Europa-Anhänger in Stuttgart Foto: Martin Stollberg

Die Vorkommnisse von Chemnitz erfordern eine entschiedene Antwort all derjenigen, die für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Vielfalt eintreten. Gerade auch im Kleinen, meint Lokalchef Jan Sellner

Stuttgart - Das Nahe liegt dem Lokalredakteur am Herzen. Also all das, was sich in unserer Stadt ereignet, was in unseren Straßen passiert und sich vor unserer Haustür abspielt. Deshalb kommt der Hausbesitzer zu Wort, der sich gegen das Baurechtsamt wehrt, das ihm eine horrende Gebühr für einen Sitzplatz im Vorgarten berechnet. Deshalb finden die Anwohner in Plieningen Gehör, die sich über die vielen „Mallorca-Parker“ beschweren, jene Leute, die sich eine Flugreise leisten, aber zu geizig sind, die Parkgebühren am Flughafen zu bezahlen.

Das alles ist wichtig, weil es in der unmittelbaren Lebenswirklichkeit der Stuttgarter spielt. Auch die Frage, wie die Linienführung des neuen Schnellbusses von Bad Cannstatt aussieht, was die Stadt gegen die Wohnungsnot tut und gegen die Vermüllung, und wer das Wasserbecken am Mailänder Platz von Algen reinigt. Lokalberichterstattung ist so kleinteilig wie das Leben. Zur Lebenswirklichkeit gehören allerdings auch Dinge, die einem nicht so direkt vor Augen stehen wie die S-21-Baustelle. Dazu gehören die schlimmen Vorkommnisse von Chemnitz, die nie hätten vorkommen dürfen, mit denen man jetzt aber umgehen muss – auch in Stuttgart. Sie spielen, anders als diversen Sommerbaustellen, zwar nicht direkt vor der Haustür, aber in den Köpfen.

Das liberale Stuttgart zeigt sich

Die Reaktionen fallen überwiegend so aus, wie es einer liberal geprägten Stadt Ehre macht. OB Fritz Kuhn stellte klar: „Rassismus und Antisemitismus haben in Stuttgart keinen Platz.“ Parallel dazu formiert sich aus der Bürgergesellschaft heraus eine Initiative von mehr als 160 Institutionen, die den 70. Jahrestag der UN-Menschenrechtscharta zum Anlass nimmt, deren Aktualität herauszustellen. Darüber hinaus nimmt ein Bündnis Gestalt an, das sich gegen Rassismus und Gewalt wendet und Entwicklungen wie in Chemnitz entgegenwirken will. Unrühmlich verlief dagegen eine Spontan-Demo der Stuttgarter Antifa-Szene. Dort herrscht zum Teil die Ansicht vor, man könne sich über Regeln hinwegsetzen, solange es gegen rechts geht. So stärkt man das freiheitliche Gemeinwesen nicht, sondern schadet ihm. Dass es am Rande der Demo zu einem inakzeptablen Übergriff eines Polizeibeamten gekommen ist, fügt ihm nicht weniger Schaden zu.

Es ist Zeit, Haltung zu zeigen

Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde, verbunden mit einem entschiedenen Bekenntnis zu Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und dem Respekt vor der Vielfalt. Auf diesen Errungenschaften beruht die von einer großen Mehrheit geschätzte Form des Zusammenlebens – im lokalen wie im europäischen Maßstab. Bono, der Sänger der irischen Rockband U2, hat dieser Tage ein flammendes Plädoyer für die europäische Idee gehalten. „Es hat nie einen besseren Ort gegeben, um auf die Welt zu kommen, als Europa während der vergangenen 50 Jahre.“ Europa verdiene es, dass man Lieder darüber schreibt und Flaggen schwenkt.

Man kann es auch weniger lyrisch ausdrücken: Europa verdient es, dass man sich für seinen Erhalt starkmacht. Dass man die Probleme bearbeitet, die es aktuell schwächen und den Kräften entgegenwirkt, die seine Werte ablehnen. Es ist Zeit, Haltung zu zeigen. Nicht im luftleeren Raum, sondern beginnend im Lokalen, vor der Haustür.

jan.sellner@stzn.de

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