Bis das Deutsch so gut ist, dass Flüchtlinge Arbeit finden, dauert es meist. Foto: dpa

Noch immer gibt es in Stuttgart viele Flüchtlinge unter den Anerkannten, die keinen Integrationskurs besucht haben. Die Stadt führt das auf die schwierigen Verhältnisse während der großen Flüchtlingswelle zurück. Jetzt aber lernen die meisten Geflüchteten Deutsch.

Stuttgart - Die Zahl der vom Jobcenter der Stadt Stuttgart betreuten Flüchtlinge steigt. Bis Ende des Jahres rechnet man dort mit ­etwa 7000 Menschen, deren Antrag auf Asyl anerkannt ist. Spätestens dann besuchen die Flüchtlinge auch die Integrationskurse des Bundes und lernen Deutsch. „Wir sind einige der wenigen Städte, wo niemand warten muss“, erklärt Gari Pavkovic, der Integrationsbeauftragte der Stadt.

Das ist noch nicht lange so. Beim Jobcenter hat man die Erfahrung gemacht, dass nur rund 30 Prozent der Flüchtlinge vor ihrer Anerkennung einen Sprach- und Integrationskurs besucht haben. Ähnliches berichten die IHK Region Stuttgart und die Agentur für Arbeit. Von dem Mangel ist in Stuttgart keine geringe Zahl von Menschen betroffen: Im Juli wurden vom Jobcenter knapp 2800 Familien mit etwa 5600 Personen betreut. Nicht wenige Flüchtlinge hätten bei der Integration „ein Jahr verloren“, sagt Jochen Wacker, der Abteilungsleiter Migration und Teilhabe beim Jobcenter. Dies heißt, viele dieser Geflüchteten haben nicht einmal Sprachkenntnisse für ein Praktikum, von einer Ausbildung nicht zu reden.

Die Wartezeiten dauerten Monate

Gari Pavkovic spricht von einer „Lücke“, die nur noch rückblickend bestehe. Viele Asylbewerber, die in der großen Welle 2015 und 2016 nach Stuttgart kamen, „durften faktisch erst ab 2016 einen Integrationskurs besuchen“, so Pavkovic. Die Anträge mussten bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg gestellt werden, die Wartezeiten waren lang. „Die Leute haben bis zu sechs Monate auf eine Kurszulassung gewartet.“

Das Verfahren ist inzwischen deutlich einfacher. Heute stellt das Sozialamt die Teilnahmeberechtigung aus. Für Anerkannte ist der Integrationskurs Pflicht. Dies gilt seit Juli auch für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive aus Iran, Irak, Syrien, Eritrea und Somalia noch im Asylverfahren, denen die Kurse bisher auf freiwilliger Basis offenstanden. Wer nicht darunter fällt, kann städtische Sprachkurse besuchen.

Integrationskurse werden gut angenommen

So hätten im ersten Halbjahr 2017 rund 4000 Flüchtlinge in Stuttgart an Integrationskursen des Bundes teilgenommen, sagt Pavkovic. Das entspreche einer Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Dazu kämen etwa 1000 weitere Personen. So haben im ersten Halbjahr knapp 500 Asylbewerber Kurse der Stadt besucht. Nicht genau bezifferbar seien die Teilnehmer, die nach dem Integrationskurs mit EU-Mitteln geförderte berufsbezogene Deutschkurse belegten. Etwa 300 Schüler zwischen 18 und 21 Jahren lernten Deutsch in Vabo-Klassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse) an beruflichen Schulen.

Der Integrationsbeauftragte rechnet vor: Etwa 9000 Flüchtlinge leben in Stuttgart, rund 7800 in Gemeinschaftsunterkünften, geschätzte 1200 in Privatwohnungen. Wenn man davon 3000 abziehe, die unter 18 sind und noch in die Kita oder zur Schule gehen, komme man auf etwa 5000 von 6000 Erwachsenen, die in Sprachkursen sind. „Die überwiegende Mehrheit lernt Deutsch“, sagt Pavkovic. „Integrationskurse werden inzwischen sehr gut angenommen.“

Rückmeldesystem kontrolliert Kurzbelegung

„Wir haben erst 2017 richtig Vollgas gegeben“, macht der Integrationsbeauftragte deutlich. So hat man eine Kooperationsvereinbarung mit den 25 Sprachkursträgern getroffen und einen Steuerungskreis installiert. Ab September soll ein Rückmeldesystem arbeiten, mit dem beteiligte Institutionen nachvollziehen können, wer welchen Kurs belegt, wer abbricht oder abschließt.

Womit die Frage nicht beantwortet ist, wie lange der Weg für Flüchtlinge ist, bis sie reif für einen qualifizierten Job oder eine Ausbildung sind. Für eine Berufsausbildung verlangt die Wirtschaft ein durchaus anspruchsvolles Niveau. „Der Erwerb ausreichender Deutschkenntnisse für den Beruf kann zwei bis drei Jahre dauern“, weiß Gari Pavkovic. Rechnet man dazu die Ausbildungszeit, kommen gut und gerne fünf bis sechs Jahre für die Qualifizierung zusammen. „Das ist für Flüchtlinge eine sehr lange Zeit“, sagt der Integrationsbeauftragte.

Manche wollen nur arbeiten

Nicht jeder will diesen beschwerlichen Weg gehen, sondern schnell Geld verdienen, um Schulden abzutragen oder die Familie daheim zu unterstützen. „Nicht alle lassen sich beraten, dass eine dauerhafte Integration nur mit verwertbaren Deutschkenntnissen und am besten mit einer Ausbildung zu erreichen ist“, sagt Doris Reif-Woelki, Sprecherin der Stuttgarter Agentur für Arbeit. Es gebe Geflüchtete, die „ohne nennenswerte Deutschkenntnisse“ Helferjobs gefunden haben, genauere Zahlen liegen nicht vor. Besonders wer sich wenig Chancen auf eine Anerkennung ausrechne, wähle diesen Weg.