Europa dicht machen, Grenzen ziehen, Mauern bauen? Das ist keine Lösung. Foto: Fotolia

Die Vision eines grenzenlosen Europas ist angesichts der Flüchtlingskrise entzaubert – aber ist sie auch gescheitert? Über die Sehnsucht des Menschen nach Schranken.

Stuttgart - Das gemeinsame Haus Europa ist eine wunderbare Metapher. Michael Gorbatschow, der letzte starke Mann der Sowjetunion, hat sie in seiner berühmten Prager Rede vom 10. April 1987 erstmals in den Mund genommen. Sie weckt Visionen von einem Kontinent ohne Grenzen, zusammenwachsender Staaten und einer solidarischen Gemeinschaft.

Grenzen markieren geografische Räume

Allerdings ist jede Vision nur so viel wert, wie die Wirklichkeit, an der sie sich bewährt. Wenn sie an den Klippen der Realität zerschellt und Schiffbruch erleidet, wird sie zum Inbegriff gescheiterter Hoffnungen. Angesichts Hunderttausender Flüchtlinge, die eine neue Heimat suchen, streitender Politiker und dem immer lauter werdenden Ruf nach einer Rückkehr der Grenzen droht die Vision vom gemeinsamen Haus Europa dieses Schicksal zu ereilen.

Grenze. Das Wort erinnert an längst überwunden geglaubte Epochen, die plötzlich mit aller Macht wieder gegenwärtig werden. Es stammt vom altslawischen „granica“. Im Zuge der deutschen Kolonisation Osteuropas im Mittelalter wurde es als Lehnwort ins Deutsche übernommen. Grenzen markieren geografische Räume. Sie trennen Staaten, Kulturen, Ethnien und Nachbarn voneinander. Dabei sind sie nichts weiter als symbolische Markierungen, die Menschen ziehen, um sich abzugrenzen. Ein sichtbares Manifest, das ausdrücken soll: Bis hierher und nicht weiter. Der Soziologe Georg Simmel (1858-1918) hat es so formuliert: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt.“

Grenzen sind unsichtbare Trennmauern zwischen den Menschen

Es ist immer die Gesellschaft, die Grenzen zieht. In Form von Hindernissen und Wegmarken, die oft mit natürlichen Barrieren wie Gebirgen, Flüssen oder Wüsten zusammenfallen. Wo ein Territorium endet oder beginnt, entscheidet allein der Mensch. Dasselbe gilt für die Regeln des Zusammenlebens. Grenzen sind auch soziale Markierungen, schriftlich verfasst oder als ideelle Regeln geltend – wie unsichtbare Trennmauern zwischen den Individuen. So werden den Rechten des Einzelnen und der Gemeinschaft Grenzen gesetzt. Ohne Unterscheidung zwischen Mein und Dein, Gut und Böse, richtig und falsch, erlaubt und verboten gibt es keine freie Entfaltung der Persönlichkeit, keine verfassungsmäßige Ordnung, kein Sittengesetz – jene Güter also, die das Grundgesetz in Artikel 2 für einen funktionierenden Staat voraussetzt.

Eine Welt ohne Grenzen – ob in Deutschland, Europa oder anderswo – ist eine Utopie, die Kopfgeburt lebensfremder Idealisten und politischer Träumer. Ohne sichtbare und unsichtbare Grenzen könnte man kein Ding voneinander unterscheiden, sagt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann. „Die Grenze ist überhaupt die Voraussetzung, etwas wahrzunehmen und zu erkennen.“ Ohne diese wirkliche oder gedachte Linie wäre alles ununterscheidbar eins.

Grenzen sichern Frieden und Freiheit

Weithin sichtbare Grenzen sichern den Frieden zwischen Staaten, unsichtbare Grenzen der Konvention, Moral und des Rechts gewährleisten ein geregeltes und konstruktives Miteinander. Wenn Eltern ihren Kindern klare Grenzen setzen und sich selbst an Abmachungen halten, stärkt dies das Selbstbewusstsein und die sozialen Fähigkeiten der Heranwachsenden. Nichts ist in der Erziehung so fatal wie ein fortwährendes „Jein“, Ja, aber“, „Mal so, mal so“.

Ohne Reviere und Refugien, die sich der Mensch als Individuum, Gruppe und Gesellschaft schafft, wäre die Welt ein einziges Hauen und Stechen. Ein Ort permanenter Grenzüberschreitungen, was unweigerlich in den Abgrund, die Anarchie, ins Chaos führen würde.

Grenzen definierten soziale Zusammenschlüsse – Ehen, Familien, Freundschaften, Vereine, Milieus, Schichten, politische Gemeinschaften, betont Liessmann, Autor des Buches „Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft“ (2012). „Der Mensch kann gar nicht anders, als Grenzen zu setzen. . . Wir brauchen sie nicht nur, wir könnten ohne sie nicht leben. . . Freiheit kann sich ohne Grenzen nicht entfalten.“

An Grenzen entzünden sich Kriege und Konflikte

Gleichzeitig liegt es im Wesen der Grenze, Freiheit zu beschränken – durch Verhaltensregeln, innere und äußere Zwänge, Gesetze, Verordnungen und Verbote. Ohne solche für alle gültigen Grenzen würde aus Freiheit Willkür, aus Stabilität Chaos, aus Recht eine Farce. Wenn jeder alles dürfte, wäre dies bald das Ende jeder Gemeinschaft, weil nur noch das Recht des Stärkeren, Intelligenteren und Skrupelloseren herrschen würde. Nur weil es Grenzen gibt, hat der Mensch die Wahl sich für etwas­ zu entscheiden und nach etwas zu streben.

Das Verhältnis des Menschen zu Grenzen ist indes ambivalent. Einerseits vermitteln sie ihm das Gefühl von Schutz und Sicherheit, stiften Identität und Intimität, ermöglichen Kontinuität und Stabilität auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Menschheitsgeschichte ist ohne Mauern, Palisaden und Zäune genauso undenkbar wie ohne Saatkörner, Viehherden und Ackergeräte.

Andererseits entzünden sich an Grenzen Aggressionen, Konflikte und Streitigkeiten. Der Drang, Barrieren zu überschreiten und Widerstand zu überwinden, liegt im Naturell des Menschen. So sind es nicht so sehr die herrlichen Äpfel in Nachbars Garten, die für Kinder so verlockend sind. Vielmehr ist es die Aussicht, sich über die Verbote der Erwachsenen hinwegzusetzen, indem man über den Jägerzaun klettert und die reifen Früchte erobert.

Der Ruf nach Grenzen wird lauter

Um Grenzverläufe werden seit Urzeiten Kriege geführt. Doch weder massive Befestigungen noch der Anspruch auf die Unverletzlichkeit fremden Eigentums haben Eroberer je davon abgehalten, sich zu nehmen, was ihnen gefällt. Egal, ob es sich um Neandertaler-Clans, mongolische Horden und Napoleons Truppen handelte – oder IS-Terroristen.

Kaum Wort wird derzeit so inflationär gebraucht wie Grenze

Wer sich öffentlich für Grenzhäuschen, Kontrollen und Schlagbäume ausgesprochen und für das Festhalten an Grenzen plädiert hat, wurde bis vor kurzem noch für sein vermeintlich antieuropäisches, engstirniges und konservatives Denken gerügt. Die Zukunft sah man ganz im Zeichen des Grenzen-Überschreitens, der Globalisierung, des kosmopolitischen Denkens. Der Nationalstaat mit seiner Geschichte, seinen Gesetzen und Werten schien überholt. Es konnte gar nicht schnell genug gehen mit der Entgrenzung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Und jetzt? Kaum ein Wort wird derzeit so inflationär gebraucht wie Grenze. Politiker überbieten sich in Forderungen nach Abgrenzung und Begrenzung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier fordert eine bessere Sicherung von Europas Außengrenzen. Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sieht das Ende der „grenzenlosen Willkommenskultur“ gekommen. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière will überall Grenzen setzen – bei der Zahl der Flüchtling, beim Familiennachzug aus Syrien.

Die europäische Einigungsbewegung steht auf dem Spiel

Die Einsicht, dass Grenzen – ob nun wirklich oder gedacht – für Europa selbstverständlich, sinnvoll und unverzichtbar sind, kommt überraschend spät. Ohne Flüchtlingskrise und die Notwendigkeit, pragmatisch auf die epochalen Umbrüche zu reagieren, würde die Politik wohl noch immer über ein Europa ohne Grenzen räsonieren.

Das moderne Europa ist Ergebnis der Erfahrungen zweier Weltenbrände, die auf dem Kontinent entfacht wurden. Den EU-Gründervätern ist es zu verdanken, dass man nach Jahrhunderten der Kämpfe mehr miteinander statt gegeneinander handelt. Ressentiments abzubauen, die Gemeinschaft zu fördern und ein Europa ohne Grenzen zu schaffen – das waren und sind zentrale Ziele der europäischen Einigungsbewegung. Aber es hat sich gezeigt, dass die sichtbaren Grenzen nicht fallen können, solange diejenigen in den Köpfen bestehen. Die Vision der Vordenker scheitert am begrenzten Denken der Menschen, am Bedürfnis nach klaren Schranken.

Sehnsucht nach den guten alten Zeiten

Und die Politiker heute? Sie wirken angesichts der drängendsten Probleme – Euro-, Wirtschafts- und Flüchtlingskrise – hilflos und heillos überfordert. Abschottung, Alleingänge, Grenzkontrollen, Streit um Flüchtlingsquoten, Schuldzuweisungen – so sieht derzeit europäische Solidarität aus. Dass immer mehr Regierungen der Europäischen Union immer weniger zutrauen, führt nicht nur zu einem immensen Vertrauensverlust, sondern untergräbt auch die Funktions- und Handlungsfähigkeit des Staatenbundes. Und das gerade jetzt, da eine gemeinsame Asylpolitik dringlicher ist denn je.

Und es ist eben so: Je größer die Krise, desto größer die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten. Keine E-Mail-Flut, die D-Mark hart wie Granit,drei TV-Sender, Roy Black – und ein Kanzler, der Helmut Schmidt hieß. Als „der Unsterbliche“, der „Deutschen liebster Staatsmann a. D.“ und „erleuchteter Kanzler Deutschlands “ ist der am 10. November verstorbene SPD-Politiker in den Nachrufen der Medien glorifiziert worden.

Seine Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 war geprägt von Wirtschaftsrezession, Ölkrise, RAF-Terrorismus, Massendemos gegen den Nato-Doppelbeschluss – und nicht zuletzt von der Berliner Mauer, dieses scheinbar für alle Zeiten zementierte Symbol für die Teilung der Welt. Offene Grenzen in Europa, zwischen Ost und West? Damals undenkbar.

Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser“

Nostalgie nennt man dieses Schwelgen im Vergangenen. Ein Mode- und Trendwort für die Sehnsucht nach den vermeintlich „guten alten Zeiten“. Der Begriff stammt vom Griechischen „nostos“ (Heimkehr) und „algos“ (Schmerz). Der Schweizer Arzt Johannes Hofer diagnostizierte den „Schmerz der Heimkehr“, das krank machende Heimweh im 17. Jahrhundert erstmals bei seinen Landsleuten, die als Söldner in der Fremde dienten.

Früher war alles besser – auch die Zukunft, witzelte einst der bajuwarische Komiker und Wortakrobat Karl Valentin. Dabei waren die guten alten Zeiten gar nicht so gut, wie viele in ihrem Erinnerungsoptimismus meinen. Nostalgische Verklärung und glorifizierende Erinnerung bieten aber in schweren Zeiten einen Ausweg, um mit Ängsten und Sorgen besser klar zu kommen.

Europas reale Probleme indes lassen sich weder mit Schwelgen noch mit Streiten, weder mit neuen Zäunen an den Grenzen noch mit Mauern in den Köpfen lösen. Dies gelingt nur, wenn alle Staaten gemeinsam handeln, gemeinsam die Grenzen des Möglichen und Unmöglichen ausloten, gemeinsam das Haus bauen und niemand ausschert. Sonst wird von Europa nur eine Bauruine bleiben.

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