Schätzungsweise bis zu zehn Millionen Menschen gehen arbeiten, schlafen, essen – und wissen nicht, dass sie einen zu hohen Blutdruck haben. Doch bleibt dieser unbehandelt, hat dies fatale Folgen. Kardiologen nennen den Bluthochdruck den „stillen Killer“. Höchste Zeit also, um ein paar Dinge über den Bluthochdruck richtig zu stellen.

1. Wer Stress vermeidet, vermeidet auch Bluthochdruck

„Grundsätzlich ist es richtig, dass Stress das Nervensystem stimuliert“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Kardiologie und Gefäßerkrankungen des Klinikums Stuttgart, Thomas Nordt. Das führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen wie Katecholamin und Cortisol. Diese sorgen dafür, dass der Herzschlag gesteigert wird und sich auch der Blutdruck erhöht. Wenn die Stressphase zu lange dauert, kann diese Anspannung auch Folgeerkrankungen auslösen.

Um das zu verhindern, raten Experten der Deutschen Herzstiftung wie Gerd Bönner von der Albert-Ludwigs-Uni Freiburg dazu, den Stress zu umgehen: Bewusst Pausen bei der Arbeit zu setzen gehört dazu, sowie Entspannungstechniken wie autogenes Training oder kontrollierte Atemübungen. „Wenn ich Stress ausgesetzt war und kurz danach Entspannungsübungen mache, kann ich schneller den Blutdruck und den Puls herunterbringen“, sagt Bönner. Nicht gesichert ist, dass Entspannungstechniken einen dauerhaft vor Bluthochdruck schützen.

2. Man muss erst zum Arzt, wenn der Bluthochdruck zu Beschwerden führt

Ein weit verbreiteter Irrtum, sagt Udo Sechtem, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Bei seiner Arbeit als Chef der Kardiologie des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart muss Sechtem stets Überzeugungsarbeit leisten, wenn es darum geht, Bluthochdruck schon frühzeitig zu therapieren: „Die Patienten denken: Warum muss ich meinen Bluthochdruck behandeln lassen, mir geht’s doch prima!“ Sie sind aktiv, fühlen sich fit. Dabei kommt ihnen nicht in den Sinn, dass die dauerhaft hohe Spannung in den Gefäßen den ganzen Organismus schädigt: Es kommt zu Gefäßschäden, schlimmstenfalls zu einem Infarkt, Schlaganfall oder einer Herzschwäche. Erste Hinweise auf die Erkrankung – etwa rote Gesichtsfarbe, Kopfschmerzen und Luftnot bei Belastung – werden oft nicht richtig gedeutet. „Hoher Blutdruck fällt Betroffenen häufig erst auf, wenn er Schäden an den Organen verursacht“, sagt Sechtem. Sein Rat: Jeder sollte die Höhe seines Blutdruck kennen. Ab 40 Jahren sollte jedes Jahr mindestens einmal der Blutdruck gemessen werden, ab 50 Jahren halbjährlich.

3. Blutdruck messen kann jeder auch zu Hause

Die Selbstmessung hat für Bluthochdruckpatienten nach Meinung der Deutschen Herzstiftung Vorteile: Oft haben Patienten auf diese Weise ihre Werte besser im Griff. Messungen beim Arzt fallen dagegen häufig höher aus. „Der Weißkittelhochdruck ist kein Gerücht“, sagt der Stuttgarter Kardiologe Udo Sechtem. Damit ist gemeint, dass bei der Messung in der Arztpraxis bis zu 20 Prozent der Untersuchten erhöhte Blutdruckwerte festgestellt werden, die sich aber nicht bestätigen, wenn der Patient sich einer Langzeitmessung unterzieht. „Das kommt davon, dass der Patient in der Praxis häufig aufgeregter ist.“

Wichtig ist, dass einem bei der Selbstmessung keine Fehler unterlaufen, warnt der Kardiologe Peter Ong vom Robert-Bosch-Krankenhaus. Dazu gehört, dass man fünf Minuten vor dem Messen zu Ruhe kommt. Während des Messvorgangs sollte nicht gesprochen oder gegessen und auch kein Kaffee oder Alkohol getrunken werden. „Der Arm sollte so auf einem Tisch liegen oder gestützt sein, so dass die Manschette in Herzhöhe liegt“, sagt Ong. „Patienten sollten zweimal in Folge messen, mit einer kleinen Pause dazwischen.“ Der Wert der zweiten Messung ist meist auch der niedere – und damit der gültigere Wert.

4. Bluthochdruck ist eine Alterserscheinung

155/83 mmHg – so lautet der durchschnittliche Blutdruck eines Bundesbürgers um die 70 Jahre. Bei einem 35-Jährigen befindet er sich bei 128/83 mmHg. Demnach ist auch das Alter Schuld, dass sich der Druck in den Gefäßen erhöht. Auch Erkrankungen der Nieren und Blutgefäße können zu Bluthochdruck führen, ebenso Medikamente. „Doch bei den meisten sind die Auslöser Übergewicht, Bewegungsmangel und eine erbliche Veranlagung“, sagt Peter Ong, Kardiologe am Robert-Bosch-Krankenhaus.

Diese Risikofaktoren lassen den Blutdruck selbst bei Jüngeren immer höher steigen: In Deutschland leben nach vorsichtiger Schätzung der Deutschen Hochdruckliga (DHL) rund 800 000 Kinder und Jugendliche, die in mehrfach durchgeführten Messungen zu hohe Werte haben. Bleibt der Hochdruck unbehandelt, kann er auch bei Kindern zu Organschädigungen führen. „Klagen Kinder über Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, Nasenbluten, Lern- und Konzentrationsstörungen, sollte bei ihnen unbedingt der Blutdruck gemessen werden“, sagt Martin Hulpke-Wette, Kinderkardiologe und DHL-Sprecher. Sein Rat: Bei jedem Kind ab dem dritten Lebensjahr einmal pro Jahr den Blutdruck kontrollieren.

5. Blutdruck-Patienten dürfen sich nicht anstrengen

„Fußlahm macht herzlahm“, sagt der Stuttgarter Kardiologe Udo Sechtem. „Bewegung ist nicht nur für die Prävention für Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wichtig, sondern hilft auch Patienten mit diesen Krankheiten wieder auf die Beine.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob der Patient Blutdrucksenker nimmt. „Die Kombination Medikamente plus Sport ist immer gut.“

Dabei bedeutet Sport nicht, Dauerläufe im Wald zu absolvieren, sagt Thomas Nordt, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßerkrankungen am Klinikum Stuttgart. „Es ist aber wichtig, dass man sich jeden Tag eine halbe Stunde bewegt.“ Zügiges Spazierengehen oder auch Gartenarbeit ist schon ausreichend, gut sind auch Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Joggen, Schwimmen oder Radfahren. „Die Belastung sollte spürbar sein.“ Grundsätzlich sollte man langes Sitzen vermeiden. So verweist die Deutsche Herzstiftung auf eine US-amerikanische Studie, nach der Berufstätige, die häufig für kurze Zeit vom Schreibtisch aufstanden, ein deutlich günstigeres Risikoprofil vorweisen als solche, die lange ohne Unterbrechung saßen.

6. Gute Blutdruck-Messgeräte sind schwer zu bekommen

Wer seinen Blutdruck selbst misst, braucht ein zuverlässiges Gerät. Doch das ist nicht selbstverständlich, wie die Stiftung Warentest in ihrer aktuellen Ausgabe „Test“ (5/2016) warnt. Die Prüfer haben 15 handelsübliche Modelle sechsmal an 32 Probanden getestet. Das Ergebnis: Nur drei erreichen die Note Gut, darunter zwei günstige fürs Handgelenk.

Testsieger ist das Modell Omron RS2, das Handgelenk die Werte ohne Datum und Uhrzeit misst. Es ist laut Warentest kaum störanfällig, verfügt allerdings über einen Speicherplatz von nur 30 Messwerten. Fast ebenso gut und mit mehr Speicherkapazität ausgestattet sind die Modelle Boso Medistar plus für die Handgelenkmessung und Boso Medicus X. Im Gegensatz zu Omron RS2 bilden diese Geräte auch einen Mittelwert aus den erfassten Werten. Alle drei Geräte kosten zwischen 25 und 50 Euro. Die Modelle Sanitas SBC21 und Mobil Soft Control von Aponorm wiesen dagegen beim Messen relativ große Abweichungen auf. „Diese sind nicht empfehlenswert“, so Warentest. „Deutlich zu niedere Werte wiegen Patienten in falscher Sicherheit, zu hohe beunruhigen unnötig.“ Weitere Empfehlungen für Geräte gibt es auch bei der Deutschen Hochdruckliga (DHL).

7. Bluthochdruckmedikamente haben Nebenwirkungen

In Deutschland werden Medikamente zur Blutdrucksenkung häufiger verschrieben als alle anderen Arzneigruppen. Mehr als 100 Millionen Rezepte stellen Ärzte allein ihren Kassenpatienten jedes Jahr aus. Das liegt nicht nur daran, dass immer mehr Menschen einen zu hohen Blutdruck haben. So ist die Blutdrucktherapie in der Regel eine lebenslange Therapie. „Ein eigenmächtiges Absetzen der Medikamente ist nicht zu empfehlen“, warnt der Stuttgarter Kardiologe Thomas Nordt.

Doch mit der Therapietreue der Betroffenen hapere es leider oft. Viele Patienten haben Angst vor angeblichen Langzeitschäden. „Dafür gibt es bei den modernen Mitteln keinen Anlass“, sagt Nordt. Vielmehr ist es erwiesen, dass eine medikamentöse Therapie das Risiko für Schlaganfall, Herzschwäche, Infarkt, Niereninsuffizienz und Augenschäden erheblich senkt. Wichtig ist allerdings, dass man die Therapie erst mit niederen Dosen beginnt, die langsam erhöht werden. Wenn möglich sollten Kombinations-Präparate eingesetzt werden, um die Zahl der täglichen Tablette zu reduzieren.

Weitere Infos

Infos zum Thema Bluthochdruck gibt es online: Der Bluthochdruck-Sonderband der Deutschen Herzstiftung „Bluthochdruck heute“ wurde speziell für Menschen mit Blutdruck-Problemen verfasst und kann für drei Euro in Briefmarken angefordert werden bei der Deutschen Herzstiftung e. V., Bockenheimer Landstr. 94-96, 60323 Frankfurt/M., Tel. 069 955128-400.

Für Hochdruckpatienten bietet Herzstiftung den kostenfreien Blutdruck-Pass zur täglichen Eintragung der Blutdruck- und Pulswerte sowie des Körpergewichts. Der kostenfreie Blutdruck-Pass kann online unter oder telefonisch unter 069 955128-400 angefordert werden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: