Eigentlich freuen sich die Baden-Württemberger über die Rückkehr des Wolfs – solange er keine Probleme macht. Überhaupt haben die Menschen im Land einen eher pragmatischen Ansatz beim Thema Klima- und Naturschutz.
Nein, sehr ausgeprägt scheint die Angst vor dem Wolf in der Bevölkerung in Baden-Württemberg noch nicht zu sein. Fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) im aktuellen BaWü-Check, einer Meinungsumfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Auftrag der Tageszeitungen in Baden-Württemberg, findet es gut, dass es in Baden-Württemberg wieder Wölfe gibt. Insgesamt zeigt sich aber ein eher differenziertes Bild, wenn es um Natur- und Artenschutz oder aber die persönliche Betroffenheit von Klimaschutzgesetzen geht.
Freude über den Wolf überwiegt
Dass der Wolf nach Baden-Württemberg zurückgekehrt ist und sogar in städtischen Regionen wie Stuttgart auftaucht, scheint die breite Bevölkerung im Gegensatz zu Nutztierhaltern und Landwirten nicht weiter zu beunruhigen. Nur 20 Prozent der Befragten finden das nicht gut. 33 Prozent sind unentschieden, oder es ist ihnen egal. Der Rest freut sich über den Wolf. Nur 17 Prozent der Befragten sehen große Risiken, 45 Prozent weniger große und 29 Prozent kaum beziehungsweise keine Risiken. Dabei unterscheiden sich die Zahlen zwischen Stadt und Land nur leicht. In Dörfern, wo die Wahrscheinlichkeit, auf einen Wolf zu treffen, größer ist, sehen auch nur 20 Prozent der Befragten große Risiken.
40 Prozent finden, dass man Wolfrisse akzeptieren muss, nur knapp ein Drittel der Befragten ist der Auffassung, dass das nicht hinzunehmen ist. Noch einmal knapp ein Drittel ist in der Frage unentschieden. Für Problemwölfe indessen gibt es keine Gnade. Die Mehrheit (56 Prozent) findet, dass Wölfe, die mehrfach Tiere gerissen haben, abgeschossen werden sollen.
Das ist allerdings gar nicht so einfach. Denn der Wolf ist nach europäischem und deutschem Recht nach wie vor streng geschützt. Nur unter strengen Voraussetzungen kann eine sogenannte Entnahme eines Wolfs angeordnet werden. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will jetzt schnellere Abschüsse ermöglichen. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) unterstützt das und forderte zuletzt sogar, den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen. Dabei ist die Zahl der Wölfe in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern noch vergleichsweise niedrig. Das könnte sich ändern: Im Sommer wurden die ersten Welpen im Schwarzwald gesichtet.
Klares Votum für den Nationalpark
Zur Wolfsfreundlichkeit der Baden-Württemberger passt, dass eine Mehrheit dafür ist, dass es Räume gibt, in denen die Natur sich selbst überlassen wird. 80 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass es einen Nationalpark Schwarzwald zum Erhalt der Artenvielfalt gibt. Aktuell läuft eine Debatte im Land, ob der Nationalpark – wie im grün-schwarzen Koalitionsvertrag vorgesehen – erweitert und die beiden Teile des Nationalparks vereint werden könnten. Vor allem in Anrainergemeinden werden Sorgen über weitere Einschränkungen laut.
In einer Umfrage im Auftrag des Umweltministeriums im vergangenen Jahr wurden die Risiken einer Weiterentwicklung und Erweiterung bei Anwohnern ähnlich wie bei Befragten aus anderen Landesteilen bewertet. Jeweils nur etwas mehr als ein Fünftel sah überhaupt keine Risiken durch eine Erweiterung. Interessanterweise ging es den Skeptikern unter den Anrainern nicht nur um Umweltveränderungen, sondern sie sahen auch eine Zunahme des Tourismus eher negativ.
Gemischtes Bild beim Naturschutz
Unter den Befragten im BaWü-Check gibt es kein einheitliches Votum darüber, ob Natur- und Artenschutz Vorrang gegeben werden sollte oder nicht. Eine Mehrheit der Befragten (59 Prozent) hält es etwa für keine gute Idee, dass Naturschutz gelockert wird, um schneller neues Bauland zu erschließen. Dabei macht es keinen großen Unterschied, ob die Befragten in einer eigenen Immobilie oder zur Miete wohnen. Das dürfte die Naturschutzverbände und Landwirte in Baden-Württemberg freuen. Sie sammeln noch bis Ende des Jahres Unterschriften für einen Volksantrag, der den Flächenverbrauch reduziert. Während Naturschützer und Landwirte das Land zum Flächensparen zwingen wollen, stellen sich Kommunen gegen eine pauschale Begrenzung beim Flächenverbrauch, wie sie sich die Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag eigentlich vorgenommen hat.
Ein geteiltes Votum zeigt sich indessen, wenn es um konkrete Bauvorhaben geht. 42 Prozent der Befragten im BaWü-Check finden es richtig, dass Bauvorhaben für den Schutz einer seltenen Tierart gestoppt werden, 37 Prozent halten das für übertrieben. Und auch in der Abwägung zwischen erneuerbaren Energien und Naturschutz gibt es kein ganz klares Bild. Geht es um den Bau von Windkraft- und Solaranlagen, finden 41 Prozent der Befragten, dass man Landschafts- und Artenschutz hinten anstellen sollte. 38 Prozent geben dem Schutz von Natur und Tier den Vorrang.
Die Umwelt- und Naturschutzpolitik der Landesregierung bewerten die Menschen indessen eher negativ. 47 Prozent der Befragten sind pauschal weniger oder gar nicht zufrieden mit dem, was die grün-schwarze Regierung treibt. 36 Prozent sind zufrieden oder sehr zufrieden. Der Rest ist unentschieden.
Verunsicherung beim Thema Heizen
Die Verunsicherung, die die monatelange Debatte um das Gebäudeenergiegesetz beim Thema Heizen hinterlassen hat, ist auf der einen Seite nach wie vor groß. 56 Prozent wissen nicht so genau, was die Pläne der Politik in puncto Heizen sind, und sagen, sie seien ratlos, wie sie für die Zukunft planen sollen. Nur 26 Prozent sehen klar, 18 Prozent sind in der Frage unentschieden.
Das Gebäudeenergiegesetz tritt bereits zum 1. Januar 2024 in Kraft. Es sieht im Kern vor, dass künftig jede neu eingebaute Heizung auf Basis von 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden soll. Damit hat das Gesetz zunächst vor allem Auswirkungen auf Neubauten. Für Bestandsgebäude soll eine kommunale Wärmeplanung der Dreh- und Angelpunkt sein, die aber vielerorts erst in ein paar Jahren greifen wird.
Auf der anderen Seite finden die meisten Befragten (57 Prozent) richtig, dass der Staat in den Bereichen Heizen, Bauen und Sanieren nur einen Rahmen vorgibt und sie selbst entscheiden können, was sie konkret umsetzen können oder wollen. 28 Prozent wünschen sich klare Vorgaben, damit die Klimaziele des Staates auch erreicht werden können. Nur 15 Prozent finden dagegen, der Staat sollte sich beim Klimaschutz komplett raushalten.
Im vorangegangenen BaWü-Check im Oktober hatten 50 Prozent die vom Land eingeführte, sehr konkrete Solarpflicht für Neubauten und Dachsanierungen für richtig gehalten, 30 Prozent waren dagegen gewesen. Eine Solarpflicht im Bestand, wie sie die Grünen ursprünglich haben wollten, ist in Baden-Württemberg allerdings vorerst am Veto der CDU gescheitert.
Den Menschen auf den Zahl gefühlt
Basis
Der BaWü-Check ist eine Umfrage von Zeitungen im Südwesten, die das Institut für Demoskopie Allensbach durchführt. Insgesamt beteiligen sich 55 Tageszeitungen.
Zeitraum
Von 23. November bis 4. Dezember 2023 wurden in Baden-Württemberg 1011 Menschen in einem repräsentativen Querschnitt der baden-württembergischen Bevölkerung ab 18 Jahren befragt. Die Befragten sind Mitglieder eines Online-Panels, die Stichprobe durch eine nach Geschlecht, Alter, Schulabschluss und Regierungsbezirk geschichtete Zufallsauswahl gezogen. Die Stichprobe wurde gewichtet, dabei orientierte man sich am Mikrozensus 2021.
Fragebogen
Die für die Befragung ausgewählten Personen bekamen per E-Mail eine Einladung zur Teilnahme und konnten über einen darin enthaltenen Link zur Ausfüllung des Online-Fragebogens mit 13 Fragen gelangen.