Guck mal, wer da wächst: ohne Mikroben würde unsere Welt nicht funktionieren. Foto: dpa

Wir Menschen sind nie ganz alleine. Unmengen von Mikroben sind immer für uns da. Doch wir sind oft gar nicht nett zu ihnen.

Stuttgart - Zu Beginn eine gute Nachricht: Wir sind nie alleine – auch wenn weit und breit kein Mensch zu sehen ist, können wir uns der Gesellschaft von Abermillionen Mikroben erfreuen. Sie sitzen auf unserer Haut und halten dort potenziell schädliche Keime in Schach, sie bevölkern unseren Darm und helfen bei der Verdauung der Nahrung oder produzieren Vitamine. Auch außerhalb unseres Körpers tun sie viele nützliche Dinge – etwa indem sie das, was wir nicht mehr brauchen, fein säuberlich in seine Bestandteile zerlegen – und am Ende auch unsere sterblichen Überreste fachgerecht entsorgen. Selbst den vielen Plastikmüll werden sie irgendwann kleinkriegen – alles nur eine Frage der Zeit.

Mord mit Wasser und Seife

Trotzdem sind wir oft gar nicht nett zu unseren Mitbewohnern. Versetzen wir uns mal in die Rolle eines unschuldigen Hautbakteriums, das auf unserer Handfläche friedlich sein Tagwerk tut – etwa in dem es den pH-Wert der Haut im optimalen Bereich hält. Doch urplötzlich kommt ein mörderischer Schwall Wasser mit Seife und spült unseren kleinen Helfer sowie den Großteil seiner Freunde einfach weg. Wer sich trotz dieser Attacke festhalten kann, dem gibt ein kräftiger Spritzer aus der Desinfektionsmittelflasche neben dem Waschbecken den Rest. Okay das Bild ist vielleicht ein bisschen idealisiert. Schließlich gibt es im Reich der Mikroben auch ganz schöne Fieslinge – man denke nur an die Erreger von Tuberkulose und Cholera oder multiresistente Keime, die sich selbst über unsere besten Antibiotika schlapplachen. Auf solche sinistren Gestalten könnten wir verzichten, nicht aber auf all die nützlichen Mikroorganismen.

Forscher warnen schon lange vor einem Übermaß an Hygiene – was sich bis jetzt allerdings nicht negativ auf die Verkäufe von Wasch-, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln ausgewirkt hat. Gemäß der 1989 von dem britischen Epidemiologen David Strachan aufgestellten Hygiene-Hypothese brauchen wir von Kindsbeinen an ausreichend Kontakt zu Mikroben, um zu gesunden Erwachsenen zu werden. Studien belegen, dass Kinder, die auf auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener Allergien haben als Stadtkinder, die meist in blitzsauberen Innenräumen spielen – in denen ihr Immunsystem kaum Gelegenheit hat, etwas fürs Leben zu lernen.

Immunsystem mit Bildungslücken

Taucht dann doch mal ein unbekannter Keim oder eine unbekannte Substanz auf, neigt der Körper oft zu fatalen Überreaktionen, die sich auch gegen ihn selbst richten können. Kein Wunder, denn so ein ungebildetes Immunsystem durfte nie die Erfahrung machen, wie friedlich es sich mit einer Vielzahl von Mikroben zusammenleben lässt. Ganz ähnlich geht es den Bewohnern mancher Landstriche, die noch nie Kontakt mit Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe hatten. Wenn sie dann doch mal einen Fremden sehen oder auch nur an ihn denken, sind sie gleich total aus dem Häuschen und reagieren allergisch. Wir halten fest: Sowohl dem Menschen als auch seinem Immunsystem tut der Austausch mit anderen (Bakterien-) Kulturen gut. Multikulti hat eben doch Vorteile.

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