. . . „Reclining Nude Darien“, 1989 . . .. Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Gibt es die Geschichten von der Wiederentdeckung eines Künstlers nach seinem Tod doch? „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer folgt den Spuren des jung gestorbenen Malers Patrick Angus.

Stuttgart - Kunstgeschichte ist Kriminalgeschichte, heißt es gern – und die jüngere Gegenwart liefert mit Fälschungsskandalen und vielen offenen Fragen zu europäischer wie auch zu außereuropäischer Raubkunst reichlich Argumente für diese Gleichung. Aber auch das stimmt: Kunstgeschichte ist voller Kunstgeschichten. Und die schönsten schreibt, Klischee hin, Wunschvorstellung her, noch immer die Wirklichkeit.

Diese Geschicht begint in einem Kino

Diese Geschichte beginnt in einem Kino. Der Stuttgarter Rechtsanwalt und Kunstsammler Andreas Pucher sieht 2009 den Film „An Englishman in New York“. John Hurt spielt, wie schon 20 Jahre zuvor in „The naked civil Servant“, den britischen Schriftsteller Quentin Crisp.

Regisseur Richard Lisk erzählt von den New Yorker Jahren des Autors. Crisp, homosexuelle Kultfigur, ist als Dandy Stilikone, verwandelt als Schriftsteller Lesungen in Theaterauftritte. 1981 kommt er nach Manhattan. Neun Jahre später lernt er einen jungen Maler ­kennen – Patrick Angus. Dessen Bilder spielen in den Clubs der Stadt, erzählen von jungen Männern, die nackt vor einem fast regungslosen Publikum tanzen. Es sind Bilder der Sehnsucht und der absoluten Einsamkeit, es sind Momentaufnahmen einer Szene und doch Bilder, die sich jeder dokumentarischen Einordnung entziehen.

Starkünstler David Hockney engagiert sich für Patrick Angus

„Diese Bilder“, sagt Andreas Pucher, „haben mich sofort fasziniert.“ Wer war dieser Patrick Angus, dessen frühen Tod mit 38 Jahren „An Englishman in New York“ ebenso thematisiert wie das Bemühen von ­Quentin Crisp, Ausstellungsmöglichkeiten für Angus zu organisieren? Pucher forscht nach, kommt aber zunächst nicht weiter. Die Spur von Patrick Angus scheint sich zu ­verlieren – und das trotz eines scheinbar spektakulären Erfolgs. Der für seine unterkühlten Upperclass-Szenarien international bekannte Maler David Hockney kauft 1992, noch vor dem Aidstod des Malers, sechs Bilder von Patrick Angus.

Douglas Blair Turnbaugh öffnet die Angus-Schatztruhe

2011 läuft „An Englishman in New York“ erstmals im Fernsehen. Und wieder ist ­Andreas Pucher elektrisiert. Ebenso wie nun auch der Stuttgarter Galerist Thomas Fuchs. Über das New Yorker Leslie-Lohmann-Museum kommt ein erster Hinweis. Patrick Angus soll seine Bilder einem Nachlassverwalter anvertraut haben. Sein Name: Douglas Blair Turnbaugh.

Seit den 1970er Jahren ist Turnbaugh in der New Yorker Kunstszene aktiv – als Sammler (unter anderem früher Arbeiten des US-Starkünstlers Richard Prince), ­Autor, ­Berater und Produzent.

Andreas Pucher nimmt Kontakt auf. Und Douglas Blair Turnbaugh öffnet eine un­geahnte Schatztruhe: das nur bruchstückhaft bekannte Werk von Patrick Angus. „Das war natürlich unglaublich“, sagt ­Pucher. Fasziniert ist der Sammler „vor ­allem von der ­malerischen Qualität“.

Wie Männer Männer beobachten

Ein Bild hat es Pucher besonders angetan: ein abgedunkelter Raum, eine Halle eher, darin auf der linken Seite eine Bühne, ­davor, kaum wirklich gruppiert, eine Handvoll Stühle. Ältere Männer sind zu erkennen, steif und unbeweglich sitzen sie da, ihre ­Mimik zeigt eine Spur Härte, aber auch ­Ungewissheit. Die Männer schauen auf die Bühne, im Lichtkegel bewegt sich dort ein halb nackter junger Mann. Es ist eine ­typische Szene für einen New Yorker ­Homosexuellen-Club der 1980er Jahre, und es ist natürlich auch ein Stück Kunst­geschichte, das der Maler Patrick ­Angus hier aufruft. Ob Männer Frauen ­beobachten, ob Männer Männer beobachten – seit dem 19. Jahrhundert ist der Blick auf eine solche Szene, der ja der Blick auf die ­Beobachter ist, eine feste Bildgröße.

Der „Toulouse-Lautrec vom Times Square“

Liebling der Off-Szene

Vielleicht auch deshalb haben die Szenen von Patrick Angus, unmittelbare Zeugnisse doch eigentlich einer schnellen und inzwischen legendenhaft verklärten (Club-)Welt, etwas so Selbstverständliches, etwas so ­Souveränes – und damit auch etwas so ­Zeitloses.

In der New Yorker Off-Szene sieht man dies lange vor den Spezialisten. „The Toulouse-Lautrec of Times Square“ wird Angus in den 1980er Jahren genannt, der Toulouse-Lautrec des Times Square. Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901) war 100 Jahre zuvor zum Kronzeugen der Halbwelt rund um den Montmartre ­in Paris geworden.

Das Schlüsselbild: „Boys do fall in Love“

„Boys do fall in Love“ heißt das Angus-Bild, das Andreas Pucher unbedingt nach Stuttgart holen will. Und längst geht es nicht mehr um dieses eine Bild. „Aber es war ein Schlüssel – das war klar“, erinnert sich ­Pucher. Douglas Blair Turnbaugh bleibt zunächst zurückhaltend. Seine Taktik, das Werk von Patrick Angus zusammenzuhalten, war einfach: Obgleich vom Kunstmarkt nahezu vergessen, setzte Turnbaugh für ­Angus hohe Preise an.

Galerie Thomas Fuchs wird zur Angus-Startrampe

Puchers Engagement überzeugt den Nachlassverwalter schließlich. Und dann? „Dann ging es los“, sagt Thomas Fuchs. Seine doch gerade erst eröffnete und gemeinsam mit Andreas Pucher ­geführte Galerie in Stuttgart wird zum ­Ausgangspunkt weiterer Wege in das ­Angus-Panorama.

30 Jahre hütet die Mutter ein Großteil des Werks

2014 fliegt Thomas Fuchs nach Arkansas. Nach Fort Smith. Dort wohnt die Mutter von Patrick Angus. Es ist ihr 80. Geburtstag. Als Betty Angus die Türe öffnet, glaubt sich Fuchs in einem Privat­museum. Angus-Bilder überall. Porträts, Landschaften, Interieurs. Sie habe die ­Bilder gehütet, sagt die Mutter – „und ­gewartet“. Darauf, dass jemand kommen würde, um sich mit dem Werk ihres Sohnes zu beschäftigen. Darauf, dass der Name ­Patrick Angus einen eigenen Klang in der Kunst bekommen würde.

„Schwule Männer sehnen sich danach, sich selbst zu sehen“

Im Februar 2015 findet in der Galerie ­Thomas Fuchs die erste Einzelausstellung mit Werken von Patrick Angus statt. Der Zeuge des New Yorker Szenelebens der 1980er Jahre tritt auf. Anfang 30 ist Patrick Angus, als er Bilder wie „Boys do fall in Love“ malt, aus Los ­Angeles ist der 1953 in Nord-Hollywood ­Geborene 1980 nach New York gekommen. Angus malt seine Welt. Über seine Bilder sagt der Maler: „Homosexuelle Menschen haben noch immer wenig ehrliche Bilder von sich selbst, und die meisten von ihnen finden sich in unserer Literatur.“ ­Angus weiter: „Schwule Männer ­sehnen sich danach, sich selbst zu sehen, und tun es nur selten. Offensichtlich müssen wir uns selbst darstellen. Und das sind meine Bilder.“

Bilder eigener Einsamkeit

Und so blickt man mit Angus in Clubs, in Hotelzimmer, auf junge Männer, die sich ­anbieten, auf alte Männer, die warten und hoffen. Eine eigene Einsamkeit ­bestimmt diese Szenen, eine Einsamkeit, die sich ebenso in den parallel entstehenden ­Ansichten typisierter US-amerikanischer Vorstadtidylle wiederfindet. Auch wenn Patrick Angus ­Gebäude malt, Räume, schafft er Porträts.

25 Jahre nach seinem Tod wird Patrick Angus zum Star

„Qualität im Leisen, im Zurückhaltenden“

Der Impuls der Galerie Thomas Fuchs kommt offenbar genau im richtigen Moment. Das Interesse an den Bildern von ­Patrick Angus ist enorm – und vor allem die Veranstalter internationaler Kunstmessen wollen eine Teilnahme der Galerie nur zu gerne durch Werke von Angus abgesichert wissen.

25 Jahre nach seinem Tod wird Patrick Angus zum Star. Internationale Magazine rufen Angus zum Virtuosen der Nacht aus – und zu einem Maler, der mit bis dahin noch nicht Gemaltem zu Lebzeiten am Widerstand eines konservativen Kunstmarktes ­gescheitert sei. Diese Sicht aber verstellt den Blick auf die Qualitäten der Bildwelt von Patrick Angus. Sie liegt ja, wie auch Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums ­Stuttgart, sagt, „gerade nicht im Spek­takulären, sondern im Leisen, im ­Zurückhaltenden“.

Erste Retrospektive – im Kunstmuseum Stuttgart

Das Kunstmuseum Stuttgart ist die nächste Station der Wiederentdeckung von Patrick Angus. „Private Show“, so der Titel der Ausstellung, die am 1. Dezember eröffnet wird, versammelt mit mehr als 200 ­Arbeiten alle Aspekte des Schaffens. Das internationale Interesse ist schon jetzt gewaltig – und was immer jetzt kommt: Dem Kunstmuseum Stuttgart wird der Ruhm der Premiere ­ des musealen Auftritts bleiben.

Direktorin Ulrike Groos hofft auf Interesse weiterer Museen

„Bisher“, sagt denn auch Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos, „galt Angus’ Werk als Geheimtipp und blieb in der Kunstlandschaft weitgehend unentdeckt. Ende der 1980er Jahre erfuhr der Künstler von seiner Infizierung mit dem HI-Virus, gerade als erste Erfolge bei ihm begannen. Nun hoffen wir, mit der Ausstellung sein Werk einem breiten Publikum vorstellen zu können.“ Und weiter: „Zudem wünschen wir uns sehr, dass unsere Einzelschau die ausstehende fundierte Erforschung seines Œuvres an­stoßen wird.“

Bleiben im Hintergrund: Andreas Pucher und Thomas Fuchs

Überraschend ruhig zeigen sich inmitten der Euphorie um das Werk von Patrick ­Angus jene zwei, die mit ihren Besuchen bei Douglas Blair Turnbaugh und Betty Angus die Wiederentdeckung erst ermöglichten. Nichts, so scheint, hat sich für Andreas Pucjer und Thomas Fuchs verändert. Dieses dann doch: Inzwischen betreuen sie den Nachlass des Künstlers. Ihre Geschichte mit Patrick Angus geht also weiter.

Eröffnung im Kunstmuseum Stuttgart am 1. Dezember

Die Schau Am Freitag, 1. Dezember, um 19 Uhr eröffnet das Kunstmuseum Stuttgart die Ausstellung „Patrick Angus. Private Show“. Auf den drei Stockwerken des Kunstmuseum-Kubus am Schlossplatz sind von 2. Dezember bis zum 8. April 2018 mehr als 200 Arbeiten des 1992 im Alter von 38 Jahren verstorbenen US-ameri­kanischen Malers zu sehen.

Der Künstler Das Kunstmuseum kündigt Patrick Angus als „malenden Chronist des schwulen Nachtlebens im New York der 1980er Jahre“ an . Und weiter: „Der 1953 in Nord-Hollywood, Kalifornien, geborene Künstler dokumentiert in seinem Werk die Bars, Clubs, Kinos und Vergnügungsstätten der New Yorker Gay-Szene. Dabei ging es ihm jedoch weniger um ein politisches Statement als vielmehr um die Darstellung menschlicher Grundbedürfnisse, Sehnsüchte und Ängste.“ Ein Fazit? „Patrick Angus’ ­ Bilder sind Metaphern für die Suche nach der eigenen Identität und damit auch der geschlechtlichen Selbst­findung.“

Das Buch Das Katalogbuch zur Ausstellung erscheint im Berliner Distanz-Verlag. Es kostet im Kunstmuseum 29,90 Euro, im Buchhandel 39 Euro.

Mehr Infos Zusätzliche Informationen über die Ausstellung im Internet unter www.kunstmuseum-stuttgart.de.

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