vor, die Konsumenten übertölpeln zu wollen: „Wer versucht, den Menschen klammheimlich Produkte unterzujubeln, die sie ablehnen, verspielt grob fahrlässig Vertrauen in Wirtschaft und Politik.“

Lesen Sie jetzt