Ein Arbeiter wirft gelbe Säcke in ein Fahrzeug der Müllabfuhr. Foto: dapd

Die Baden-Württemberger zahlen für ihre Abfallgebühren so wenig wie noch nie und nirgends.

Stuttgart - Apfelschalen, Teebeutel, Eierschalen. Speisereste: All das und mehr wandert in die Biotonne. 42 Kilogramm davon hat jeder Baden-Württemberger im vergangenen Jahr produziert. Eine Zahl, die nach Meinung von Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) noch viel höher liegen sollte. Dann könnte auch mehr Biogas produziert werden – ein wichtiger Bestandteil der Energiewende, die Untersteller so sehr am Herzen liegt. Dass es dabei manchmal recht kompliziert zugeht, erlebt Untersteller derzeit im eigenen Wohnort, in Nürtingen.

Ungeliebte Vergährung

45.000 Tonnen Speisereste – soviel sollten jedes Jahr in die geplante Biogasanlage in Nürtingen wandern. Damit hätte dann 20 Prozent des Nürtinger Gasverbrauchs gedeckt werden können. Doch die Verantwortlichen hatten die Rechnung ohne den Baumfalken gemacht. Denn die Stadtwerke Nürtingen und ihr Partner Refood hatten ein zwei Hektar großes Gelände in einem Waldgebiet als Bauplatz im Auge. Doch dann stellte man fest: In dem Waldstück ist der streng geschützte Baumfalke zu Hause. Damit war das Projekt Biogasanlage gestorben – zumindest für dieses Gebiet. Die Verantwortlichen ließen nicht locker und fanden ein neues Gebiet – auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen neben dem Wald. Doch das liegt in einem vom Verband Region Stuttgart ausgewiesenen Grünzug.

Die Stadt Nürtingen optimierte zwar die Planungen – unter anderem soll die Anlage tiefer in den Boden eingegraben werden. Doch juristisch gesehen ist das Projekt Biogasanlage damit noch längst nicht durch. Unter anderem sollen sich benachbarte Bürger gemeldet haben, die eine Geruchsbelästigung befürchten, die durch den Vergährungsprozess entstehen könnte. Untersteller will sich zum Problemfall Nürtingen derzeit nicht äußern. „Das ist ein schwebendes Verfahren“, sagt er nur. Lieber spricht der Umweltminister darüber, was möglich wäre, wenn die Verwertung von Bio- und Grünabfälle besser funktionieren würde.

Ungenutztes Potenzial

Mehr Anreize setzen, um Bio- und Grünabfälle vom übrigen Abfall zu trennen: Diesen Appell richtet v Unterseller an die Kommunen im Südwesten . Wie das gelingen soll? Mit neuen Gebühren für die Bürger, schlug er vor. Dann könne man zusätzlich rund 355.000 Tonnen dieser Bioabfälle energetisch verwerten und damit den Gasbedarf von 190.000 Haushalten decken. Dafür braucht es dann aber auch neue Biogasanlagen im Land – 12 bis 18 zusätzliche schätzt der Minister. Natürlich mache das Land den Kommunen keine Vorschriften, wenn es um die energetische Nutzung von Abfällen gehen, betont Untersteller. Überhaupt sei es wichtig, dass die Kommunen für den Müll zuständig blieben, sagt ein Ministeriumssprecher. Dies sei einer der Gründe für sinkenden Müllgebühren im Südwesten.

Unterschätzter Schrott

Unterschätzter Schrott

150 Euro zahlt ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt im Südwesten in diesem Jahr an Müllgebühren. Das ist so wenig wie noch nie. Einer der Gründe: Die Kommunen und Kreise machen den eingesammelten Müll immer besser zu Geld und erzielen höhere Preise, wenn sie Wertstoffe wie Papier oder Elektroschrott verkaufen. Kupferkabel und Platinen aus Handys, Rechnern und anderen Elektronikgeräten sind besonders begehrt. Vor allem der Wert von Elektroschrott wird oft unterschätzt. Der Kupfergehalt im Elektroschrott liegt nach Expertenmeinung bei fünf bis sechs Prozent, für ein Kilo erhält man rund einen Euro. Auch die Platinen sind nicht zu unterschätzen. Auf ihnen sitzen Silber, Paladium und Gold. Betrachtet man die steigenden Weltmarktpreise für Rohstoffe, kann sich Recycling also durchaus lohnen. Einer der Studie des Bunds für Umwelt und Naturschutz (Bund) zufolge, werden pro Bundesbürger und Jahr acht Kilogramm Elektroschrott recycelt – von Fernsehgeräten über Computergeräte bis zu elektrischen Zahnbürsten.

Sammeln, trennen, recyceln – über diese drei Lieblings-Gebote der Deutschen in Sachen Müll sollte man sich nicht lustig machen. Denn sie haben dazu geführt, dass immer weniger Hausmüll anfällt.

Unfaire Vergleiche

144 Kilogramm Haus- und Sperrmüll hat jeder Baden-Württemberger im vergangenen Jahr produziert – beinahe so wenig wie im Jahr 2008, als der Wert bei 143 Kilogramm lag. Betrachtet man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum, so wird die abnehmende Müllmenge besonders deutlich. Im Jahr 1990 fielen bei jedem Baden-Württemberger noch mehr als 250 Kilogramm Hausmüll an. Am wenigsten Müll haben die Bürger im vergangenen Jahr im Kreis Freudenstadt produziert – mit je 63 Kilogramm. Am meisten Müll pro Einwohner gab es in der Stadt Mannheim Hier waren es 247 Kilogramm. Auf den oberen Plätzen der Müllerzeuger liegen auch die Stuttgarter. Sie produzierten 218 Kilogramm pro Person. Im Rems-Murr-Kreis lag der Wert bei 108, im Kreis Böblingen bei 136.

Der Vergleich von Mannheim und Freudenstadt, also von Spitze und Schlusslicht, sei aber nicht ganz fair, sagt Umweltminister Untersteller. Im Kreis Freudenstadt würden die Bürger ihren Elektroschrott fleißig zu den Recycling-Höfen bringen, in Mannheim dagegen weniger. Dort herrsche zudem eine höhe Bevölkerungsdichte, Bioabfall werde zudem nicht so häufig wie anderswo von anderem Hausmüll getrennt.

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