Anton Sturmann unter dem Schrein der Schutzheiligen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wegen Corona kommen die Mineure unter Tage nicht zur Andacht zusammen. Das ist noch nie vorgekommen die letzten 40 Jahre, erinnert sich Anton Sturmann.

Stuttgart - Wenn Anton Sturmann von seinem Bauwagen in den Tunnel Bad Cannstatt läuft, blickt die Heilige Barbara auf den Bergmann herab. Wie bei jeder Tunneltaufe ist ihr Abbild auch an dem Tunnelmund am Neckarufer angebracht worden, etwa auf der Höhe der Fahrer, die riesige, an Saurier erinnernde Maschinen steuern. Der Staub im Sommer, der Schlamm jetzt im Winter können der Heiligen nichts anhaben. Eine Glasvitrine schützt sie vor Schmutz, ein Vorhängeschloss vor Diebstahl. „Die hat ein Schnitzer aus Tirol gemacht, das ist ein Unikat und bestimmt 500 Euro wert“, sagt Anton Sturmann.

In Österreich gibt’s ein Festessen und Schnaps

Der drahtige Polier ist stolz darauf, dass die Figur der Heiligen Barbara aus seinem Heimatland kommt. Für Katholiken, vor allem aber für ihn und alle Mineure ist sie gemäß alter Bergmannstradition eine Schutzpatronin. Sie soll die Männer unter Tage vor jähem Tod schützen, denn die Gefahr lauert bei dieser Arbeit überall. Deshalb ist es alter Brauch, der Heiligen am 4. Dezember mit einer Andacht und einer Feier zu gedenken. „Jeder Verunglückte geht den Leuten auf der Baustelle sehr nahe“, sagt Peter Maile, der S-21-Seelsorger, „da mögen sie noch so harte Jungs sein.“ Bis jetzt gab es noch keinen tödlichen Unfall zu beklagen.

Anton Sturmann beaufsichtigt zehn bis 15 Leute und den Bauablauf hier an diesem Teilstück. „Ich komme aus der Nähe von Graz, schon der Vater ist Bergmann gewesen“, erzählt er. „Am Barbara-Tag feier ich jedes Jahr aus Dankbarkeit, dass es keinen Toten gegeben hat.“ Daheim in Österreich sei es Brauch, dass man für die Heilige eine Kerze anzünde und zur Andacht in die Kirche gehe. „Anschließend gibt es ein Festessen und einen selbstgebrannten Zwetschgenschnaps“, sagt Anton Sturmann.

Kein Fest, kein freier Tag

Zehn Tage Arbeit, fünf Tage frei, so ist der Rhythmus auf der Baustelle. Anton Sturmann hat sich bisher ins Flugzeug gesetzt und seine fünf freien Tage daheim verbracht. Seit Flugzeuge wegen der Pandemie nicht mehr fliegen, nimmt er das Auto und reißt die 715 Kilometer am Stück runter. Bei tagelanger Quarantänepflicht geht das auch nicht mehr. Im schlimmsten Fall bleiben dem 59-jährigen Polier bis zum Urlaub an Weihnachten „ein Bett, ein Kühlschrank und ein Fernseher“ in seiner Unterkunft.

In dem zwielichtigen Tunnelabschnitt, wo die Männer gerade Anker bohren, ist der Tunnel in der oberen Hälfte mit Eisen und Spritzbeton gegen Ausbruch geschützt. Dort hätten Peter Maile wie jedes Jahr am 4. Dezember die Andacht zu Ehren der Heiligen Barbara gehalten. „Dafür hält jeder inne“, sagt der Baustellenseelsorger, „auch wenn die Männer als Draufgänger beschrieben werden.“ Alle hätten anlässlich der Feier einen freien Tag gehabt, doch der Infektionsschutz auf der Baustelle verbietet es, dass dort unten 400 bis 500 Leute zum Feiern zusammenkommen. Anton Sturmann sagt: „Das ist in den vergangenen 40 Jahren der erste Barbara-Tag, den ich nicht feiern kann.“ Ob das Unglück bringt? Sturmann ist gläubig, aber nicht abergläubisch: „Wir sind doch alle vernünftig hier. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht!“

Tunnelpatin ist Stellvertreterin

Im kleinen Kreis und mit gebotenem Abstand soll es an diesem Freitag zumindest einen „Kaffee und Leberkäs-Semmeln“ geben, kündigt Peter Maile an. Auf jeden Fall auch einen Moment des Innehaltens, an dem man gemeinsam das unfallfreie Jahr wertschätzen könne.

Alle bergmännisch gegrabenen Tunnel des Bahnprojekts haben eine Tunnelpatin, die als Stellvertreterin der Heiligen Barbara fungiert. Für den Tunnel Bad Cannstatt ist das Simone Herrmann, die Ehefrau von Regionalpräsident Thomas Bopp. Sie muss die Stellung halten, bis die Heilige aus dem Schrein und in einer Andacht wieder zu Ehren kommt.

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