Über die Documenta in Kassel wurde viel Schlechtes geschrieben. Aber nicht nur die Kuratoren haben vieles falsch gemacht. Die Chance, aus den Fehlern zu lernen, wurde vertan, kritisiert unsere Kunst-Expertin Adrienne Braun.
Diese Documenta hat das Land in eine verflixte Lage gebracht. Denn wenn Deutschland für etwas steht, dann für seine freiheitliche Gesinnung. Ob es um den Karikaturenstreit ging oder sexuelle Gewalt in Kunst oder Literatur – die freie Meinungsäußerung rangiert hoch. Deshalb wurde hierzulande der Begriff „Cancel Culture“ auch schnell zum Schimpfwort.
Man hätte profitieren können
Und plötzlich wurde Zensur gefordert. Selbst führende Politiker wollten die Kunstfreiheit beschneiden, die das Grundrecht doch aus gutem Grund schützt. Richtig ist aber auch, dass Antisemitismus kein Forum geboten werden darf. Aber was ist antisemitisch? Dabei gingen die Meinungen stark auseinander. Maron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat fein unterschieden zwischen anti-israelischer und antisemitischer Bildsprache – und damit aufgezeigt, was man aus der vertrackten Lage hätte lernen können: zu differenzieren und sich ernsthaft auseinander setzen, wo Grenzen zu ziehen sind. Der Ruf nach Verboten hier und die passive Haltung der Kuratoren dort hat diese Chance zunichtegemacht.
Kunst kann eben doch etwas bewegen
Trotzdem ging von der Documenta ein wichtiges Signal aus. Sie hat gezeigt, dass Kunst Debatten anstoßen kann, wenn sie nicht nur um sich selbst kreist. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, aber die Schau war gut besucht. Das beweist, dass es durchaus Menschen gibt, die eine differenzierte Auseinandersetzung suchen.