Hierher wären Soldaten bei einem Atomangriff geflohen: Der Bunker unter der Jägerhofkaserne in Ludwigsburg. Fotos: factum/Simon Granville Foto:  

Langeweile, Enge, Gestank: So muss es sich angefühlt haben, längere Zeit in einem Atomschutzbunker zu verbringen. In Ludwigsburg wird nun einer der wenigen Schutzräume geschlossen. Ein Besuch mit Zeitzeugen.

Ludwigsburg - Die circa 50 Zentimeter dicke Stahltür fällt mit einem Rumms zu. Schlagartig ist es dunkel. Nur ein fluoreszierendes Band auf Augenhöhe spendet noch ein wenig Licht. Nach ein paar Minuten gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wohlfühlatmosphäre herrscht zwei Stockwerke unter der Erde trotzdem nicht. Hier Stunden oder sogar Tage zu verbringen, muss eine echte Qual gewesen sein.

Der 1962 fertiggestellte Bunker unter der Jägerhofkaserne ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Als sich Ost und West belauerten und ein Atomschlag nicht ausgeschlossen schien, sollte er den Soldaten, die in der Kaserne zwischen Hindenburg- und Friedrich-Ebert-Straße kaserniert waren, Schutz bieten. Zwei solcher sogenannter Schutzbunker 50 – die Zahl gibt an, wie viele Personen in den Räumen Platz haben – befinden sich unter dem ehemaligen Gebäude des Deutschen Roten Kreuzes.

Zum Ernstfall kam es nie, nachdem sich Ost und West Jahre lang belauert hatten, nahmen die Spannungen wieder ab, die Berliner Mauer fiel, der Bunker blieb ungenutzt. 1994 wurde die Garnison in Ludwigsburg aufgelöst, die letzten Bundeswehrsoldaten verabschiedeten sich aus der Barockstadt. Claus Bittner war einer der letzten.

Arbeit im Bunker bedeutet Abwechslung

Er weiß, wie es sich anfühlt, mehr als nur ein paar Minuten in einem Atomschutzbunker zu verbringen. Die Technik funktioniert immer noch. Bittner steht vor einer großen Kurbel und beginnt zu drehen. Die Apparatur geht schwerfällig, sie macht ein surrendes Geräusch. Zu kurbeln wäre im Falle einer Atomkatastrophe überlebenswichtig gewesen, so wurde die verbrauchte Luft ins Freie und frische Luft, die mit Hilfe eines sogenannten Kieselgurfilters gereinigt wurde, in den Bunker gepumpt. Die Arbeit an der Filterpumpe sei für die Soldaten im Bunker eine willkommenen Abwechslung gewesen, sagt der 76-Jährige. Genauso wie auf einem Fahrrad zu strampeln, um für ein bisschen Licht zu sorgen. Denn es wurde schnell langweilig in den kargen Räumen.

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Die Soldaten vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, einmal pro Stunde stimmten sie ein Lied an, nicht öfter, ansonsten wäre der Sauerstoff knapp geworden. Geschlafen wurde in dreistöckigen Betten, die mit gummierten Aufhängungen an der Decke befestigt waren. Daran hätte man sich gewöhnen können, sagt Bittner, an die Trockennahrung auch, an die Enge im Bunker aber nicht. Die sei neben dem Gestank das Schlimmste gewesen. Ihr Notdurft verrichteten die Soldaten in Plastikeimer, „da drin“, sagt Bittner und zeigt auf einen kleinen Verschlag im Eck. Ein Waschbecken ist noch da, der Vorhang, der einmal ein Minimum an Privatsphäre gewährleistete, nicht mehr. Von der Querstange an der Decke baumeln nur noch die Haken. Wer die gefüllten Eimer am Ende der Übung nach oben tragen musste, sei das „ärmste Schwein“ gewesen, sagt Claus Bittner.

Auch unter dem Rathausplatz gibt es einen Schutzraum

Im Falle einer Katastrophe hingegen dürfte jeder froh gewesen sein, der überhaupt schnell genug den Weg nach unten fand. „Die Frage ist: Wer hätte eigentlich den Schleusenwärter gemacht?“, fragt Klaus Behlert und zuckt mit den Achseln. Denn längst nicht alle Soldaten hätten Platz gehabt. „Für die Zivilbevölkerung gab es den schon gar nicht – nicht mal für den Bürgermeister“, sagt Behlert, der wie Bittner in Ludwigsburg kaserniert war, allerdings rund 20 Jahre früher.

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Für Zivilisten gibt es in Ludwigsburg einen Bunker für 455 Personen unter dem Westflügel des Rathauses. Anders als der Schutzraum unter der Jägerhofkaserne hätte der einem direkten Angriff auf die Barockstadt aber nicht standgehalten. Der Bunker unter dem Rathausplatz wird auch heute noch genutzt, dort lagern hauptsächlich Akten. Dementsprechend sauber ist es, die Wände sind geweißelt. Im Schutzraum unter der Jägerhofkaserne sind die Wände trist und kalt, die Luft ist modrig.

Vorräte und Wasser für 14 Tage

Wehmut empfinden Claus Bittner und Klaus Behlert nicht, dass der Bunker geschlossen wird. Oben drauf entstehen 170 neue Wohnungen. „Ich freue mich, dass die Kasernen als gute Bausubstanz erhalten bleiben“, sagt Behlert. Die Klinkerfassaden der ursprünglichen Gebäude, die von 1894 an gebaut wurden, sollen wieder sichtbar werden. Über die Schutzräume und die Übungen habe man lange Zeit sowieso nicht geredet, sagt Bittner, „man wollte Angst nicht schüren“. Dementsprechend wisse sowieso kaum jemand, wo überhaupt Bunker existierten. Laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gab es in den alten Bundesländern einmal rund 2000 Bunker für die Zivilbevölkerung.

Bittner und Behlert steigen die schmalen Stufen nach oben. Die Luft wird besser, selbst an diesem trüben Wintertag ist das Licht, nach dem Besuch unter der Erde, gleißend. „Wir waren alle froh, als wir nach 40 Stunden wieder draußen waren“, sagt Bittner und erinnert sich zurück an die Übungen in den 60er Jahren. Nicht alle Soldaten hätten es so lange ausgehalten, nach fast zwei Tagen brachen sich die Aggressionen Bahn. Um nicht zu sagen: Nach nur zwei Tagen. Im Notfall hätten die Soldaten bis zu 14 Tage im Bunker verbracht – so lange hätten die Vorräte gereicht.

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