Einwanderer aus der Schweiz: Der Luchs ist immer häufiger im Schwarzwald unterwegs Foto: dpa

Erstmals ist es Wissenschaftlern jetzt gelungen, einem im Schwarzwald frei lebenden Luchs einen Halsbandsender anzulegen. Die Raubkatze soll nun vor allem Aufschluss über die Wanderrouten geben. Entsprechend sollen ihre Lebensräume vernetzt werden.

Freiburg - Wie der Braunbär und der Wolf wurde in der Vergangenheit auch der Luchs so lange verfolgt, bis er vor rund 200 Jahren in ganz Westeuropa ausgerottet war. Erst seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts wandert die Kleinkatze wieder nach Deutschland ein und streift mittlerweile wieder durch eine Mittelgebirge. Der Luchs gehört zu den besonders streng geschützten Arten.

Seit wenigen Jahren sind einzelne Luchse auch wieder im Schwarzwald unterwegs. Die Betonung liegt dabei aber auf unterwegs – und nicht auf heimisch. Denn die Wissenschaftler gehen bisher davon aus, dass die Tiere aus dem Schweizer Jura über die Grenze kommen, wo sie vor mehr als 30 Jahren gezielt angesiedelt wurden. Bisher wurden nur einzelne männliche Tiere dort gesichtet, ­deren Radius offenbar größer ist als der der Weibchen.

Im Rahmen des Luchsmonitorings sind einzelne der Pinselohren auch von Jägern fotografiert oder Spuren eindeutig als Luchsspuren identifiziert worden. Die Wege der Katze sind bisher aber unbekannt. Jetzt hat ein Kuder, wie männliche Luchse bezeichnet werden, ein Schaf gerissen. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg bestätigte dies.

Halsband zeigt Aufenthaltsorte des Tieres an

Weil die Luchse gewöhnlich mehrmals zu ihrer Beute zurückkehren, gelang es Wissenschaftlern der FVA, den Luchs zu betäuben und ihm den Halsbandsender anzulegen. „Über das Halsband ist es nun möglich, den Aufenthaltsort des Tieres regelmäßig zu ermitteln“, sagt Wildbiologe Michael Herdtfelder. Damit kann die Fläche festgestellt werden, die der Luchs als Lebensraum nutzt, ob er sich längerfristig im Schwarzwald aufhält und welches seine bevorzugten Beutetiere sind.

„Ohne Halsbandsender ist es fast unmöglich, die Gewohnheiten dieser großräumig umherstreifenden Tiere zu untersuchen“, so Herdtfelder. In benachbarten Bundesländern seien die Reviere von Luchsen häufig mehrere Hundert Quadratkilometer groß.

Um die Herkunft des Luchses eindeutig zu klären, wurden bei ihm DNA-Proben genommen, die mit den Daten im Schweizer Jura abgeglichen werden. „Die letzten Jahre haben gezeigt, dass einzelne Luchse durchaus in der Lage sind, aus dem Schweizer Jura in den Schwarzwald zu ziehen. Welchen Weg sie dabei nehmen, ist für die Vernetzung von Lebensräumen von großer Bedeutung“, sagt Herdtfelder.

Bisher gehen die Experten davon aus, dass der Luchs sich eher wieder zurückziehen wird, da er zwar Einzelgänger ist, aber ungern ohne Anschluss an ein benachbartes Tier bleibt.

Die Auswilderung: ein millionenschweres Programm

Experten rechnen damit, dass der Südwesten Platz für 80 bis 120 Luchse bietet. „Eine Auswilderung sollte aber nicht übers Knie gebrochen werden“, sagt der Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), ­Andre Baumann. Schließlich müsse ein ­solches millionenschweres Programm auch wissenschaftlich begleitet werden.

Der Landesjagdverband (LJV) hat für den mit einem Sender ausgestatteten Luchs die Patenschaft übernommen. „Wir Jäger wollen damit ein Zeichen für die Akzeptanz von zuwandernden Luchsen setzen“, sagt Klaus Lachenmaier vom LJV. Dass es zu einer spürbaren Veränderung des Verhaltens anderer Wildtiere kommt, sei selbst bei mehreren Luchsen in der Region unwahrscheinlich, ist er überzeugt.

Luchse seien „keine Konkurrenz“ für die Jäger. ­Michael Rüttiger vom Ökologischen Jagdverband sieht das ebenso: „Aufgrund ihrer großen Streifgebiete erbeuten sie weniger als wir Jäger.“

Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband hat Bedenken

Bedenken hat dagegen der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV). „Sollte sich dieser Luchs auf Nutztiere spezialisieren, fordern wir wirksame Maßnahmen, die weitere Übergriffe verhindern“, warnt Michael Nödl vom BLHV.

Allerdings bleiben in solchen Fällen auch bisher schon die Landwirte nicht auf ihrem finanziellen Schaden sitzen: 2007 wurde von verschiedenen Jagd- und Naturschutzverbänden gemeinsam ein Entschädigungsfonds eingerichtet, der nun erstmals zum Einsatz kommt. Der Nabu unterstütze die Entschädigungen betroffener Schaf- und Ziegenhalter, so Andre Baumann.

Der Nabu weiß aber auch, dass die Bürger im Hochschwarzwald sich sehr für die gefleckte Katze interessieren. Ihnen erscheine der Schwarzwald durch einen Luchs „ein Stück wilder“. Der Nabu und die Luchs-Initiative heißen den Luchs offiziell willkommen. „Luchse gehören zum Schwarzwald wie der Bollenhut“, sagt der Vorsitzende der Luchs-Initiative, Peter Willmann.

Info: Große Kleinkatze

Info: Große Kleinkatze

Merkmale: Luchse sind mit bis zu 70 Stundenkilometern unterwegs. Sie gehören zu den Kleinkatzen, sind dennoch die größten Katzen Europas. Erkennungsmerkmal sind lange Haarbüschel an den Ohren, weshalb sie oft als Pinselohren bezeichnet werden. Luchse sind nachtaktive Einzelgänger. Zur Beute gehören Rehe, Füchse, Marder, Hasen und Mäuse. Männchen werden bis zu 25 Kilo schwer, Weibchen bis zu 20 Kilo.

Ausgerottet: Der letzte Luchs Baden-Württembergs wurde im Dezember 1846 bei Wiesensteig auf der Schwäbischen Alb geschossen. Mehr als 140 Jahre galt der Luchs als ausgerottet, bis an Silvester 1988 ein überfahrener Luchs auf der A 5 südlich von Freiburg gefunden wurde. Seit Anfang der 1990er wurden immer wieder Luchse im Schwarzwald gesichtet.

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