Dank der Räder kann das Wägele problemlos den Ort wechseln. Foto: Stefan Jehle

Ein Unternehmer aus Bruchsal hat mobile Unterkünfte entwickelt. Zwei werden bereits getestet, vier weitere sind noch in Arbeit.

Bruchsal - Schutz vor Wind und Wetter oder Diebstahl auf zwei Quadratmetern: Das ist die Idee hinter den Schlafwägele, die der Bruchsaler Unternehmer Matthias Holoch für Obdachlose gebaut hat. Beobachtungen in der Obdachlosenszene in Berlin und in Frankfurt haben ihn veranlasst, den Außenseitern der Gesellschaft mehr Schutz zu bieten. „Schlafwägele“ nennt er die Konstruktion, an der er vor vier Jahren zu arbeiten begonnen hat. Bei Recherchen im Internet stieß er auf Versuche mit derartigen mobilen Behausungen. Auch über das sogenannte Ulmer Nest, einer als Erfrierungsschutz entwickelten Schlafkapsel, die seit Jahresbeginn im Einsatz ist, informierte er sich.

Seit vergangenem Herbst sind in Mainz zwei der von Holoch entwickelten mobilen Behausungen im Einsatz. 70 bis 80 Kilogramm wiegen die aus wetterbeständigem Dreischichtholz gebauten Schlafwägele, der Innenraum ist 70 Zentimeter breit und zwei Meter lang. Wichtig war dem Konstrukteur, dass ein Nutzer in dem Gefährt aufrecht sitzen kann. Unter der Matratze befindet sich ein Fach für persönliche Gegenstände. Das Ganze ist zudem verschließbar und mit Rauchmelder und einem kleinem Feuerlöscher ausgestattet. Durch kleine Lüftungsschlitze kann man nach draußen schauen – und die Luftzufuhr ist gesichert.

Zunächst interessierte sich niemand für die Idee

Nach der Beobachtung des sozial engagierten Unternehmers Holoch würden Obdachlose meist tagsüber schlafen. Nachts hätten sie dagegen Angst vor Übergriffen und versteckten sich, glaubt er. Eigentlich hatte er sich schon damit abgefunden, dass seine Idee keine Resonanz finden würde. Dann traf er auf einer Studienreise in Israel einen Arzt aus Mainz, und erzählte ihm davon. Der Arzt war angetan und vermittelte den Kontakt zu der Mainzer Initiative „Armut und Gesundheit“, ein deutschlandweit agierender gemeinnütziger Verein, der sich mit Hilfsprojekten für Notleidende einsetzt.

Der Verein sei in erster Linie Anlaufstelle für Menschen ohne Krankenversicherung, erklärt ein Sozialarbeiter. „Schlafen draußen im Freien ist nach wie vor gefährlich“, ergänzt er. Die Behausung aus Bruchsal sieht er dabei „als absolute Notlösung“. Die Mainzer nennen sie daher auch „Not-Schläfwägele“. Die beiden Wägele, die momentan im Einsatz sind, sind jeweils einem Obdachlosen „fest zugeteilt“. Vier weitere werden gerade noch farblich aufgepeppt.

Insgesamt wurden sechs Modelle produziert

Die Konstruktion aus Bruchsal, die dank ihrer vier Räder mobil ist, könnte aus Sicht des Erfinders das Leben von Obdachlosen ein wenig erleichtern. Bisher hat Holoch sechs Modelle bei einer Firma in Stutensee fertigen lassen – und den Nutzern in Mainz geschenkt. „Es macht Spaß, anderen Menschen zu helfen. Ich möchte damit kein Geld verdienen“, sagt der Bauunternehmer. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie würden Obdachlose „noch weiter hinten runter fallen als ohnedies schon“.

In Ulm würden die Schlafkapseln, die von Streetworkern und der Caritas betreut werden, rege genutzt, heißt es. Begleitet wird das Projekt durch eine Studie der Universität Kassel. Ulm hat 35 000 Euro in das Pilotprojekt investiert.

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