Ein Flugzeug fliegt in die Wolke hinein, wer weiß, wie viele wieder herausfliegen. Foto: imago images/MiS/via www.imago-images.de

Der Roman „Die Anomalie“ ist ein schwindelerregendes Gedankenexperiment, für das der französische Schriftsteller Hervé le Tellier mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Jetzt stellt er es im Literaturhaus Stuttgart vor.

Stuttgart - Es wirkt wie eine Szene aus dem Roman selbst, wenn man jetzt für Hervé le Telliers „Anomalie“ zu schwärmen beginnt: ein paar Monate, nachdem das Werk dem Aufmerksamkeitsradar der Bestsellerlisten schon beinahe wieder entronnen ist. Doch wenn keine rätselhaften atmosphärischen Phänomene es verhindern, landet an diesem Mittwoch der französische Schriftsteller in Stuttgart, um im Literaturhaus das Buch vorzustellen, das Raum, Zeit und ein paar andere Dinge so effektvoll außer Kraft gesetzt hat, dass es dafür nicht nur mit dem angesehenen französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde, sondern zugleich in kommerzieller Hinsicht zu beachtlichen Höhenflügen durchgestartet ist.

 

Simulationen von Wirklichkeit

Niemand, der sich auf dieses Leseabenteuer einlässt, dürfte künftig noch daran zweifeln, dass Literatur hinsichtlich der Simulation der Wirklichkeit die besten Hypothesen liefert. Zum Beispiel diese: Angenommen, ein Flugzeug gerät auf dem Weg von Paris nach New York in eine Cumulonimbus-Front, was auch immer das ist, Hagelstürme, Luft- und wohl auch Wurmlöcher – Dinge, die man als Normalsterblicher nicht versteht. Und plötzlich wäre da nicht nur ein Flugzeug, das wie geplant in New York eintrifft, sondern ein zweites, identisch besetztes, das drei Monate später um Landeerlaubnis ersucht. Was würde geschehen?

Ein Auftragskiller, ein Mädchen, ein Autor

Hervé le Tellier spielt es durch. Man lernt einige der Passagiere näher kennen: einen Auftragskiller, ein wahrer Profi auf seinem Gebiet, den nigerianischen Popstar Slimboy, ein junges Mädchen, das mit seiner Familie die französische Hauptstadt besucht hat und ihrem Vater versprechen musste, ein Geheimnis zwischen ihr und ihm auf keinen Fall der Mutter zu erzählen. Außerdem ein verliebter Best Ager, dessen Beziehung zu einer Jahrzehnte jüngeren Geliebten gerade zerbricht – und ein Schriftsteller, der dem Flieger einmal entkommen, einen Roman schreibt mit dem Titel „Die Anomalie“.

Es geht nicht um die Illusion

All diese Personen werden Monate später damit konfrontiert, identischen Ausgaben ihrer selbst zu begegnen, einzig unterschieden durch das, was die einen während der Frist bis zur abermaligen Landung des Flugzeugs voller Wiedergänger erlebt haben. Nun sind solche Plots für die Science Fiction nichts ungewöhnliches. Doch Hervé le Tellier zählt zur französischen Künstlergruppe Oulipo, deren Mitglieder nicht die literarische Illusionsmaschine bedienen, sondern im Gegenteil darauf abheben, wie die Form und das Material der Texte eine eigene Wirklichkeit erschaffen.

Genau kalkulierter Masterplan

Das Kunststück dieser „Anomalie“ besteht darin, beide Seiten ungezwungen zusammenzuführen: das, was als Wirklichkeit erscheint, und die beunruhigende Hinterwelt unserer Erkenntnisbedingungen. Der Roman spielt immer auf mehreren Ebenen zugleich. Hinter den so prägnant erfassten sozialen Typen und Rollen steht ein genau kalkulierter Masterplan aus Symmetrien, Entsprechungen, Motiven, Zitaten und Genres.

Doch Hervé le Tellier begnügt sich nicht damit, Oberfläche und Reflexion in einem künstlichen Bravourstück gegeneinander auszuspielen. So ironisch und witzig er sein Personal durch dieses Gedankenexperiment geleitet, führt der Roman zugleich auf ungezwungene Weise an die Anfangsgründe jeder Philosophie: dass die Welt nur Schein sein könnte und es dem Menschen darin vor allem aufgegeben sei, sich selbst zu erkennen. Und in dieser Hinsicht ist es durchaus aufschlussreich zu erleben, wie etwa ein Auftragskiller mit dem Anderen seiner selbst umspringt.

Termin Am 19. Januar, um 19.30 Uhr ist Hervé le Tellier mit seinem Roman im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.

Buch Hervé Le Tellier: Die Anomalie. Aus dem Französischen von Jürgen und Romy Ritte. Rowohlt Hundert Augen. 352 S., 22 Euro.