Noch nie wurde eine Ausstellung so kritisiert wie die Documenta fifteen, die am Sonntag zu Ende geht. Ist die Kunstschau gescheitert – oder wurden doch positive Impulse gesetzt? Wir wagen eine Bilanz.
Ein vernichtendes Urteil: Die künstlerische Leitung Ruangrupa, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, hätte die Documenta „vor die Wand gefahren“. Er hat nicht unrecht. Bei der Documenta fifteen ist einiges gründlich schiefgegangen. Doch wer sich nach Kassel begab, hatte auch schöne Erlebnisse. Viele Leserinnen und Leser schrieben unserer Redaktion begeistert von dem, was sie dort erlebten und was so gar zu der negativen Antisemitismus-Debatte passte. Wie war die Documenta fifteen? Wir ziehen Bilanz.
1. Konzept: So geliefert wie bestellt
Man kann sich empören über Ruangrupa. Aber die Findungskommission, die die künstlerische Leitung der diesjährigen Documenta vorschlagen durfte, wählte das indonesische Kollektiv aus Jakarta mit Bedacht, weil man die altehrwürdige Kunstschau in Kassel aufmischen wollte. Und weil man überzeugt war, dass Innovation heute vor allem „von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen“ ausgeht, hat man gezielt nach einem kollektiven Ansatz gesucht.
Ruangrupa hat geliefert wie bestellt – und in einer Art Schneeballsystem weiteren Kollektiven und Künstlern die Verantwortung für einzelne Ausstellungen übertragen. 1500 Künstlerinnen und Künstlern waren letztlich am Werk, die wiederum lokale Communitys oder auch Kinder miteinbezogen, sodass wohl mehrere Tausend Menschen an dieser Documenta mitgemischt haben, die genaue Zahl kennt niemand.
Fazit: Positiv Diese Documenta hat radikal den engen Kunstzirkel verlassen. Damit hat Ruangrupa erfüllt, was man sich von ihnen erhoffte: dass sie das Potenzial nutzten, das in gemeinschaftlich organisierten Strukturen steckt.
2. Kann man Verantwortung teilen?
Der zentrale Begriff der Documenta fifteen lautete Lumbung. Das indonesische Wort für Reisscheune steht für das Teilen – ursprünglich von der Ernte, aber auch im übertragenen Sinne von Ressourcen und Wissen. Ruangrupa ist mit hehren Zielen angetreten. Da die Menschheit nicht weitermachen könne wie bisher, wollte die Documenta fifteen Lösungsansätze bieten für ökologische, soziale und gesellschaftliche Probleme. Bei vielen Projekten wurden künstlerische Strategien genutzt, um mit Menschen vor Ort – ob Bauern oder benachteiligten Jugendlichen – konkret Missstände zu verbessern. Das gemeinsame Handeln hat positive Impulse ausgelöst.
Bei der Antisemitismus-Debatte geriet die Idee des Teilens dagegen an Grenzen: Ruangrupa wollte keine Macht ausüben und nicht als Zensor in die Entscheidung der Kollektive eingreifen, die man eingeladen hatte. Die Verantwortung wurde hin- und hergeschoben, und letztlich konnte niemand haftbar gemacht werden, was in der öffentlichen Debatte aber gefordert wurde.
Fazit: Positiv Kollektives Handeln hat Schattenseiten – wie hierarchisches Handeln auch. Das disqualifiziert die Idee gemeinschaftlichen Vorgehens nicht per se, sondern Kassel hat gelehrt, welche Schwächen man künftig im Blick haben muss.
3. Antisemitismusdebatte: verpatzt
Hat Ruangrupa die Situation unterschätzt? Glaubte man, das Thema aussitzen zu können? Vermutlich war es eine Mischung aus beidem, und man hatte es wohl nicht mit einer antisemitischen, aber mit einer israelkritischen Haltung zu tun. Die Diskussion um antisemitische Werke ist ein Lehrstück einer gescheiterter Debattenkultur. Ruangrupa hat sich entschuldigt, aber nie ernsthaft der Debatte gestellt – und so nicht nur den Kritikern das Feld überlassen, sondern die eigenen Prinzipien mit Füßen getreten. Schließlich sind sie angetreten, „voneinander zu lernen“.
Aber auch die Gegenseite agierte jämmerlich: Der Zentralrat der Juden hat grob verallgemeinert. Denn von den Einzelfällen in Kassel darf man nicht auf einen grundlegenden Antisemitismus im Land schließen. Einzelne Medien haben Stimmung gemacht mit ekelhaften Begriffen wie „Kunstausstellung der Schande“ oder selbstgefälligen Sätzen wie vom „Welt“-Chefredakteur: „Ich schäme mich für mein Land.“ Da müsste man sich eher für jene Presse schämen, die die Vorwürfe des Zentralrats der Juden ungeprüft wiederholte. Auch die Politik hat eine schlechte Figur gemacht mit Rufen, die Documenta zu schließen oder zu boykottieren. So führt man keine konstruktive Debatte, sondern schürt Hass. Wenigstens die Kulturpolitik hätte moderieren müssen – und nicht die Indonesier opfern, um das eigene Image zu retten.
Fazit: Negativ Nicht die Documenta war antisemitisch, sondern einzelne Werke waren es. Im Nachhinein wird die Autorin Eve Menasse recht bekommen, die fragte: „Können wir das wirklich nicht aushalten?“
4. Radikale Zensur?
Es wurden lautstark Konsequenzen gefordert – wie übrigens auch schon bei der „d 14“, als Adam Szymczyk den Etat hoffnungslos überzog. Statt radikaler Maßnahmen wurde seither nur das Controlling „neu aufgesetzt und professionalisiert“, wie es aus Kassel heißt, und eine neue Software für das Rechnungswesen eingeführt. Auch jetzt wird viel Zeit ins Land gehen, bevor Eingriffe beschlossen werden. In fünf Jahren wird es wieder eine Documenta geben, weil Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle bereits angekündigt hat, sie auch ohne Unterstützung des Bundes finanzieren zu wollen.
Fazit: Neutral Der Bund würde sich viel Ärger einhandeln, wenn er seine Unterstützung von einem inhaltlichen Mitspracherecht abhängig macht. Deshalb wird man sich vor Maßnahmen gegen die Kunstfreiheit hüten, zumal sie von der Verfassung gedeckt ist.
5. Deutungshoheit: Keine „richtige“ Kunst?
Es wurde behauptet, die Documenta fifteen hätte keine „richtige Kunst“ gezeigt. Bloß, was heißt richtig? Dahinter steckt die Vorstellung eines ästhetischen Artefakts, das auf dem Kunstmarkt Geld bringt. In Kassel spielten teure Objekte in Vitrinen und an den Wänden in der Tat keine große Rolle. Viele Beiträge sind nicht im Atelier (also im privilegierten, geschützten Raum) entstanden, sondern im Kontext schwieriger politischer oder sozialer Zustände. Das muss einem nicht gefallen, aber der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Kunstbegriff nicht statisch ist, sondern sich ständig wandelt.
Fazit: Positiv Die Kunst der Documenta geriet ins Hintertreffen, trotzdem wird sie den westlichen Kunstbetrieb verändern – hin zu einer Kunst, die nicht nur von oben herab kommentiert, sondern in Prozesse eingreift.
6. Lesermeinung: eine wichtige Ausstellung
Der Tenor der Leserbriefe, die unsere Redaktion erhalten hat, ist eindeutig: Man empfand die Antisemitismus-Debatte als verengt – und die Ausstellung selbst als sehenswert. „Ich war zwei Tage auf der Documenta, die Stimmung ist entspannt und interessiert“, berichtete eine Leserin. „Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, nennt die Documenta eine ,antisemitische Kunstschau’. Diese immense Kritik ist einfach nicht verhältnismäßig. Leider findet kein echter, offener und konstruktiver Diskurs statt. Was ist eigentlich mit den 2738 antisemitischen Vorfällen, die im Jahr 2021 in Deutschland gemeldet wurden. Warum regen wir uns darüber nicht mehr auf?“
Auch die Reaktionen der Politik wurden kritisch gesehen: „Ich dachte, es wäre Konsens, dass der Staat die Kunst und deren Freiheit fördert, aber sich nicht, wie von Frau Roth gefordert, direkt in die Thematik und Auswahl einmischt, kontrolliert – also zensiert. Werden wir in Zukunft nach jeder neuen Regierungskonstellation die entsprechenden Farben im Theater oder in den Ausstellungsräumen sehen?“ Die Forderung nach Zensur hat ein Leser auch ironisch überspitzt: „Kunst ist frei – solange sie strikt weiß ist. Aufgabe deutscher Kunst ist moralische Belehrung – Kunstfreunde sind unmündig und urteilsunfähig.“
Die Documenta war für manchen aber auch aus anderen Gründen die „vielleicht wichtigste Veranstaltung seit Jahren. Es geht nämlich auch um die Frage, ob die Heroisierung, auf die der Kunstmarkt mit seinem Galerien- und Messebetrieb angelegt ist, tatsächlich das Maß der Dinge ist, oder ob es, gerade jetzt, wo die Welt politisch und ökologisch in einer Krise ist, nicht andere Wege, auch für Kunstschaffende, geben muss.“
Fazit: Positiv Das interessierte Publikum wollte sich nicht bevormunden lassen, sondern hat sich lieber vor Ort eine eigene Meinung gebildet. Und die war offenbar meistens positiv.