Sie gibt den Takt vor Richtung Bundestagswahl: Annalena Baerbock hat sich geräuschlos mit ihrem Konkurrenten Robert Habeck über die grüne Kanzlerkandidatur geeinigt. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Inhaltlich und in der Form geschmeidig sind die Grünen ins Rennen um das Kanzleramt gestartet. Da können sich andere Parteien einiges abschauen, meint StN-Chefredakteur Christoph Reisinger.

Stuttgart - Auch so geht Kanzlerkandidatur: Ohne öffentlichen Streit, ohne Trara haben sich die Grünen darauf festgelegt, mit Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin in die Bundestagswahl am 26. September zu ziehen. Was für ein Kontrast zur Union, die diesen so wichtigen Akt der politischen Willensbildung verformt hat zu einem absurden Gezänk. Was für ein Unterschied auch zur SPD, die schon seit geraumer Zeit mit dem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz im Rennen ist. Allerdings mit genau dem Wählerpotenzial und an dem Punkt, an dem weiland die FDP die Republik damit erheiterte, dass sie trotz aller Aussichtslosigkeit mit Guido Westerwelle einen Kanzlerkandidaten benannte.

 

Anschlussfähig an so ziemlich jede Koalition

Baerbocks Wahl ist eine kluge. Nicht nur, weil es zeitgeistig daherkommt, einer 40-Jährigen das wichtigste politische Amt im Staat zuzutrauen. Mit ihrer pragmatisch und unideologisch auftretenden Spitzenkandidatin bleiben die Grünen in diesem so unübersichtlichen Wahljahr anschlussfähig an so ziemlich jede mögliche Koalition, die – Stand heute – eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen kann. Mit dem immer weiter zu stramm linken Positionen abdriftenden Robert Habeck hätte das anders ausgesehen.

Raus aus den Ökolatschen

In der Geschichte der Grünen markiert dieser Tag einen hellen Punkt. Die Partei erntet jetzt, was ihre Pragmatiker – einst Realos genannt – gesät haben: Mit dem Herauslösen aus der Ökolatschen- und Alternativszene haben sie diese Partei vor ihrer größten Gefahr bewahrt: als Ein-Thema und Eine-Generation-Partei zu enden wie so viele andere Gründungen der vergangenen 40 Jahre.

Neues Terrain erschlossen

Umweltpolitik – inzwischen ergänzt durch Klimapolitik – ist ein Kern der Grünen geblieben. Ein massentauglicher zudem. Aber jetzt zahlt sich aus, dass zum Beispiel eine Angelika Beer schon in den Neunzigern mit zum Teil steilen Thesen vor allem aber mit Fleiß und großer Detailkenntnis den Grünen ein zunächst völlig fremdes Terrain wie Sicherheitspolitik und Bundeswehr erschloss. In der Innen-, Finanz- oder Sozialpolitik taten es ihr andere Tüchtige gleich. Davon lebt nun auch Baerbocks Kandidatur – die erste der Grünen.

Die Wahl ist nicht gewonnen

Die Bundestagswahl ist damit keineswegs gewonnen. Stimmungen, Trends und die Coronalagen wechseln extrem schnell. Auch hat die Union noch keineswegs ihre letzte Chance verspielt sich berappeln. Aber eines ist den Grünen nicht mehr zu nehmen: Ihr Start ist gelungen.