Patrick Angus im Kunstmuseum Stuttgart Sehnsüchte im Halbdunkel

Von Nikolai B. Forstbauer 

Gibt es die Geschichten von der Wiederentdeckung eines Künstlers nach seinem Tod doch? „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer folgt den Spuren des jung gestorbenen Malers Patrick Angus.

Stuttgart - Kunstgeschichte ist Kriminalgeschichte, heißt es gern – und die jüngere Gegenwart liefert mit Fälschungsskandalen und vielen offenen Fragen zu europäischer wie auch zu außereuropäischer Raubkunst reichlich Argumente für diese Gleichung. Aber auch das stimmt: Kunstgeschichte ist voller Kunstgeschichten. Und die schönsten schreibt, Klischee hin, Wunschvorstellung her, noch immer die Wirklichkeit.

Diese Geschicht begint in einem Kino

Diese Geschichte beginnt in einem Kino. Der Stuttgarter Rechtsanwalt und Kunstsammler Andreas Pucher sieht 2009 den Film „An Englishman in New York“. John Hurt spielt, wie schon 20 Jahre zuvor in „The naked civil Servant“, den britischen Schriftsteller Quentin Crisp.

Regisseur Richard Lisk erzählt von den New Yorker Jahren des Autors. Crisp, homosexuelle Kultfigur, ist als Dandy Stilikone, verwandelt als Schriftsteller Lesungen in Theaterauftritte. 1981 kommt er nach Manhattan. Neun Jahre später lernt er einen jungen Maler ­kennen – Patrick Angus. Dessen Bilder spielen in den Clubs der Stadt, erzählen von jungen Männern, die nackt vor einem fast regungslosen Publikum tanzen. Es sind Bilder der Sehnsucht und der absoluten Einsamkeit, es sind Momentaufnahmen einer Szene und doch Bilder, die sich jeder dokumentarischen Einordnung entziehen.

Starkünstler David Hockney engagiert sich für Patrick Angus

„Diese Bilder“, sagt Andreas Pucher, „haben mich sofort fasziniert.“ Wer war dieser Patrick Angus, dessen frühen Tod mit 38 Jahren „An Englishman in New York“ ebenso thematisiert wie das Bemühen von ­Quentin Crisp, Ausstellungsmöglichkeiten für Angus zu organisieren? Pucher forscht nach, kommt aber zunächst nicht weiter. Die Spur von Patrick Angus scheint sich zu ­verlieren – und das trotz eines scheinbar spektakulären Erfolgs. Der für seine unterkühlten Upperclass-Szenarien international bekannte Maler David Hockney kauft 1992, noch vor dem Aidstod des Malers, sechs Bilder von Patrick Angus.

Douglas Blair Turnbaugh öffnet die Angus-Schatztruhe

2011 läuft „An Englishman in New York“ erstmals im Fernsehen. Und wieder ist ­Andreas Pucher elektrisiert. Ebenso wie nun auch der Stuttgarter Galerist Thomas Fuchs. Über das New Yorker Leslie-Lohmann-Museum kommt ein erster Hinweis. Patrick Angus soll seine Bilder einem Nachlassverwalter anvertraut haben. Sein Name: Douglas Blair Turnbaugh.

Seit den 1970er Jahren ist Turnbaugh in der New Yorker Kunstszene aktiv – als Sammler (unter anderem früher Arbeiten des US-Starkünstlers Richard Prince), ­Autor, ­Berater und Produzent.

Andreas Pucher nimmt Kontakt auf. Und Douglas Blair Turnbaugh öffnet eine un­geahnte Schatztruhe: das nur bruchstückhaft bekannte Werk von Patrick Angus. „Das war natürlich unglaublich“, sagt ­Pucher. Fasziniert ist der Sammler „vor ­allem von der ­malerischen Qualität“.

Wie Männer Männer beobachten

Ein Bild hat es Pucher besonders angetan: ein abgedunkelter Raum, eine Halle eher, darin auf der linken Seite eine Bühne, ­davor, kaum wirklich gruppiert, eine Handvoll Stühle. Ältere Männer sind zu erkennen, steif und unbeweglich sitzen sie da, ihre ­Mimik zeigt eine Spur Härte, aber auch ­Ungewissheit. Die Männer schauen auf die Bühne, im Lichtkegel bewegt sich dort ein halb nackter junger Mann. Es ist eine ­typische Szene für einen New Yorker ­Homosexuellen-Club der 1980er Jahre, und es ist natürlich auch ein Stück Kunst­geschichte, das der Maler Patrick ­Angus hier aufruft. Ob Männer Frauen ­beobachten, ob Männer Männer beobachten – seit dem 19. Jahrhundert ist der Blick auf eine solche Szene, der ja der Blick auf die ­Beobachter ist, eine feste Bildgröße.

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