Nachruf auf Liesel Hartenstein Die Mutter des Bürgerprotests lebt nicht mehr

Von Norbert J. Leven 

Liesel Hartenstein ist gestorben. Foto: Archiv Bergmann
Liesel Hartenstein ist gestorben. Foto: Archiv Bergmann

Die Politik in Leinfelden-Echterdingen trauert um Liesel Hartenstein, eine rastlose Kämpferin für den Schutz der Umwelt.

Leinfelden-Echterdingen - Nur ein paar Monate ist es her, da haben langjährige Weggefährten und Repräsentanten der aktuellen Politik anlässlich der Verleihung der Leinfelden-Echterdinger Bürgermedaille die Lebensleistung von Liesel Hartenstein ausführlich und mit launigen Worten gewürdigt. Sie haben vielleicht noch das für sie typische herzliche Lachen im Ohr. Nun hat die rastlose Kämpferin die politische Bühne, die über mehr als vier Jahrzehnte ihr Lebensinhalt war, für immer verlassen. Im Alter von 84 Jahren ist Liesel Hartenstein am 12. Februar gestorben.

Die aus dem Hohenlohischen stammende promovierte Gymnasiallehrerin hat, bevor sie in die „große“ Politik ging, schon in Echterdingen Geschichte geschrieben. Sie war die erste Frau, die im Ort in den Gemeinderat gewählt wurde. Ein Paukenschlag war das 1968, in einer Zeit als bereits das Damoklesschwert eines großen Flughafenausbaus über den Fildern schwebte. Von Hans Huber, dem noch heute aktiven Freie-Wähler-Fraktionsvorsitzenden, wurde sie damals für die Politik entdeckt.

Mutter des Bürgerprotests

Da hatte sie bereits zusammen mit anderen kritischen Zeitgenossen die Schutzgemeinschaft gegen den Großflughafen Stuttgart, heute Schutzgemeinschaft Filder, aus der Taufe gehoben. Ein Vierteljahrhundert war Hartenstein als deren Vorsitzende die Mutter des Bürgerprotests auf den Fildern – und in zahllosen Debatten wortgewandter Widerpart von Flughafen-Geschäftsführung und Landesregierung. Den Ausbau des Airports konnten sie und ihre Mitstreiter, zu denen damals auch die Filder-Kommunen zählten, nicht verhindern. Für die Schutzgemeinschaft erreichte Liesel Hartenstein mit anderen dennoch Bleibendes: etwa das Nachtstartverbot, den Grundwasserschutz oder die Schonung der Weidacher Höhe vor dem Kahlschlag.

Feministische und ökologische Themen waren es, die Liesel Hartenstein während ihrer Abgeordnetentätigkeit für den Wahlkreis Calw im Deutschen Bundestag stark beschäftigt haben. Von 1976 bis 1998, sechs Legislaturperioden lang, gehörte sie dem Parlament an. Die Gleichstellung der Frauen war ihr ein Anliegen, an der Klimaschutzkonferenz in Kyoto hat sie noch teilgenommen, war stellvertretende Vorsitzende der Enquetekommission „Schutz der Erdatmosphäre“.

Rückkehr in den Gemeinderat

Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag kehrte Liesel Hartenstein, inzwischen Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, zu ihren Wurzeln zurück, ließ sich von 1999 bis 2004 noch einmal in L.-E. von der SPD als Stadträtin in die Pflicht nehmen. Ihrer Hartnäckigkeit sei es zum Beispiel zu verdanken, schreibt der Fraktionsvorsitzende Erich Klauser, dass sich in dieser Zeit die Filderwasserversorgung nicht in die Falle der Cross-Border-Leasing Geschäfte begeben habe. Hartensteins mahnende Stimme war auch in der Diskussion um die Messe-Ansiedlung zu vernehmen. So lange es ihre Gesundheit zuließ, unterstützte sie auch den wöchentlichen Protest gegen die Stuttgart-21-Pläne.

„Mit Liesel Hartenstein verlieren wir eine engagierte und unerschrockene Kämpferin für Bürgerbeteiligung, für eine intakte Umwelt, für soziale Gerechtigkeit“, schreibt Klauser weiter. Für die Schutzgemeinschaft Filder würdigt der Vorsitzende Steffen Siegel die Verstorbene als „Seele und Motor unserer Bürgerinitiative“. Ein Leben lang habe sich Liesel Hartenstein für das Wohl der Filder „in herausragender Weise engagiert“, schreibt Oberbürgermeister Roland Klenk in seinem Kondolenzbrief an die Familie, die im engsten Kreis von der Verstorbenen Abschied nehmen wird.

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