Christian Benzing steht auf der Baustelle in der Schwieberdinger Straße. Foto: factum/Jürgen Bach

Wo Jahrzehnte lang eine Brache war, entsteht jetzt eine Unterkunft für Flüchtlinge: Gleichwohl sei das, was er im kleinsten Stadtteil Kallenberg von Korntal-Münchingen schaffe, in seiner Bauweise einzigartig in der Region, wie der Investor sagt.

Korntal-Münchingen - Für das Rühle-Gelände an der Schwieberdinger Straße im kleinsten Korntal-Münchinger Stadtteil Kallenberg hat der Investor ehrgeizige Pläne. Deren Umsetzung ist in vollem Gang, seitdem die Bagger vor rund vier Wochen anrollten. Die Unterkunft für Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung werde „kein typisches Containerdorf“, sagt Christian Benzing, der Geschäftsführer des örtlichen Sicherungselementeherstellers Hugo Benzing, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er gestalte „etwas Ordentliches für alle“, sagt der 53-jährige Familienvater. Die vier dreigeschossigen Gebäude, von denen je zwei miteinander verbunden werden, würden nach einem in der Region Stuttgart bisher einzigartigen Konzept gebaut. Von einer „ökologischen Sozialwohnanlage“ spricht Christian Benzing.

Die Unterkunft mit Platz für 90 Menschen wird ein sogenanntes grünes Gebäude: Die Nachhaltigkeit steht im Vordergrund. Laut Benzing werden die Häuser in Massivholzbauweise mit einer Dämmung aus Holzfasern zu 100 Prozent klimaneutral hergestellt. „Wir verwenden 95 Prozent natürliche Materialien. Der Betonanteil liegt bei zwei Prozent“, sagt der Investor, dem das Projekt am Herzen liege. Luft-Wärme-Pumpen versorgen die Gebäude mit Dachbegrünung später mit Energie. Die Häuser, sagt Benzing, benötigten im Jahr 60 Prozent weniger Primärenergie als ein vergleichbarer Neubau. Und um die Anwohner bei der Höhe zu entlasten, würden die Gebäude tiefergelegt.

Im Außenbereich mit Kinderspielturm und Blumenwiese sollen sich einmal nicht nur Menschen wohlfühlen, sondern auch allerhand Tiere. Zum Beispiel werden die Retentionsmulden, die das Regenwasser auffangen, außerdem als Insektenhotels dienen. An der Böschung reihen sich schon Natursteinquader aus Muschelkalk aneinander. Auch dort sollen Tiere Schutz und ein Zuhause finden. „Wir tun hier viel mehr, als nur die Anforderungen zu erfüllen“, betont Benzing.

Benzing: „Jeder hat das Recht, schön zu wohnen“

Im Sommer vor zwei Jahren erwarb er das Gelände am westlichen Rand von Kallenberg nahe der Autobahn 81 und der B 10 von der Stadt – einst war dort ein Hotel geplant. Dabei habe die Verwaltung ihn auch gefragt, ob er sich den Bau einer Flüchtlingsunterkunft vorstellen könne. Konnte er. „Jeder hat das Recht, schön zu wohnen“, sagt der 53-Jährige. Die Frage nach der Unterbringung von Geflüchteten treibe ihn seit der europäischen Flüchtlingskrise im Jahr 2015 um. In Kallenberg werde „alles mit viel Herzblut“ gebaut. Für ihn sei das Projekt keines, um Geld zu verdienen, sagt Christian Benzing. Er verstehe es als eine „Musteranlage, an der sich andere orientieren können.“ Er habe „Spaß an schönen Umsetzungen, möchte aber auch Verbesserungen aufzeigen, die als Maßstab für strukturelle Veränderungen dienen können.“ Über die Höhe der Investitionen schweigt Christian Benzing. Sicher ist indes: Die Stadt mietet die Wohnungen. Wie viel Geld sie dies jedes Jahr kostet, war bis zum Redaktionsschluss aber nicht mehr zu erfahren.

Sein Unternehmen, berichtet der Chef, der vor 25 Jahren einstieg, baute schon öfter Gebäude, etwa für große Unternehmen. Sein Vater und dessen Bruder errichteten einst in Kallenberg Sozialmietwohnungen für Mitarbeiter; und Nachhaltigkeit sowie Umweltschutz spielen auch in der Produktion eine große Rolle.

Pläne auch für die noch freie Fläche

Auf der noch freien Fläche neben der Flüchtlingsunterkunft schwebt dem studierten Betriebswirt eine Wohnanlage mit rund 130 Einheiten und einem „sozialverträglichen Mietniveau“ vor. Derzeit erarbeite er mit einer Stiftung ein Konzept.

Noch vor Weihnachten will Christian Benzing der Stadt die Gebäude übergeben. Wegen der modularen Bauweise würden sie binnen vier Tagen stehen, Rohbauarbeiten gebe es keine. Es sei aber unklar, ob noch dieses Jahr die ersten Bewohner einziehen, teilt eine Rathaussprecherin mit. Man hoffe auf eine „gute Mischung“ von Familien und Einzelpersonen – wie das in den anderen Unterkünften im Stadtgebiet der Fall sei. „Wir werden auch Familien, die bereits hier leben, in die Gebäude umziehen lassen“, sagt die Sprecherin. Schätzungsweise im Jahr 2022 werde die Unterkunft – die erste in Kallenberg – voll belegt sein. Damit die Integration der neuen Bewohner gut gelinge, gebe es für die Unterkunft „selbstverständlich“ einen Integrationsmanager vor Ort.

Flüchtlingszahlen im Landkreis sind stabil

Neuankömmlinge Die Zugangszahlen in den Landkreis sind laut einem Sprecher des Landratsamts „seit 2018 grundsätzlich insgesamt relativ stabil“. Aufgrund der Corona-Pandemie habe das Land jedoch von März bis Mai mehr Flüchtlinge landesweit verteilt, um freie Kapazitäten in den Erstaufnahmestellen zu schaffen. Im Juli und August seien es dann deutlich weniger Flüchtlinge gewesen, die den Landkreis erreichten. „Wir gehen davon aus, dass die Zahlen mittelfristig wieder das Niveau erreichen wie vor Beginn der Pandemie“, sagt der Sprecher. Dieses Jahr habe der Landkreis bereits 362 Personen neu aufgenommen. Man rechne mit insgesamt rund 500 Personen bis Jahresende. Und auch im kommenden Jahr würden etwa 500 bis 600 Neuzugänge erwartet.

Neubürger In Korntal-Münchingen leben nur noch Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung. Laut der Verwaltung wurden der Stadtseit 2015 etwa 400 Personen zugewiesen. Dazu kämen einige Zugezogene, ein geringer Familiennachzug, einige Neugeborene. 2020 muss die Stadt 34 Personen aufnehmen. Für die nächsten drei Jahre rechnet sie mit gut 30 Personen plus Familienzuzüge.

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