Prälatin Gabriele Arnold bei ihrer Einsetzung in der Stuttgarter Stiftskirche Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Noch ist Gabriele Arnold als Prälatin in der Stuttgart kaum in Erscheinung getreten. Aber das soll sich nach den ersten 100 Tagen ändern. „Ich will in der Stadt bei verschiedenen Themen mitspielen und die Stimme erheben“, sagt sie, „und zwar nicht nur von der Kanzel der Stiftskirche.“

Stuttgart - Es sind noch ein paar Tage, bis die 100 erreicht ist. Aber die paar Tage hin oder her machen für Gabriele Arnold (56) keinen Unterschied. Die Prälatin fühlt sich bereits jetzt schon angekommen in ihrem neuen Amt. Freilich stehen noch zig Antrittsbesuche in ihrem Kalender, natürlich kennt sie noch nicht jeden im Sprengel. Aber die ersten Duftmarken sind gesetzt. Von hoch oben zwar, also der Kanzel in der Stiftskirche, aber nicht pastoral von oben herab. Denn bevor die Regionalbischöfin predigt, „hört sie, was die Menschen wollen“. Gottesdienstbesucher beurteilen ihre Predigten als facetten- und trostreich, ermutigend sowie als Orientierungshilfe und wissensvermittelnd.

Damit scheint ein erster Schritt getan. Denn die Schuhe ihres Vorgängers sind groß. Ulrich Mack überzeugte vor allem durch seine Predigtkraft. Aber damit sollen die Vergleiche enden. Denn Gabriele Arnold ist anders. Sie hat ein anderes Amtsverständnis als der Altprälat. „Traditionen sind gut und gewollt“, sagt sie, „aber wir müssen in unserer Bewahrungskirche die Fenster weit aufreißen und durchlüften. Wir müssen uns bewegen. Und es passiert schon was.“ Allein ihre Wahl bestätigt es. Arnold hat sich in der Landeskirche gegen prominente und wortgewaltige Männer durchgesetzt. „Dass immer mehr Frauen in solche Ämter kommen, ist ein klares Indiz für den Wandel“, sagt sie und nennt weitere Beispiele: „Sowohl in Degerloch als auch in Crailsheim und Schorndorf führen Frauen das Dekanat.“

Die evangelische Kirche wird weiblicher

Die evangelische Kirche wird weiblicher. Aber allein das ist für Arnold kein Merkmal des Fortschritts. Sie will als Prälatin vorangehen und „den Kollegen, die vorangehen und etwas Neues versuchen, den Rücken stärken“. Ein Mantra, das sie bei ihren Besuchen in Gemeinden auch den Kirchengemeinderäten vorträgt. Denn dort säßen „die Anwälte des ewig Gleichen“. Ihnen bläut sie ein: „Unterstützt euren Pfarrer und wagt das Neue!“ Vor allem neue Gottesdienstformen, wie beispielsweise der Jesustreff im Wizemann. Denn die „Zeit der Gemeindehauspfarrer ist vorbei.“ Will heißen: Wer als guter Hirte „nur von Frauen- zu Seniorenkreis im inneren Kreis der Gemeinde wandert“, habe die Zeichen der Zeit verkannt.

„Ein Pfarrer muss heute innovativ tätig sein, um neue Menschen zu erreichen und seine Predigt gut vorzubereiten“, sagt Gabriele Arnold. Noch wichtiger sei jedoch die Arbeit mit jungen Menschen. Ganz gleich, ob in der Schule oder im Konfirmationsunterricht: „Wenn wir dort nicht gut rüberkommen, ist der Imageschaden fast nicht mehr gutzumachen.“

Die Prälatin weiß, wovon sie spricht. Vier Jahre als Pfarrerin in Stuttgart-Berg, zehn Jahre Stuttgart-Heslach und zuletzt sieben Jahre in Bad Mergentheim haben sie geformt. Sie scheint der Lebenswirklichkeit der Menschen näher zu sein als manch anderer Pfarrer. Alltagsbeispiele: „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Kindergottesdienst zeitgleich mit der ‚Sendung mit der Maus’ im Fernsehen zu veranstalten.“ Gleiches gilt für Erwachsene: „Versuche nie, sonntagabends mit dem Tatort in Konkurrenz zu treten.“ Einfache Wahrheiten, die in vielen Gemeinden ignoriert werden.

Für knapp 100 Tage Amtszeit eine Menge Bekenntnisse und Vorhaben. Aber Gabriele Arnold will mehr. Sie will nicht nur in ihre Kirche hineinwirken, sie will auch in der Stadtgesellschaft und der Politik als Stimme der evangelischen Kirche wahrgenommen werden. „Ich will in der Stadt bei verschiedenen Themen mitspielen und die Stimme erheben“, sagt sie, „und zwar nicht nur von der Kanzel der Stiftskirche.“

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