Viel Grün: Das Rühle-Gelände in Kallenberg liegt seit Jahren brach. Foto: factum/Granville

Im Sommer hat Korntal-Münchingen das Areal in Kallenberg an einen privaten Investor verkauft. Dieser baut dort womöglich auch eine Flüchtlingsunterkunft, die die Stadt mieten könnte. Die Menschen vor Ort sind besorgt.

Korntal-Münchingen - Der Gedanke an das Rühle-Gelände bereitet vielen Kallenbergern offenbar Bauchschmerzen. Das Areal am westlichen Rand des Korntal-Münchinger Stadtteils nahe Autobahn und B 10 liegt seit Jahren brach. Und es entsteht dort vielleicht ein Flüchtlingsheim. Es wäre das erste in dem kleinsten Stadtteil. Bislang wohnen vier Flüchtlingsfamilien in Kallenberg. Eine lebt in einer städtischen Wohnung, drei leben in privaten Wohnungen.

Der Vorsitzende des Bürgervereins Kallenberg mit etwa 60 Mitgliedern beschreibt die Stimmung im Stadtteil als „unruhig“. Rainer Gebauer stellt aber auch klar: Die Sorgen der Menschen hätten nichts mit Rassismus oder Ähnlichem zu tun. „Jeder Stadtteil muss seinen Beitrag leisten, das steht außer Frage.“ Jedoch „scheinen uns 90 Flüchtlinge für den kleinen Kallenberg mit gerade mal 1340 Einwohnern zu viel.“ Er sei zudem ein reines Wohngebiet. „Die Infrastruktur und die Anbindung sind schlecht“, meint Gebauer, am Wochenende fahre der Bus selten. Es gebe weder einen Arzt noch eine Bank, nur den Supermarkt Edeka, den Offenen Treff Kallypso, die Kirchengemeinde sowie eine Kita. „Der Kallenberg ist ein schwieriger Standort mit wenig Beschäftigungsmöglichkeiten.“

Ohne Kallenberg geht es nicht

Noch vorigen Herbst hieß es im Gemeinderat, 90 Flüchtlinge auf dem einst durch eine Gärtnerei landwirtschaftlich genutzten Gelände unterbringen zu wollen. Nun rudert die Stadt zurück, zumal sich die Situation verändert hat. „Dass wir bei der Unterbringung von Flüchtlingen auf den Kallenberg verzichten können, scheidet nahezu aus“, sagt der Erste Beigeordnete, Alexander Noak. Es sei aber noch offen, „wann, wo genau im Stadtteil und wie der Bedarf nach Unterkünften gedeckt wird“. Grundsätzlich sei die Infrastruktur gut und werde weiter ausgebaut. Zum Beispiel werde das Kita-Angebot erweitert.

Im Juli hat die Stadt das Rühle-Gelände an einen privaten Investor verkauft. Das Areal soll „voraussichtlich primär für eine wohnbauliche Entwicklung, eventuell auch für nichtstörendes Gewerbe“ genutzt werden, sagt Noak. „Unter Umständen ergibt sich daraus für die Stadt eine Option, den Bedarf an Kitaplätzen oder Plätzen für die Anschlussunterbringung über Anmietung zu decken.“ Konkrete Planungen des Investors lägen noch nicht vor.

Weiterhin Platz für Flüchtlinge nötig

Entweder baut der Investor also vielleicht eine Flüchtlingsunterkunft, die er dann an die Stadt vermietet – oder die Stadt baut sie selbst. Für letztere Variante hat sich die Stadt beim Verkauf ein Rücktrittsrecht vorbehalten: Bis Ende Oktober muss sie entschieden haben, ob sie rund ein Zehntel der Fläche des Rühle-Geländes selbst nutzt, auf dem einmal ein Hotel geplant war. Dieses Projekt scheiterte an der Insolvenz des Investors.

Wo auch immer – Platz für Flüchtlinge muss die Stadt schaffen: Nächstes Jahr werden ihr laut Landratsamt Ludwigsburg weitere 41 zugewiesen. 2018 muss die Stadt insgesamt 171 Personen anschlussunterbringen, davon sind es bis Jahresende noch 95. Sie kommen in Münchingen in den neuen Unterkünften am Esslinger Weg und in der Kornwestheimer Straße unter.

Die Kallenberger fürchten indes auch um die von der Stadt zugesagte Beteiligung der Bürger, sollte ein Investor die Unterkunft bauen. „Das Rühle-Gelände ist schön, exponiert, unsere Visitenkarte. Daher sollte es ansprechend gestaltet werden, nicht massiv bebaut, schließlich muss es von den Menschen angenommen werden“, findet Rainer Gebauer vom Bürgerverein. Zudem fragt er sich, wie die Stadt Einfluss auf den Betreiber nehmen will. „Die Einrichtung und die Bewohner müssen betreut werden.“ Aus Gebauers Sicht dürfe die Stadt die Bürger nicht vor vollendete Tatsachen stellen. „Mehr Transparenz wäre nötig.“

Mieten bringt finanziell Vorteile

Die Stadt sieht keinen Grund zur Sorge. „Die Verwaltung würde sich – wie bei jeder Einrichtung für die Anschlussunterbringung – konstruktiv und zuverlässig mit den Bedenken und Problemen der Bürger auseinandersetzen“, betont der Erste Beigeordnete Alexander Noak. Und bevor sich die Stadt auf einen Mietvertrag einlassen würde, „müssten die Konditionen und Qualitätsstandards fixiert werden“.

Die Unterkunft zu mieten, wäre für die Stadt nach eigenen Angaben finanziell von Vorteil. Statt ein Darlehen für die Baukosten aufzunehmen, könnte sie die Mietkosten aus dem laufenden Haushalt bestreiten und über Gebühren größtenteils refinanzieren. „Ebenso wäre der Unterhalt der Einrichtung Sache des Vermieters. Hieraus ergibt sich auch eine bessere Planbarkeit.“ Insgesamt sei davon auszugehen, dass ein privater Investor aus vergaberechtlichen und umsatzsteuerrechtlichen Gründen günstiger baue, als eine Stadt dies könne.

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