Reinhold Nägele: Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart Das Menschsein aus der Vogelschau – Reinhold Nägele

Von Nikolai B. Forstbauer 

Reinhold Nägele (1886-1972) gilt in der Kunst als Einzelgänger. Wie das Kunstmuseum Stuttgart Nägeles Bildwelt präsentiert, hat sich „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer angesehen.

Stuttgart - Eine nackte Frau mit harten Gesichtszügen notiert, auf einem Stuhl sitzend, auf einer nicht enden wollenden Liste Namen. Namen von Toten. Sechs Brüste hat die Frau, bittere, wüste ­Botin des Todes. Ein Aufschrei in Schwarz-weiß und doch in tiefster, abgründiger ­Farbigkeit, ein kleines Blatt von enormer Bedeutung, eine Radierung, die der Malerei weit vorauseilt.

Bittere Kriegsanklage

1914 kratzt Reinhold Nägele die Szenerie in die Platte. Seine „Verlustliste“ gewinnt nicht erst mit der Sichtbarkeit der Millionen zerfetzter, geschundener ­Körper an Brisanz, Nägele identifiziert das Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs schon in den ersten Monaten als eigenen Automatismus.

Diese „Verlustliste“ passt kaum zum ­gerne gepflegten Bild des detailverliebten und lokalen Besonderheiten verpflichteten Malers und Grafikers. Oder führt umgekehrt die Präzision Nägele erst mitten hinein in die Erkenntnis des Grauens?

Diese Frage stellt die von diesem Samstag an im Kunstmuseum Stuttgart zu sehende Ausstellung zum Werk Reinhold Nägeles in überraschender Schärfe und Klarheit. Und damit bekommt auch der scheinbar harmlose Ausstellungstitel „Chronist der Moderne“ Brisanz. Beide Begriffe – „Chronist“ wie „Moderne“ – gewinnen an Vieldeutigkeit, Abgründigkeit, an buchstäblicher Tiefe, die jene, um die es doch gehen sollte, einfach verschlingen kann: die Menschen.

Nägele ist weit mehr als nur ein liebevoller Dokumentarist

Es geht um Behauptung und Realität, und es geht mehr noch um eine Haltung, die ­Realität als Einsicht meint. Das ist weit ­entfernt von einer Position, die Reinhold ­Nägele zum ­liebevollen Dokumentaristen verkürzt. Und das führt sehr direkt zu einer Frage, die eine Weiterentwicklung dieser Ausstellung provozieren könnte. Inwieweit nämlich gerade das surreale Moment in ­Nägeles Schaffen nach der Rückkehr aus 24 Jahren US-Exil (1939-1963) sich dadurch begründet, dass der in New York nach eigenem Empfinden seiner Wurzeln beraubte Maler eben jener geschauten Realität in Manhattan kaum etwas hinzu­zufügen hatte – und folgerichtig zurück in Deutschland, zurück in Stuttgart, zuvorderst wieder die verlorene Tiefe zu ­erreichen suchte.

Der Katalog wird Teil der Ausstellung

Der Reihe nach aber: Sechs Themen­blöcken folgt die von Anna-Maria Drago ­Jekal erarbeitete Ausstellung: Von Nägeles Architektur- und Stadtansichten geht es zu (technisierten) Landschaften, zeitgenössischen Ausstellungsereignissen, dem Cannstatter Volksfest als Sinnbild des Wandels, weiter zu Beobachtungen und Einschätzungen politischer Ereignisse – um schließlich der möglichen eigenen Annäherung an das Werk wie auch das Leben Nägeles in ­Grafiken, Film- und Radiobeiträgen Raum zu geben.

Als siebter Themenblock kann und muss der Katalog gelten, ein Bild- und Textraum von nur im Format unscheinbarer Größe. Ob Papierauswahl, Druckqualität und Bildschnitt, Schriftart, Satzbild oder Frage­stellungen – dieser Band begleitet nicht, er ist so selbstverständlich Teil eines Ganzen, wie es auch die zeitgenössischen Fotos sind, die in diversen Vitrinen Hinweise auf Arbeitsmaterialien Nägeles geben.

Der Maler sucht Distanz und Überblick

Worauf aber zielt der Maler Reinhold ­Nägele? Durchaus die Fäden der ungemein verdienstvollen Aufarbeitung von ­Brigitte Reinhardt für die Galerie der Stadt Stuttgart von 1984 aufnehmend, zeigt diese Ausstellung, zeigt Anna-Maria Drago ­Jekal, deutlicher als manche Schau zuvor die Widersprüchlichkeit dieses schienbar so schnell summierten künstlerischen Lebenswerkes auf.

So braucht es den Nägele der Landschaft und dessen ausschnitthafte Konzentration auf die Technisierung, um in der Annäherung an den urbanen Wandel künstlerische Spannung zu gewinnen. Dokumentarisch interessant sind Nägeles Baustellen-Blicke fraglos, doch erst ein Bild wie „Ludwigsburger Straße“ (1923), das den mächtigen Wall für die Zuführung zu Bonatz’ Neuem Hauptbahnhof zeigt und einen auf den Bahnhofsturm zulaufenden Boulevard ­suggeriert, ist als Experiment in Farbe und Form wirklich von Bedeutung.

Dagegen zeigt die Reihe von Gleislandschaften („Bahnübergang am Stadtrand“, 1912; „Bahnlinie“, 1922; „Abendlandschaft, Curve Murrhardt“, 1931) spannungsvolle Kontinuität: Der Landschaftseingriff mit Masten, Leitungen und Signalanlagen ist zugleich reale Figuration wie abstraktes ­Liniengeflecht, das sich gegen jeweils in sich fein differenzierte Farbräume abhebt. Mehr noch aber: Die bewusst gesuchte Leere der Gleislandschaften schafft Abstand, schafft Distanz, schafft Überblick – ein Thema, das in Nägeles Schaffen mehr und mehr auch zu einem Qualitätsmerkmal wird.

Der Mensch ist nur als Miniatur erträglich

Distanz im Sinne einer Klärung der ­Verhältnisse und Steigerung der Bedeutung bestimmt die Beschäftigung mit der Internationalen Bauausstellung in Stuttgart 1924 wie dem mit diesem Ereignis verbundenen ersten großen Auftritt der ein Jahr zuvor ­gegründeten Künstlergruppe Stuttgarter Secession. Die Distanz auch erlaubt zudem die Auseinandersetzung mit dem Zerfall der gesellschaftlichen Gefüge, den übersteigerten Eitelkeiten des vorgegebenen politischen (Straßen-)Kampfes und mit einer ­Parteienrealität, die sich unter dem Banner der Vielfalt rasant dem demokratischen ­Abgrund nähert. Nägele zeigt all dies im künstlerischen Schutz der Vogelschau – der Mensch ist dem Künstler nurmehr als ­Miniatur erträglich.

Strandschlachten werden Straßenschlachten

Strandschlachten, die Straßenschlachten werden, ein Parteien-Babel, aus dem es nicht einmal mehr in den Träumen einen Ausweg gibt – Reinhold Nägele zeigt all dies mit einer kaum übersehbaren Hoffnung: Immer triumphiert Schwarz-Rot-Gold über Schwarz-Weiß-Rot, das demokratische ­Lager über das deutschnationale. Eine ­trügerische Hoffnung, wie auch Nägele bald feststellen muss.

Die Familie muss emigrieren

Die neue deutsche Zeit, die der Maler 1935 bei der Einweihung eines Denkmals in Murrhardt noch als absurde Raum­dekoration zeigt, entzieht Nägeles Frau, der Dermatologin Alice Nördlinger, schon 1933 die Kassenzulassung, 1937 jegliche Arbeitserlaubnis. Ihr Verbrechen? Ihre Identität als Jüdin (die ­Alice Nördlinger nach eigenem ­Bekunden erst nach der Ausgrenzung in ­Hitler-Deutschland für sich entdeckt und annimmt). Auch Nägele selbst wird 1937 aus der Reichskammer der Bildenden Künste ­ausgeschlossen – dem Paar bleibt zuletzt 1939 nur die Flucht über Paris und London nach New York.

Hier endet die Ausstellung im Kunst­museum Stuttgart – eine Schau, die nach ­zögerlichem Beginn rasch an Fahrt aufnimmt, um sich Reinhold Nägeles Schaffen in seltener Intensität zu nähern.

Eine verdienstvolle Schau

Eine verdienstvolle Schau , die, beginnend mit Werken wie „Weißenhofsiedlung ­Stuttgart“ (1928), „Stuttgart vom Kriegsbergturm bei Nacht“ (1938) und „Abend­landschaft, Curve Murrhardt“, 1931, aber etwa auch in dem wunderbaren Hinterglas-Kleinformat „Die starke Frau“ von 1931 neben der Reise durch zeitgeschichtliche Wahr­nehmungen zugleich Nägeles immer spürbaren Dialog mit der Kunst- und Literaturgeschichte deutlich macht. Allen voran mit den Werken der auch den Namen ­seiner ­Söhne Kaspar, Philipp und Thomas ­­ab­les­baren Künstler der deutschen Romantik ­Capar David ­Friedrich und Philipp Otto Runge sowie des Autors Thomas Mann.

Reinhold Nägele – von Murrhardt nach New York

1884 in Murrhardt geboren, absolviert Reinhold Nägele nach der Schulzeit in Stuttgart bei seinem Vater in Murrhardt eine Lehre als Dekorationsmaler. Es folgt der Besuch der Kunstgewerbeschule in Stuttgart.

1907 wird Nägele durch eine Ausstellung in der Galerie Cassirer in Berlin bekannt.

1923 ist Nägele Mitbegründer der Künstlervereinigung Stuttgarter Secession.

1933 entzieht Hitler-Deutschland Nägeles Frau Alice Nördlinger die Kassenzulassung als Ärztin. 1937 wird Nägele aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen, 1938 schließt Alice Nördlinger auch ihre Privatpraxis. Die Söhne werden nach England in Sicherheit gebracht.

1939 emigriert Nägele mit seiner Frau und kommt über Paris und London nach New York. Dort entstehen unter anderem die wichtigen „Times Square“-Bilder.

1961 stirbt Alice Nördlinger, 1963 kehrt Reinhold Nägele nach Murrhardt zurück. Am 30. April 1972 stirbt Nägele in Stuttgart und wird in Murrhardt bestattet.

Zeiten und Preise

Was? Zu sehen ist die Ausstellung „Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“ mit 90 Gemälden, Radierungen und Hinterglasbildern sowie begleitenden Fotos, Film- und Audiomaterial im Erdgeschoss des Kunstmuseums Stuttgart (Schlossplatz) bis zum 3. Juni (Di bis So 10 bis 18, Fr 10 bis 21 Uhr).

Wieviel? Der Eintritt in die Sonderausstellung kostet 6 Euro (ermäßigt 4 Euro). Das Ticket ermöglicht jeweils auch den Besuch der Kunstmuseumssammlung. Der empfehlenswerte Katalog kostet 19 Euro.

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