In der Birkacher Alfred-Wais-Halle leben derzeit 85 Flüchtlinge auf engem Raum – das führt zu Konflikten. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Bei einer Schlägerei unter Flüchtlingen in der Birkacher Alfred-Wais-Halle sind neun Menschen verletzt und sechs vorübergehend festgenommen worden. Die Stadt will jetzt reagieren. Um einen Einzelfall handelt es sich nicht, wenn man über die Stadtgrenze hinaus blickt.

Stuttgart/Esslingen - Manchmal reicht eine Lappalie, damit die Fäuste fliegen. „Es ging wohl darum, dass jemand seinen Müll hat liegen lassen“, sagt Polizeisprecher Thomas Geiger. Und weil dieser Konflikt offenbar schon seit einiger Zeit in der Luft lag, hat sich die Spannung zwischen einzelnen Flüchtlingen in der Birkacher Alfred-Wais-Halle krachend entladen. 30 Beteiligte gingen am späten Donnerstagabend in der Notunterkunft an der Grüninger Straße aufeinander los.

Als die Polizei gegen 21.30 Uhr eintraf, hatte sich die Lage schon wieder etwas beruhigt. Doch die Bilanz ist dennoch bedenklich: Acht Menschen sind leicht verletzt worden, ein weiterer Beteiligter musste ins Krankenhaus gebracht werden, weil bei der Schlägerei eine alte Verletzung aufbrach. Sechs Männer im Alter zwischen 19 und 27 Jahren wurden vorläufig festgenommen. Zu deren Herkunft will die Polizei nichts sagen. Sie bestätigt allerdings, dass auch Konflikte unter zwei verschiedenen Nationalitäten eine Rolle gespielt haben könnten.

Erster Vorfall dieser Größe in Stuttgart

Laut der Polizei hat es einen ähnlichen Vorfall in dieser Größenordnung in Stuttgart noch nicht gegeben. Zwar kommt es immer wieder zu kleineren Auseinandersetzung in Flüchtlingsunterkünften, insgesamt sei die Lage aber ruhig. „Wundern darf man sich aber auch nicht“, sagt Geiger, „wenn so viele Leute auf einem Haufen sitzen, kommt es eben zu Reibereien.“

Derzeit leben 85 Menschen in der Alfred-Wais-Halle. Sie ist damit voll belegt. Die meisten Bewohner sind junge Männer aus dem Irak und aus Afghanistan, die erst in den vergangenen Wochen gekommen sind. „Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um so etwas zu verhindern. Aber Konflikte können entstehen, wenn so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen“, sagt Stadtsprecher Sven Matis. Die Unterbringung in Turnhallen sei nur eine Notlösung, um die man nicht herumkomme. Derzeit werden fünf solcher Hallen im Stadtgebiet genutzt. Zumindest bis zum Jahresende will man weitere vermeiden – nicht zuletzt durch die Anmietung von Gebäuden.

Der Wachdienst wird verdoppelt

Aus dem Vorfall zieht die Stadt gleichwohl Konsequenzen. Das Sozialamt hat bereits veranlasst, den Wachdienst in Birkach zu verdoppeln. Statt drei sind dort künftig sechs Mitarbeiter im Einsatz. Auch die Hausleitung soll in Zukunft häufiger anwesend sein. Zudem wird geprüft, ob sich die Situation durch die Verlegung einzelner Flüchtlinge in andere städtische Unterkünfte entspannen lässt.

Auch wenn der Birkacher Vorfall der erste größere dieser Art in einer Stuttgarter Unterkunft gewesen ist, zeigt sich doch, dass die Zahl der Auseinandersetzungen in den engen Unterkünften steigt. Dafür genügt ein Blick in die Region. Allein in den vergangenen drei Monaten hat die Polizei 20 größere Einsätze in Flüchtlingsquartieren vermeldet. Dabei waren zum Teil bis zu 100 Menschen beteiligt. Auffällig ist, dass es in einzelnen Häusern immer wieder kracht: So musste die Polizei in den vergangenen Wochen viermal zu einer Asylunterkunft in Aichtal-Aich (Kreis Esslingen) ausrücken. Dort gibt es immer wieder Schlägereien, auch Messer sind häufig im Spiel. Im Notquartier des Landes in der Stuttgarter Landesmesse gab es bereits zwei größere Einsätze. Dort leben derzeit 1150 Menschen in einer Halle.

Meist lösen Kleinigkeiten den Ärger aus

Meist geht es um Prügeleien und tätliche Angriffe untereinander, in Einzelfällen ist aber auch Betreuungs- oder Sicherheitspersonal attackiert worden. Die Anlässe sind meist nichtiger Art. Oft geht es um die Essenausgabe, manchmal um banale Streitigkeiten untereinander, immer häufiger aber auch um Zwist zwischen den verschiedenen Nationalitäten, der sich in den Unterkünften schnell hochschaukelt.

In Stuttgart will man dennoch nicht dazu übergehen, die Nationalitäten zu trennen. „Das Sozialamt arbeitet seit 25 Jahren daran, Monostrukturen zu vermeiden“, sagt Stadtsprecher Matis. Man sei dort klar der Meinung, dass eine Trennung nach ethnischen Gruppen zu einer Ghettoisierung führen könne. Genau die wolle man jedoch vermeiden. Man werde dennoch weiterhin sensibel auch auf die Zusammensetzung der Nationalitäten achten.

Die sechs vorläufig Festgenommenen aus der Alfred-Wais-Halle befinden sich mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Sie müssen mit Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung rechnen. Die Polizei schließt nicht aus, dass im Zuge der Ermittlungen noch weitere Beschuldigte dazukommen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: