Am Hauptbahnhof und auf den anderen Stuttgart 21-Baustellen sind viele Arbeiter aus unterschiedlichsten Ländern beschäftigt. Manche können derzeit nicht einreisen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Während das Arbeitsleben vielerorts ruht, legt die Politik großen Wert darauf, dass Baustellen so gut wie möglich weiterlaufen. So sollen Sanierungsstaus vermieden werden. Voran geht es auch bei Stuttgart 21, obwohl die beteiligten Baufirmen Probleme haben.

Stuttgart - In der Grube des künftigen Tiefbahnhofs sind die Männer am Schaffen. Ein paar Fetzen Türkisch dringen herüber. Unter Tage dagegen sind Experten aus Österreich oder Osteuropa am Werk. Auch außerhalb der Stuttgart 21-Baustellen scheint zumindest eine Branche trotz Coronakrise noch auf Hochtouren zu werkeln: die Baubranche. Straßen werden gerichtet, Spielplätze überholt, Häuser weiter in die Höhe gezogen.

Grundsätzlich laufen die Arbeiten auf allen Baustellen weiter, wie der zuständige Landesverband der Bauwirtschaft unlängst beteuerte. Natürlich sind die Bedingungen erschwert. Abstands- und Hygieneregeln etwa müssen eingehalten werden. „Teilweise gibt es Probleme mit ausländischen Arbeitnehmern aus dem Elsass, Polen oder Österreich“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands Thomas Möller jüngst unserer Zeitung. Dennoch appellierte er an die Auftraggeber, keine Aufträge zurückziehen.

Unterstützung kommt vom Land. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte vergangene Woche zu, dass insbesondere im Straßenbau nichts gestoppt werde. „Wir haben ein großes Interesse, dass es keinen Sanierungsstau gibt“, so Hermann. Einen entsprechenden Erlass von Verkehrs- und Innenministerium gibt es auch auf Bundesebene. Er besagt, dass Baustellen aufrecht erhalten werden müssen. Das gilt auch für Stuttgart 21 – auch wenn auf der inzwischen virtuellen Montagsdemonstration gegen das Projekt in dieser Woche einmal mehr als „Skandal“ bezeichnet worden ist, dass noch Arbeiter am Werk sind.

Schwierige Reisebeschränkungen

Und so bemüht man sich auch auf den Stuttgart 21-Baustellen, auf denen viele österreichische Firmen Arbeiten übernommen haben, den Takt hoch zu halten. Von der österreichischen Swietelsky AG, die unter anderem an Tunneln am Albaufstieg beteiligt ist, heißt es, es werde grundsätzlich weitergebaut. Das Problem seien weniger die österreichischen Arbeiter, die Bescheinigungen als Berufspendler bekämen, als die slowakischen und polnischen Beschäftigten, die komplett ausfielen. Eine Herausforderung sei die betriebliche Umorganisation. Es laufe nicht alles glatt und reibungslos. Aber man arbeite daran, die Probleme zu lösen.

Auch bei der Porr AG in Wien berichtet man, dass man trotz der Reisebeschränkungen aus Polen und Tschechien, von wo man viele Mitarbeiter habe, „eingeschränkt weiterarbeitet“. Man habe einen Schwerpunktplan mit der Bahn aufgestellt. Terminkritischen Arbeiten werde Vorrang gegeben. „Zusammen mit unserem Auftraggeber haben wir besprochen, wo wir die Prioritäten setzen, und arbeiten jetzt mit den Leuten, die vorhanden sind“, sagt eine Sprecherin und betont: „Natürlich halten wir alle Schutzmaßnahmen ein. Die Gesundheit ist das Wichtigste.“

Bei Leonhard Weiss will man noch nicht von Zeitverzug sprechen. „Einzelne Arbeiten mussten umorganisiert werden, um hier den Abstandsvorgaben und damit der Sicherheit des Personals Rechnung zu tragen“, sagt eine Sprecherin. Ob das zu Verzögerungen führen werde, bleibe abzuwarten. Das gelte auch für die Baustellen im Projekt Stuttgart 21. „Hier haben wir die Arbeiten gemäß Gefährdungsbeurteilungen bewertet und dann entsprechend umgestellt, wenn nötig auch eingestellt.“

Die Bahn äußert sich vorsichtig

Die Bahn selbst ist angesichts der ständig wechselnden Lage mit Aussagen äußerst zurückhaltend. „Wir befinden uns in engem Kontakt mit unseren Auftragnehmern, um den Betrieb auf allen Baustellen des Projekts bis auf weiteres bestmöglich aufrecht zu erhalten“, sagt ein Sprecher. Klar ist: Sollte es irgendwo zu Krankheitsfällen kommen, kann schnell eine ganze Kolonne ausfallen – mit allen Folgen für die jeweilige Baustelle und ihren Zeitplan. Das freilich gilt derzeit überall im Baugewerbe.

Verfolgt man auf der Projektseite den Tunnelvortrieb, sieht man allerdings, dass es zuletzt weiter vorangegangen ist bei Stuttgart 21. So fehlten zum Beispiel zu Beginn der Woche am Südkopf-Tunnel der Talquerung nur noch wenige Meter bis zum Durchschlag. Insgesamt waren 49,5 der knapp 59 Kilometer Tunnel im Stadtgebiet gegraben. Und auch auf der Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm wird gearbeitet. So hat die Bahn unlängst mitgeteilt, dass die Landesstraße zwischen Mühlhausen im Täle und Wiesensteig (Landkreis Göppingen) in den nächsten Wochen an mehreren Tagen gesperrt werden muss. Der Grund: An der künftigen Filstalbrücke werden Schalungen abgebaut, auch ein Schutzgerüst über der Straße verschwindet.

Vorerst scheinen also manche Teile der Welt stillzustehen – auf dem Bau dagegen geht es erst einmal weiter.

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