In dem beschossenen Plattenbau wohnten einmal 136 Familien. Heute sind viele Wohnungen nicht mehr bewohnbar. Foto:  

In der Ostukraine ist ein Ende des Konflikts nicht in Sicht. Die ökonomische Krise und die Angst beherrschen den Alltag der Menschen.

Donezk - Eine gerade Linie bis weit in die Ferne. Sobald man das Ortsschild der Stadt Kramatorsk und den ersten militärischen Kontrollpunkt passiert, zieht sich die Schnellstraße wie ein langer Faden, der sich im Nirgendwo verliert. Rechts und links Felder mit dunklem Ackerland, Hügel und wieder Felder, in denen sich der Morgennebel ausbreitet. Wieder ein Kontrollpunkt, vereinzelt tauchen einige Militärfahrzeuge auf. Früher war dies eine der meistbefahrenen Strecken der Ukraine. Es geht laut Straßenschild Richtung Avdiivka, das heute 22 000 Einwohner hat und 30 Kilometer von Donezk entfernt liegt.

Seit Kriegsbeginn 2014 hat die Stadt Avdiivka, die von der Kohleindustrie lebt, mehr als 8000 Einwohner verloren. Mehr als 2300 Opfer hat der bewaffnete Konflikt um die selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk (LDR) und Donezk (DNR) die ukrainische Armee gekostet, etwa 8300 Soldaten wurden verwundet. Im Zentrum des Ortes lächeln dem Besucher ukrainische Soldaten auf Plakaten entgegen, freundlich und zugewandt. Vor dem einzigen Bankautomaten der Stadt hat sich eine lange Schlange gebildet. Um jeden zweiten Laternenpfahl leuchten gemalte Flaggen in ukrainischen Nationalfarben: Blau-Gelb.

Im zerstörten Plattenbau wohnen noch immer 18 Personen

Irina Simonowa wohnt am Rande der Stadt, der Plattenbau hat einst 136 Familien beherbergt. An den oberen Stockwerken an der Seite, die der Front zugewandt ist, gähnt ein Loch anstelle eines Balkons. Fenster sind zersprungen, der Beton ist beschädigt. Auf der anderen Seite haben sich Sprayer betätigt: „Gott schütze Avdiivka“, in blauen kyrillischen Buchstaben. Ira wohnt immer noch hier als eine von 18 Personen, die geblieben sind. Die 44-Jährige ist von der siebten in die vierte Etage umgezogen. Eine Granate, die die oberen Stockwerke traf, beschädigte die Wasserleitungen, durch die Decke tropfte Wasser in die Küche. Ihre jetzige Wohnung hat Irina Simonowa von Nachbarn bekommen, die nicht mehr bleiben wollten, sie wohnt mit ihrem 16-jährigen Sohn hier. Angst habe sie nicht oft, erklärt sie bei einer Tasse Tee, mehr Gastfreundschaft ist nicht möglich. Sie seien geübt in der Einschätzung der ­Gefahr: „Wir hören es, wenn ein Geschoss abgefeuert wird.“

Der Krieg hat eine ökonomische Krise ausgelöst, die das gesamte Land betrifft

Als der Krieg 2014 begann und die Stadt von Militärs der selbst ernannten Volksrepublik Donezk eingenommen war, flüchteten sie zu ihrer Mutter ins Nachbardorf. „Dort war es aber sehr beengt.“ Immerhin hat Irina Arbeit in der kohleverarbeitenden Fabrik, die den Großteil der Bevölkerung ernährt. Sie arbeitet als Maschinistin in Zwölf-Stunden-Schichten. Gas zum Heizen bekommen die Mitarbeiter direkt aus der Fabrik, nur Warmwasser gibt es keines, das Wasser aus der Leitung wärmt sie im Teekessel. Wünsche? Nein, Wünsche habe sie keine mehr, sagt Irina. Dann denkt sie nach. „Frieden wäre schön“, sagt sie dann. Und: „Uns würde es reichen, wenn der Donbass wieder vereint wäre.“ Früher habe es viele ­Entfaltungsmöglichkeiten gegeben und eine S-Bahn nach Donezk, sie habe häufig mit ihrem Sohn Ausflüge ins Kino dorthin unternommen. Viele Donezker arbeiteten in Avdiivka.

Die Folgen der Kriegshandlungen in der Ostukraine sind nicht nur vor Ort spürbar. Der Krieg hat eine ökonomische Krise ausgelöst, die das gesamte Land betrifft. Schlimm sei der faktische Verlust der Kohleindustrie im Donbass, erläutert Volodymyr Fesenko, Leiter des Instituts Penta in Kiew: Sie machte etwa 20 Prozent des industriellen Potenzials aus. Der Handel mit Russland nahm rapide von 40 auf etwa zehn Prozent ab. Das Erdgas stamme immer noch aus Russland, werde aber über die Slowakei und Polen eingekauft – zu höheren Preisen. In jüngster Zeit ist eine wirtschaftliche Erholung zu erkennen, eine Handelsblockade, die die Separatisten in den besetzten Gebieten Anfang 2017 erklärten, schwächt den zarten Aufschwung wieder ein Stück ab. Krieg und Krise haben einen Teil der Bevölkerung zusammengeschweißt: 50 Prozent der Ukrainer wollen – Stand heute – der Europäischen Union angehören und sich nach Westen orientieren, wie es dem Regierungskurs entspricht. Bis 2014 bewerteten 50 Prozent der Ukrainer Russlands Präsident Putin positiv, heute sind es noch 15 Prozent.

Die Idylle ist trügerisch: An jedem Abend fallen Schüsse

Bei den Perspektiven einer Konfliktlösung in der Ostukraine ist Volodymyr Fesenko skeptisch. Er rechnet damit, dass es zu einem „eingefrorenen Konflikt“ kommen wird. „Stufenweise wird man zu einer realen Waffenruhe kommen, es wird weniger radikale Kämpfer auf beiden Seiten geben.“ Eine Einigung über die territoriale Zugehörigkeit der selbst ernannten Volksrepubliken sei kaum vorstellbar. „Putin und Petro Poroschenko vertrauen sich nicht und vertreten gegensätzliche Positionen.“ Allerdings stehen in der Ukraine im Frühjahr 2019 Präsidentschaftswahlen an, in Russland schon im Jahr 2018.

In Avdiivka scheint die Sonne auf die Ansiedlung von Privathäusern. Die Idylle ist trügerisch: Die Straße liegt den Stellungen der separatistisch kontrollierten Gebiete am nächsten. An jedem Abend fallen Schüsse. „Die Schüsse beginnen nach 16 Uhr“, sagt Olga Mandur und zeigt auf ihr Haus. „Wer Geld hat, zieht weg. Natürlich haben wir Angst. Mein Mann hatte zwei Herzinfarkte.“ Hier, im Osten, kann jedenfalls keine Rede von West-Orientierung sein. Mandur macht deutlich, wo sie die Verantwortlichkeiten für den Konflikt sieht: „Was hat Russland uns Schlimmes getan?“ Das sieht Nadezhda Kochaneevka ähnlich: „Wir wollen Frieden. Ich warte ­darauf, dass Poroschenko seine Macht ­verliert. Man muss sich mit Putin einigen.“

Schlimmer als der materielle Schaden ist die Angst

Olga Mandur zeigt die Schäden am Haus: Einschusslöcher scharfer Munition, ein Fenster war so zerstört, dass sie und ihr Mann es zugemauert haben. Jeden Morgen sammelt sie die Projektile ein, die nachts um ihr Haus verschossen wurden. Die Nachbarn beklagen, dass sie kaum Hilfe erhalten, ihre Dächer und Wände zu reparieren. Die Regierung sei nicht für sie da. Schlimmer als der Schaden ist die Angst. Ob nur von den Stellungen der Donezker Volksrepublik geschossen wird, wissen die Bewohner nicht. Auch die eigene Seite macht ihnen Angst, insbesondere die nationalistisch gesinnten Freiwilligen. Wem sie vertrauen sollen, wer sie schützt, das wissen die Bewohner von Avdiivka nicht.

Den Vorwurf, dass die Bürger allein­gelassen werden, will Pavel Malykhin, der die militärisch-politische Verwaltung der Stadt innehat, nicht stehen lassen. „Wir haben die Schulen renoviert, die Kindergärten funktionieren, es gibt zwei Banken.“ Er räumt ein, dass es ein massives Sicherheitsproblem gibt, in den vergangenen Monaten seien etwa 200 Personen verletzt worden. Ebenso viele Sorgen mache er sich darum, dass es kein Gas gebe in der Stadt. „Wir ­hoffen, dass wir die Gasleitung bis Ende November reparieren können.“ In einem Punkt kann er den Einwohnern zustimmen: „Und Frieden könnten wir brauchen.“

Spätnachmittag, Schichtwechsel an der kohleverarbeitenden Fabrik, dem immer noch pulsierenden Herzen der Stadt. Die Arbeiter gehen nach Hause. Nicht jeder will klagen: „Da wir Arbeit haben, geht es“, sagt Alexander, „2014 war es schlimmer, als es kein Brot gab.“ Auch Valerij Kortschak meint: „Ich wohne in einem der fabrikeigenen Häuser, da ist es ruhig. Allerdings haben wir kein Gas zum Heizen.“ Ein weiterer Schwung Arbeiter verlässt die Arbeitsstelle. Es wird dämmrig auf den Straßen in und um Avdiivka. Für alle Fremden wird es höchste Zeit, die Stadt zu verlassen. Eine Stadt, die Gas und Reparaturmaterial gebrauchen könnte. Und dringend ein bisschen mehr Frieden.

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