In Stuttgart und der Region sollen vorerst keinen „Ulmer Nester“ stehen. Foto: dpa/Tom Weller

Sie heißen Ulmer Nester und bieten je einem Obdachlosen einen warmen Schlafplatz. Vor der Stuttgarter Markuskirche steht ein ähnliches Exemplar, gespendet von einem Mann aus Bruchsal. Plant die Landeshauptstadt einen Ausbau der Aktion? Und wie sieht es in der Region aus?

Stuttgart - Sie bestehen aus massivem Holz und Stahlblech. Sie lassen sich von innen verriegeln und stellen neben der Wärme-Isolation sicher, dass stets Frischluft hereinkommt. Die Rede ist von den sogenannten Ulmer Nestern, Schlafkapseln für Obdachlose, die vor einer Woche in der Donaustadt aufgestellt worden sind. Die zwei futuristisch aussehenden Unterschlüfte bieten Platz für je einen Menschen ohne festen Wohnsitz. Sie schützen vor Kälte und sollen eine Ergänzung zu den Angeboten der Wohnungslosenhilfe sein. Die Nester waren als Pilotprojekt im Auftrag der Stadtverwaltung in der Region entwickelt und im Winter 2019/2020 Winter erstmals in Ulm aufgebaut worden. Künftig sollen sie jedes Jahr in der kalten Jahreszeit im Einsatz sein.

Im Schutze der evangelischen Markuskirche im Stuttgarter Süden steht ein ähnliches, zwei Quadratmeter großes Exemplar. Derzeit schläft eine Frau darin, die den vergangenen Winter auf der Straße verbrachte – weil sie nicht aus Stuttgart komme und deshalb in den Notunterkünften nicht vorrangig aufgenommen werde, erklärt Pfarrer Tilo Knapp. „Schlafwägele“ heißt das vom Bruchsaler Unternehmer Matthias Holoch konstruierte mobile Objekt, das er Knapp und seiner Kirchengemeinde bereits im Sommer geschenkt hat. Die Ulmer Nester inspirierten den ehemalige Kommunalpolitiker Holoch einst bei der Konstruktion.

Andere Rahmenbedingungen in Stuttgart

Wird es in der Landeshauptstadt und in der Region bald weitere Ein-Personen-Unterschlüfe nach dem Ulmer Modell geben? Nein, heißt es seitens der Stadt Stuttgart. Stuttgart verfüge nicht nur über ein umfangreiches und sehr ausdifferenziertes Angebot der Wohnungsnotfallhilfe. Die Sozialverwaltung beabsichtige auch – vorbehaltlich der Zustimmung es Gemeinderats – diese Angebote „gemeinsam mit den Trägern der freien Wohlfahrtspflege bedarfsorientiert weiterzuentwickeln“, heißt es seitens des Sozialamts. Die Rahmenbedingungen seien „von Ort zu Ort unterschiedlich und in Stuttgart anders als in Ulm“.

Die Stadt Ludwigsburg hat für akute Fälle und zum Schutz vor Kälte „das ‚Notzimmer’ beziehungsweise den ‚Notcontainer’“ eingerichtet, sagt die Sprecherin Karin Brühl auf Nachfrage. Die Polizei könne dort rund um die Uhr Personen unterbringen. „Am nächsten Werktag werden dann die persönlichen Umstände der Notübernachtung abgeklärt“, so Brühl weiter. Obdachlose, die sich bewusst für ein Leben auf der Straße entschieden, wendeten sich an die Wohnungslosenhilfe des Landkreises. Die biete ein Aufnahmehaus für Notübernachtungen, auch Schlafsäcke würden ausgegeben.

Esslingen könnte Übertragbarkeit prüfen

Der Esslinger Stadtverwaltung sind die „Ulmer Nester“ gut bekannt. In der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe des baden-württembergischen Städtetags „findet zu diesem Projekt ein regelmäßiger Austausch statt und die Stadt Ulm berichtet über ihre Erfahrungen mit dem neuen Projekt, das seit dem Winter 2019/20 läuft“, heißt es seitens der Stadt. Stand heute, sei die Anschaffung von Übernachtungsmöglichkeiten analog zu den „Ulmer Nestern“ zwar nicht geplant. Sollte die abschließende Evaluation des Projekts in Ulm aber positiv ausfallen, werde die Stadt eine Übertragbarkeit auf Esslingen prüfen. Um Wohnungslose im Winter vor der klirrenden Kälte zu schützen, biete die evangelische Gesellschaft im Auftrag der Stadt Übernachtungsmöglichkeiten für den Notfall an, die durch eine Beratung ergänzt würden.

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Auch in Böblingen seien Schlafkapseln wie in Ulm aktuell nicht notwendig, informiert das Sozialamt der Stadt und erklärt: Zu regulären Zeiten kümmerten sich Mitarbeiter bei Bedarf um die Unterbringung von Obdachlosen. Dafür gebe es vorbereitete Zimmer in bestehenden Unterkünften. Außerhalb dieser Zeiten übernehme die Polizei, die ebenfalls Schlüssel habe.

Ulmer Nester noch in frühem Stadium

In Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) hält man die Schlafkapsel nach dem Ulmer Modell für überflüssig. Oliver Conradt, der Leiter der Abteilung Ordnungswesen der Stadt, begründet das so: „Die Zielgruppe des Ulmer Nests sind wohl diejenigen Obdachlosen, die freiwillig im Freien übernachten, insbesondere, weil sie das Nächtigen in einer Sammelunterkunft grundsätzlich ablehnen. Solche Fälle sind in Waiblingen sehr selten und können gegebenenfalls auch an die Fachberatung für Wohnungslose der Erlacher Höhe vermittelt werden, um anderweitige Lösungen einer langfristigen Unterbringung mit festem Dach über dem Kopf zu finden.“

Die Stadt biete ganz individuelle Lösungen für Menschen ohne festen Wohnsitz an, bringe sie beispielsweise in Pensionen oder städtischen Unterkünften unter. Niemand müsse auf der Straße leben, ergänzt Conradt.

Auch Falko Pross vom interdisziplinären Team, das mit der Entwicklung des „Ulmer Nests“ beauftragt wurde, bestätigt, dass aus anderen Regionen keine Absichten zur Übernahme des Projekts bekannt seien. Gleichzeitig merkt er allerdings an, dass sich dieses „ja auch noch in einem sehr frühen Stadium befindet“.

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