Reinhold Nägele, Ausschnitt aus seinem „Parteipanorama“ von 1925. Aus dem Familienarchiv Heuss, Basel/Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart . Foto: Bernd Eidenmüller (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

An diesem Sonntag endet im Kunstmuseum in Stuttgart die viel beachtete Ausstellung über Reinhold Nägele, den „Chronisten der Moderne“. Anlass, an die besondere Beziehung Nägeles zu einem anderen großen Schwaben zu erinnern: Theodor Heuss.

Stuttgart - Theodor Heuss (1884-1963) und Reinhold Nägele (1884-1972) schätzten sich ein Leben lang. Journalist, Politikwissenschaftler und liberaler Politiker der eine, freier Künstler und Grafiker der andere, begegneten sich die beiden zum ersten Mal 1912 im Stuttgarter Kunsthaus Schaller. Reinhold Nägele, befand Theodor Heuss, sei „ein schwäbisches Urgestein“, begabt „mit künstlerisch-geistigem und historischen Weitsinn“.

„Parteienpanorama“, ein Temperabild des Künstlers aus dem Jahr 1925 schaffte es bis in die Villa Hammerschmidt nach Bonn, wo Heuss als erster deutscher Bundespräsident residierte. Das Werk ist Bestandteil der Sonderausstellung über Nägele im Kunstmuseum. Es hat einen altmeisterlich braunen Grundton und wirkt mit seinen vielen Details wie ein frühes Wimmelbild. In einer Landschaft, geformt wie eine Berg- und Talbahn, haben sich die Parteien eingerichtet: Die SPD versammelt ihre Anhänger neben einem offenen roten Zelt. Die Deutsche Volkspartei (DVP) tagt in einem Zirkuszelt mit Pickelhaube. Reichspräsident Friedrich Ebert reist in einem Ballon. Die Nationalsozialisten sind noch eine kleine Gruppe, aber sie schießen schon. Frappierend für das Gewimmel, mit dem Reinhold Nägele auf die politische Unsicherheit der Weimarer Republik reagiert, ist der tanzende Sensenmann im linken oberen Bildteil. „Ungezählte Menschen musste ich vor dieses Bild führen und es erklären“, schrieb Bundespräsident Theodor Heuss über das „Parteienpanorama“.

Heuss wollte Nägele an die Akademie der Bildenden Künste holen

Auch Reinhold Nägele stattete dem geschätzten Freund 1952 anlässlich einer Europareise einen Besuch im „Weißen Haus in Bonn“ ab. Seiner jüdischen Ehefrau Alice Nördlinger wegen waren die Nägeles mit ihren Kindern 1939 in die USA emigriert. Der Dermatologin war die Approbation entzogen worden; auch Nägele hatte Malverbot erhalten. Nach dem Ende der Nazizeit berief Heuss 1946 in seiner Funktion als Kultusminister Reinhold Nägele als Professor für Grafik an die Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Nägele lehnte ab. Am Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident zog sich Heuss nach Stuttgart zurück. Das „Parteienpanorama“ und weitere Nägele-Werke zogen in das heutige Theodor-Heuss-Haus auf dem Killesberg um.

Als sich Nägele (geboren 1887 in Murrhardt) und Heuss (geboren 1884 in Brackenheim) im Kunsthaus Schaller treffen, ist Heuss nach dem Studium der Nationalökonomie, Literatur, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und Staatswissenschaft in München und Berlin Chefredakteur der Neckar-Zeitung in Heilbronn und verfasst Feuilletons für die in München erscheinende Zeitschrift „Der Kunstwart“. Nägele, nach abgeschlossener Lehre als Dekorationsmaler und dem Besuch der Kunstgewerbeschule Stuttgart, gilt als künstlerischer Autodidakt. Schaller stellt neben bekannten Künstlern auch auch junge, unbekannte aus. Er erkennt in dem etwa gleichaltrigen Reinhold Nägele „eine originelle Fantasie“.

Die beiden schrieben sich regelmäßig

Ein anderer Zeitgenosse sieht in Nägeles Werken die Fähigkeit des Malers „die Unzulänglichkeit des menschlichen Theaters“ mit künstlerischen Mitteln darstellen zu können. Mit seinem „Parteienpanorama“ von 1925, so formuliert es Theodor Heuss später, schafft Nägele „eine Paraphrase über das politische Kräfteringen“. Als genauer Beobachter politischer Entwicklungen offenbart sich Reinhold Nägele auch in anderen Werken. In „Revolution der Musikinstrumente“ (1919) hat das Chaos die nötige Ordnung des Orchesters abgelöst. Kontrabassisten und Celli ersetzen den Dirigenten. Mit Armen und Beinen ausgestattet, spielen die übrigen Instrumente sich selbst oder posieren in Kampfhaltung. In der Mitte des Bildes schwenkt eines der Instrumente ein rote Fahne. Dokumentarisches strebt Reinhold Nägele mit diesen Werken nicht an. Er setzt auf märchenhaft-fiktionale Szenen.

Mit Theodor Heuss verband ihn mehr als die politische Grundhaltung; die beiden korrespondierten regelmäßig, Heuss besuchte die Familie 1952 in New York. Das „Parteienpanorama“ in der aktuellen Sonderausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ist eine Leihgabe der Stiftung Bundespräsident Theodor Heuss Haus.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: