Zwei Mal verschwunden und zum Glück im Gras gefunden: Die Portraitbüste des Künstlers im Weißenburgpark Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eigentlich guckt er in die falsche Richtung. Aber Hauptsache, er ist wieder da: Der Kopf des Malers Reinhold Nägele auf der Aussichtsplattform im Weißenburger Park, nachdem er Opfer von Zerstörungswurt geworden war.

Stuttgart - Werner Koch, der ehemalige Leiter des Garten-und Friedhofsamts der Stadt, lässt heute noch eine gewisse Ergriffenheit erkennen, wenn er an die Aufstellung und Enthüllung der Büste von Reinhold ­Nägele am 6. Juni 2008 denkt. Dem Freundeskreis Reinhold Nägele war es zu verdanken, dass ein längst fälliges öffentliches Zeichen des Erinnerns an den Künstler gesetzt wurde, dem Stuttgart die schönsten Stadtansichten zu verdanken hat und der doch aus dieser geliebten Heimat fliehen musste. Dann stand im Oktober 2015 die Stele plötzlich kopflos da. Das ausdrucksvolle Haupt aus Bronze war abgedreht worden und verschwunden, die Polizei vermutete Diebe, die es auf Buntmetall abgesehen hatten.

Reinhold Nägele wurde am 17. August 1884 in Murrhardt geboren. Nach einer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Stuttgart war er 1923 Mitbegründer der Stuttgarter Secession. Die Topografie Stuttgarts, die reizvollen Aus- und Anblicke, aber auch die architektonischen Veränderungen wie der Bau des Tagblatt-Turms und der Weißenhofsiedlung inspirierten ihn immer wieder zu fast dokumentarischen Darstellungen.

Berufsverbot bei den Nazis

1934 ehrte der Kunstsammler Hugo Borst ihn und seinen Freund, den Bildhauer Wilhelm Fehrle, mit einer Retrospektive. Es war das letzte Mal, dass der Maler sein Werk hier präsentieren konnte. Das NS-Regime belegte ihn mit Berufsverbot, weil seine Frau ­Alice jüdischer Abstimmung war und Nägele eine Scheidung verweigerte. 1939 gelang dem Paar die Flucht nach New York. 1952 reisten Reinhold und Alice Nägele erstmals wieder nach Europa. Der Anblick der zerstörten Stadt erschütterte ihn: „Stuttgart hat sein Gesicht verloren“, klagte er. Dennoch entschloss er sich nach dem Tod seiner Frau 1962 zur Rückkehr in die schwäbische Heimat. Hier starb er am 30. April 1972 im Katharinenhospital.

Sein Vater habe eine lebenslange Liebesgeschichte zu Stuttgart gepflegt, sagt sein Sohn Thomas Nägele. Sogar bei der Trauung 1921 sei er laut Überlieferung der Mutter so von der Aussicht auf Stuttgart abgelenkt gewesen, dass ihn der Standesbeamte zur Ordnung rufen musste. Thomas Nägele lebt bis heute in New York und war mit seinem Bruder Philipp zur Enthüllung der Büste aus den USA angereist. Umso schockierender die Nachricht vom Verschwinden des Kopfes, dessen Original 1930 Jakob Wilhelm Fehrle geschaffen hatte.

Jugendliche feiern hier gerne Party

Würde er je wieder auftauchen? Oder ist eine Reproduktion nötig? Aber Tadija Zelenika, Pächter des Teehauses im Weißenburgpark, der die Tat entdeckte hatte, verdächtigte gleich weniger Diebe als die Jugendlichen, die diesen Ort mit Aussicht gern für Partys nutzen. Und da werde auch viel Alkohol getrunken. Und dann Blödsinn gemacht. Diese Freizeit-Vandalen, wusste er, hatten den Kopf schon mal runtergeworfen und im Gras liegen gelassen. Und siehe da: Die Büste fand sich im Gelände und wurde von Zelenika in Absprache mit der Stadt monatelang sicher im Keller des Teehauses verwahrt.

Und wieder war es der Freundeskreis Reinhold Nägele, der dafür sorgte, dass der Kopf endlich wieder oben sitzt. Warum dauerte es so lang? Da hört man nur einen Seufzer über eine gewisse Schwerfälligkeit im Rathaus. Das wird mit dem Schild der Straße, die Nägele 2011 am Killesberg gewidmet wurde, hoffentlich nicht passieren. Und noch in diesem Jahr, verrät der Freundeskreis, wird es eine Ausstellung des Werkes von Nägele im Kunstmuseum geben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: