Beim Prozess um den getöteten Lukas aus Asperg ist die Justiz an Grenzen gestoßen. Ein Kommentar.
Es ist ein Fall, der viele Menschen bewegt hat und noch immer bewegt. Über drei Monate dauerte der Prozess um den Tod des 18-Jährigen Lukas. Vor einem Jahr wurde er nachts auf einem Parkplatz mitten in Asperg niedergeschossen. Sein gleichaltriger Kumpel konnte schwer verletzt gerettet werden. Es gab 19 Verhandlungstage, 60 Zeugen wurden gehört. Den Gerichtssaal suchten jedes Mal überdurchschnittlich viele Zuhörer auf. Dass er beim Urteilsspruch mit 150 Zuhörern bis auf den letzten Platz belegt ist, hat auch im größten Saal des Landgerichts in Stuttgart Seltenheitswert.
Das Urteil mit zwei Haftstrafen – sieben und fünfeinhalb Jahre – sowie einem Freispruch wurde diese Woche gesprochen. Das Bittere: Ein wirkliches Tatmotiv konnte trotz all der Zeugen und der aufwendigen Polizeiermittlungen nicht ausgemacht werden. Es ging wohl um Imponiergehabe, verletztes Ehrgefühl, um testosterongesteuertes Verhalten. Der Tod eines jungen Mannes, der an einem vorangegangenen Streit zwischen jungen Aspergern und Möglingern gar nicht beteiligt war, wirkt dadurch noch sinnloser als er sowieso ist. Gestorben wegen „Kindergarten-Scheiß“, so drückte es der Richter im Urteilsspruch aus. Diese Sinnlosigkeit lässt einen fassungslos zurück. Weil Fragen offen blieben, wirkt das Ergebnis unvollkommen.
Viele Zeugen gaben sich wortkarg oder logen gar
Besonders emotional war zuvor die Rede der Mutter des Opfers gewesen: „Egal, wie der Prozess ausgeht, wir haben lebenslang bekommen.“ Anders die Täter. Verurteilt wurde der 21-jährige Schütze nach Jugendstrafrecht unter anderem wegen Totschlags, nicht wegen Mordes. Er hatte über seinen Anwalt erklären lassen, dass er der Schütze war. Sein gleichaltriger Cousin, der ebenfalls am Tatort war und verurteilt wurde, schwieg. Auch sonst gaben sich viele Zeugen wortkarg oder logen gar. Ein Gericht kann dann nur das bewerten, was nachgewiesen ist. Dabei stieß es an Grenzen. Eine solche Mauer des Schweigens habe sie noch nie erlebt, so die Hauptermittlerin. Ein Rechtsstaat muss das aushalten können. Es frustriert dennoch.
Streit um Drogen soll nicht der Anlass gewesen sein. Im Prozess wurde aber deutlich, dass sich die Beteiligten in einem Umfeld bewegten, das mit Drogen und Gewalt zu tun hatte. Der Schütze hatte zudem Drogen intus. 21 Schüsse gab er dann in drei Sekunden ab. Die Gegenseite hatte zur Aussprache Messer dabei. Gewalt in diesem Alter – das ist längst kein Einzelfall. Just in dieser Woche machte die Leitung des Polizeipräsidiums Ludwigsburg bei ihrer Jahrespressekonferenz deutlich, dass die Gewalt unter Jugendlichen stark zugenommen hat.
So frustrierend der Prozess war, so unvollkommen er endete: Zu wünschen ist, dass das Prozessende nun befriedet. Dass es zu keinen Revanchen kommt. Und – mag es noch so naiv klingen – dass die Erkenntnis siegt, dass Gewalt nie eine Lösung ist. Das machte der Fall Lukas mehr als deutlich.