Es sterben mehr Frauen an Herzerkrankungen als etwa an Krebs. Häufig deshalb, weil sie in Deutschland seltener auf bestimmte Herzleiden untersucht werden als Männer, heißt es im Herzbericht 2016. Foto: dpa

Deutlich mehr Frauen als Männer sterben an Herzschwäche, Rhythmusstörungen und Klappenerkrankungen. Wieso sie medizinisch häufig schlechter versorgt werden und wie man sein Herz besser schützen kann, erklären Experten der Deutschen Herzstiftung.

Berlin - Das Frauenherz gerät eher unter Stress. Es schlägt zu schnell, zu unregelmäßig. Es hüpft und gerät gern aus dem Takt. Das hat oft tödliche Folgen: Nach den Daten des Herzberichts 2016, der am Mittwoch in Berlin von der Deutschen Herzstiftung vorgestellt worden ist, starben 2015 genau 198 626 Frauen gegenüber 157 999 Männern vor allem an Herzleiden wie einer Klappenerkrankung, Rhythmusstörungen oder einer Herzschwäche. „Unerwartet groß“ nennen Fachleute diesen Geschlechterunterschied, den es schon in den vergangenen Jahren gab. Weshalb der Kardiologe und Vorstandsvorsitzende der Deutsche Herzstiftung, Thomas Meinertz, den Schluss zieht: „Frauen mit diesen Herzkrankheiten haben offensichtlich eine ungünstigere Prognose als männliche Patienten.“

Es erkranken zehn Mal mehr Frauen an Herz- und Gefäßkrankheiten als an Brustkrebs

Die Zahlen mögen überraschen, hat man doch bei schwächelnden Herzen stets das Bild vom stressgeplagten Manager oder dem rauchenden und Bier trinkenden Arbeiter im Kopf. Tatsächlich aber erkranken aber zehn Mal mehr Frauen an Herz- und Gefäßkrankheiten als an Brustkrebs. Das gilt zum Beispiel für Röntgenanalysen mit Kontrastmitteln, die Hinweise auf Verengungen oder Verstopfungen der Herzkranzgefäße geben können, heißt es im neuen Herzbericht. Unterschiede finden sich aber auch bei Operationen wie dem Einsetzen von Gefäßstützen (Stents), die deutlich mehr Männer erhalten als Frauen. Auch bei den rund 52 000 Bypass-Eingriffen im Jahr 2015 waren 78 Prozent der Patienten Männer - und nur 22 Prozent Frauen. Häufig deshalb, weil sie in Deutschland seltener auf bestimmte Herzleiden untersucht werden als Männer, heißt es im Herzbericht. Denn Frauenherzen schlagen anders – und erkranken auch anders.

Auch Frauen bekommen einen Infarkt – eben nur sieben bis zehn Jahre später

Zwar sind Frauen infolge der weiblichen Hormone bis zur Menopause weniger durch koronare Herzkrankheiten gefährdet. Aber dann kommt es auch in ihren Arterien zu Ablagerungen, der Blutdruck steigt, und die Fettwerte sind erhöht. Das führt auch bei Frauen zu einem Herzinfarkt – nur tritt dieser um sieben bis zehn Jahre verzögert ein. Doch der Verlauf ist dann gerade aufgrund des höheren Alters meist schwerer, warnt der Kardiologe Meinertz von der Herzstiftung.

Herzkrankheiten zeigen sich bei Frauen anders als bei Männern

Ein weiteres Problem, das zu den höheren Erkrankungszahlen führt, ist, dass sich Herzleiden bei Frauen oft deutlich anders zeigen als bei Männern: Neben dem typischen Brustschmerz kommt es zu Kurzatmigkeit, Rückenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen sowie Schmerzen im Oberbauch. Ihr Zustand verschlechtert sich meist schleichend, weshalb Frauen sehr viel später die 112 wählen. Im Schnitt vergehen zwischen dem Beginn der Beschwerden und dem Notruf etwa 108 Minuten, bei Männern dagegen sind es nur 80 Minuten.

Selbst wenn Frauen rechtzeitig einen Arzt aufsuchen, kann dieser zu einer falschen Diagnose kommen, denn die Standarduntersuchung, das Belastungs-EKG, liefert gerade bei Frauen keinen zuverlässigen Befund. „Manchmal zeigt es eine koronare Herzkrankheit an – ein Befund, der in der Katheteruntersuchung dann nicht bestätigt werden kann“, bestätigt etwa Barbara Richartz von der Privatklinik Jägerwinkel am Tegernsee in ihrem Bericht „Was ist bei Frauen anders?“ der Zeitschrift „Herz heute“. Die Kardiologin empfiehlt daher, um sicher zu gehen, bei auffälligem Belastungs-EKG weitere Untersuchungen der Katheteruntersuchung vorzuschalten.

Medikamente wirken bei Frauen anders als bei Männern

Ein weiterer Grund, warum Frauen besser auf ihr Herz achtgeben sollten, ist, dass bei ihnen typische Risikofaktoren schwerer wiegen als bei Männern. Neben Übergewicht, hohem Cholesterinspiegel, Bewegungsmangel oder Bluthochdruck schadet insbesondere das Rauchen dem weiblichen Herzen. Und ist eine Frau zuckerkrank, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Herzkrankheit deutlicher als bei einem Mann.

Ärzte haben zudem festgestellt, dass Medikamente bei Frauen oft anders wirken als bei Männern – teils aufgrund von Hormoneinnahmen oder anderer Stoffwechselprozesse. Beispielsweise hemmt der Blutverdünner Acetylsalicylsäure (ASS) das Verklumpen von Blutplättchen bei Frauen deutlich schwächer als bei Männern. Diese Unterschiede werden erst nach und nach aufgedeckt. Der Grund: „In vielen Zulassungsstudien für Medikamente sind Frauen ungenügend vertreten“, so Richartz. Doch nach der Zulassung werden die Wirkstoffe Männern wie Frauen verschrieben.

Auch die Frauen selbst können etwas tun, um sich vor Herzleiden zu schützen: So empfiehlt die Herzstiftung, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin ab dem 40. Lebensjahr jährlich überprüfen zu lassen, ab dem 50. Lebensjahr halbjährlich. Gleich wie der Test ausfällt: Der beste Schutz ist immer noch ein gesunder Lebensstil.

www.stuttgarter-nachrichten.de/herz

Bei diesen Herzuntersuchungen haben Frauen das Nachsehen

Fakten aus dem Herzbericht 2016

Frauen werden in Deutschland seltener auf bestimmte Herzleiden untersucht als Männer. Das geht aus dem jüngsten Herzbericht hervor, den die Deutsche Herzstiftung und drei Fachgesellschaften am Mittwoch in Berlin vorstellten. So erhielt 2015 lediglich rund ein Drittel der Frauen mit Herzgefäßerkrankungen eine Röntgenanalyse mit Kontrastmitteln (Linksherzkatheter-Untersuchung). Bei Männern waren es knapp zwei Drittel, heißt es im Bericht. Mit der Untersuchung kann eine Verengung oder ein Verschluss der Herzkranzgefäße diagnostiziert werden. Bei den Berechnungen seien die höhere Erkrankungshäufigkeit der Männer bei diesem Herzleiden bereits berücksichtigt, schreiben die Autoren.

Niedriger fiel der Frauenanteil auch bei Bypass-Operationen aus: Bei rund 52 000 Eingriffen im Jahr 2015 waren 78 Prozent der Patienten Männer und 22 Prozent Frauen. Auch bei Gefäßstützen (Stents) lag der Frauenabteil nur bei einem guten Viertel (28 Prozent). Männer bekommen nach den Berichten von Krankenkassen auch fast doppelt so häufig Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verordnet wie Frauen. Ob ein Zusammenhang zwischen Unterschieden in der medizinischen Versorgung und ungünstigeren Prognosen von Patientinnen bei bestimmten Herzleiden bestehe, müssten künftige Analysen zeigen, sagte Thomas Meinertz, Vorstandschef der Herzstiftung.

Einzig bei Infarkten haben Männer schlechtere Chancen

Nach dem jüngsten Herzbericht starben 2014 insgesamt 207 976 Patienten an bestimmten, bedeutenden Herzleiden. Dazu zählen Infarkte, Kranzgefäßschäden, Klappenerkrankungen, Rhythmusstörungen, Herzschwäche und angeborene Herzfehler. Unter den Toten waren 97 061 Männer und 110 915 Frauen. Insgesamt starben damit in Deutschland wie in den Vorjahren mehr Frauen als Männer am Herzleiden, heißt es im Bericht. Einzig bei Infarkten haben Männer nach den bisherigen Statistiken schlechtere Chancen.

2012 gab es rund 215 100 Todesfälle infolge der berücksichtigten Herzkrankheiten, 2013 waren es rund 217 200. Gestiegen ist die Zahl der Klinikaufenthalte. 1,67 Millionen Menschen wurden 2015 mit den ausgewählten Herzleiden stationär in ein Krankenhaus aufgenommen. 2014 waren es 1,66 Millionen, 2013 rund 1,59 Millionen.

Generell sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland mit rund 39 Prozent die häufigste Todesursache - vor Krebs auf dem zweiten Platz.

So schützt man sein Herz

Yoga allein genügt nicht!

Das Herz braucht Bewegung. Sport senkt die Blutfettwerte und erweitert die Gefäße. Die Deutsche Herzstiftung rät deshalb dazu, mindestens zwei bis drei Mal die Woche Sport zu treiben. „Es reicht aber nicht, nur zum Yoga zu gehen“, sagt Prof. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Herzstiftung. „Yoga kann man zusätzlich machen, aber wichtig fürs Herz ist Ausdauersport“. Sinnvoll seien Joggen, Fahrrad fahren oder auch Walken zum Beispiel.

Gesund essen

Gut für das Herz ist die sogenannte Mittelmeerernährung mit viel Gemüse, Obst und eher Fisch als Fleisch. Wichtig sind auch die richtigen Fette: Statt mit Butter sollte man lieber mit Olivenöl kochen. „Nicht nötig ist es, auf Nahrungsergänzungsmittel zurückzugreifen“, sagt Meinertz. Eine Ausnahme seien allerdings Veganer: Sie müssen genau schauen, dass sie alle Nährstoffe zu sich nehmen, die der Körper braucht. Dazu hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf ihrer Internetseite Tipps zusammengestellt.

Bauchumfang messen

Wer sich gesund ernährt, wird normalerweise nicht übergewichtig. Auch das ist ein wichtiger Effekt der Mittelmeerküche. Denn Übergewichtige haben ein deutlich höheres Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Das gilt besonders für Menschen mit viel Bauchfett, warnt die Herzstiftung. Wer also wissen will, ob er oder sie gefährdet ist, überprüft mit einem Maßband den Bauchumfang zwischen der untersten Rippe und dem Rand des Beckens. Bei Männern sollte er nicht mehr als 94 Zentimeter betragen, bei Frauen nicht mehr als 80 Zentimeter.

Blutwerte kontrollieren

Zu hoher Blutdruck sowie zu hohe Cholesterin- und Blutzuckerwerte können die Gefäße schädigen und so zum Beispiel einen Herzinfarkt auslösen. Deshalb rät die Herzstiftung dazu, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin regelmäßig überprüfen zu lassen - beim Arzt oder auch in der Apotheke. Der Blutdruck sollte nicht über 140 mmHg zu 90 mmHg liegen. Der LDL-Cholesterin-Wert liegt Meinertz zufolge bei einem gesunden Menschen unter 110, der Blutzuckerwert unter 100.

Auf sein Herz hören

Kommt es trotz aller Vorbeugung doch zu einem Herzinfarkt, ist es wichtig, schnell zu reagieren. Dafür muss der Betroffene aber erstmal erkennen, dass mit seinem Herzen etwas nicht stimmt. Es sei wichtig, sensibel für Veränderungen im Körper zu sein, sagt Meinertz: „Wenn man bei Anstrengung zum Beispiel einen Druck in der Brust spürt, der vorher nicht da war, sollte man das nicht einfach hinnehmen.“

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