Viele Unternehmen in der Region setzen auf die schnelle Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt – und bieten Programme an, um junge Zuwanderer zu qualifizieren. Die Investition zahle sich aus, sagt Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück.

Stuttgart - Der Schlüssel zur Integration liegt wohl irgendwo zwischen ein paar aufgebockten Sportwagen, der Lackieranlage und langen, hölzernen Werkbänken. Aus einer Ecke der großen Halle tönt das dumpfe, metallene Geräusch von Werkzeugen. Ein paar Auszubildende schrauben an der Unterseite eines dunkelblauen Carrera. Nebenan beugen sich 15 junge Menschen über tellergroße Metallbleche, messen Winkel ab und zeichnen mit Bleistift Linien auf. Hier, im Ausbildungszentrum von Porsche in Zuffenhausen, sollen die Flüchtlinge in sechs Monaten handwerkliche Grundfertigkeiten, Sprache und kulturelle Gepflogenheiten lernen – und sich so für eine Ausbildung oder den direkten Berufseinstieg qualifizieren.

Bereits im vergangenen Herbst hatte Matthias Müller – damals noch Porsche-Chef – von der Industrie mehr Einsatz für Flüchtlinge gefordert und eine eigene Initiative ­angekündigt. So startete Daimler bereits im November ein Brückenpraktikum für 40 ­Geflüchtete, weitere sollen deutschlandweit folgen. Bosch plane an seinen Standorten in Deutschland, „rund 400 Praktika zusätzlich anzubieten“, sagte ein Unternehmenssprecher unserer Zeitung. Anfang März nun ist auch das Integrationsprogramm des Sportwagenherstellers Porsche gestartet – zehn Männer und fünf Frauen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, Eritrea, dem Iran und dem Irak sind beteiligt. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese Männer und Frauen dahin zu bringen, dass sie theoretisch im Herbst eine Ausbildung beginnen können“, sagt Andreas Haffner, Vorstand für Personal- und Sozialwesen der Porsche AG. Dies hänge nicht nur davon ab, ob die jungen Leute bis dahin alle Voraussetzungen erfüllten, sondern auch davon, ob Motivation vorhanden sei.

Geflüchtete erhalten Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche der Unternehmen

Samuel Tekle (29, Name geändert) aus Eritrea lässt daran keinen Zweifel. „Ich möchte hier unbedingt die Ausbildung zum Automechaniker machen“, sagt er in flüssigem Deutsch. „Das wäre mein Traum.“ In Eritrea kam es dazu nicht: Nach ein paar Jahren Schule musste der junge Mann zur Armee, wurde zum Soldaten ausgebildet und eingesetzt. Bis er flüchtete. Immerhin: Etwas Erfahrung habe er schon – nach der Schule, erzählt Kifle, habe er seinem Vater immer in dessen kleiner Autowerkstatt geholfen.

Vorerfahrung in diesem Bereich sei für das Integrationsprogramm aber keine zwingende Voraussetzung gewesen, sagt Haffner. Schließlich erhalten die Zugewanderten in den sechs Monaten erst einmal einen Einblick in die verschiedenen Ausbildungs­bereiche des Unternehmens. Ähnlich läuft das auch bei anderen Firmen in der Region – Mahle oder die EnBW beispielsweise bieten ebenfalls zunächst einmal Einblicke und Qualifizierungsprogramme an. Die Auswahl der von Porsche geförderten Flüchtlinge erfolge in Abstimmung mit anderen Behörden wie der Arbeitsagentur. Voraussetzung seien unter anderem Sprachkenntnisse und eine Aufenthaltsgestattung oder Duldung.

Keine Differenzierung zwischen Flüchtlingen und benachteiligten Jugendlichen

„Die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, sind da. Das müssen wir akzeptieren“, sagt Uwe Hück, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Das Erfolgsrezept sei deshalb, die Menschen so schnell wie möglich zu integrieren – und so Frustration zu vermeiden: „Denn um unseren Wohlstand zu sichern, brauchen wir Integration, da Integration Stabilität bedeutet.“ Letztlich läge Integration auch im Interesse der Wirtschaft, sagt Hück. „Deutschland braucht dringend Fachkräfte.“ Das bedeute zwar, dass man jetzt in Ausbildung und Integration investieren müsse – das werde sich aber in einigen Jahren auszahlen.

Und noch etwas betont Hück. Integration sei auch ein Thema für die eigene Jugend – schließlich gebe es in der deutschen Gesellschaft sozial benachteiligte junge Menschen, beispielsweise solche ohne Schulabschluss. „Ich differenziere da nicht: Das sind alles Menschen“, sagt Hück. Seit 2012 biete Porsche deshalb ein Förderjahr für junge ­Erwachsene ohne Ausbildungsreife an.

Zahlreiche Firmen in der Region Stuttgart engagieren sich für die Integration von Flüchtlingen – einige Beispiele:

Daimler: 14-wöchige Brückenpraktika sollen Flüchtlingen Deutschkenntnisse und Einblicke in die Produktion vermitteln. Das erste dieser Praktika startete im November 2015 mit 40 Teilnehmern in Stuttgart, weitere sollen folgen. „Für Daimler ist es selbstverständlich, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und die soziale und berufliche Integration von Flüchtlingen zu unterstützen“, sagt Vorstandsmitglied Wilfried Porth. Zudem biete das Unternehmen 50 zusätzliche Arbeitsplätze für Flüchtlinge an.

Mahle: Seit Dezember 2015 gewährt der Autozulieferer 15 jungen Zugewanderten in Stuttgart Einblicke in den Industriebetrieb. Sie sollen im Rahmen eines schulischen Qualifizierungsjahrs auf eine Ausbildung vorbereitet werden.

Bosch: Zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit bildet Bosch 50 spanische Jugendliche in Deutschland aus. Jetzt sollen 400 Praktika für Flüchtlinge geschaffen werden, um sie fit zu machen für den Arbeitsmarkt.

EnBW: Mechanische und elektronische Übungen, Löten, Arbeitssicherheitsunterweisungen – all das gehört zu einer Praktikumswoche in Stuttgart vom 21. bis 24. März, für die jetzt die Bewerbungsphase läuft. In Karlsruhe erhalten bereits 40 junge Flüchtlinge Einblicke in die Praxis technischer Berufe und Sprach- und Kulturunterricht. Qualifizierte Flüchtlinge können nach Durchlaufen der Vorbereitungsprogramme ab Herbst 2017 eine Ausbildung beginnen.

Trumpf: Zwei Flüchtlinge aus Syrien, zwei aus Afghanistan und einer aus dem Irak arbeiten momentan für den Maschinenbauer. Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller wies unlängst darauf hin, dass diejenigen, die jetzt nach Deutschland kämen, schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt integriert werden müssten. Man wolle deshalb neue Ausbildungsplätze und Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge schaffen.

Dangel: Drei der 38 Mitarbeiter bei dem Mittelständler Dangel-Metall sind Flüchtlinge – zwei von ihnen machen eine Ausbildung. Patricia Dangel, kaufmännische Leiterin, will für Flüchtlinge soziale Verantwortung übernehmen. Für Ihre Unterstützung will die Handwerkskammer Stuttgart dem Unternehmen die Ausbildungspyramide verleihen – für besonders gute Ausbildung.

Lapp Kabel: Das Familienunternehmen beschäftigt Flüchtlinge als Ferienjobber. Ein Flüchtling aus Eritrea ist Azubi. In den nächsten drei Jahren sollen neun neue Ausbildungsplätze geschaffen werden. Vorstandschef Andreas Lapp sieht das Integrationsprogramm als Möglichkeit für Asylsuchende, die deutsche Kultur kennenzulernen: „Die Flüchtlinge haben so die beste Chance, bei uns eine neue Heimat zu finden.“ (hsp/lea)

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