Bei einer Veranstaltung von Verkehrsminister Winfried Hermann sieht sich Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold einer Phalanx von grünen Parteifreunden gegenüber, die andere Vorstellungen als die Stadt zur Zukunft der Gleisflächen äußern.
Stuttgart - In Diplomaten-Kreisen würde man wohl von einem engagierten Meinungsaustausch sprechen. Bei einer Videokonferenz von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Montagabend wurden die unterschiedlichen Sichtweisen zur Gäubahn deutlich. Dissens gibt es in der Frage, wie mit den Reisenden aus dem Südwesten des Landes umzugehen ist in der Phase, in der die Gäubahnzüge wegen der Bauarbeiten für Stuttgart 21 nicht mehr den Hauptbahnhof anfahren können. Keine Rolle spielte in der Diskussion, wie von Hermann zu Beginn erklärt, die jüngst bekannt gewordene Idee, einen neuen Tunnel auf den Fildern für die Gäubahn zu bauen.
4900 Reisende auf der Gäubahn täglich
Immerhin ist bei der Veranstaltung deutlich geworden, wie groß die Betroffenheit ist. Hinweise dazu lieferte ein Gutachten, dass das Verkehrswissenschaftliche Institut Stuttgart (VWI) im Auftrag der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) erstellt. Zwar ist das Papier noch nicht fertig, aber VWI-Geschäftsführer Stefan Tritschler präsentierte die bisherigen Erkenntnisse. So reisen täglich rund 4900 Menschen mit der Gäubahn nach Stuttgart. Etwas mehr als die Hälfte steuert Ziele in der Stadt an, 1500 reisen weiter in die Region und 900 noch darüber hinaus. Sie sind von der Kappung der Gäubahn betroffen. Für einen Umstieg auf die S-Bahn oder die Busse und Bahnen der SSB baut das Land derzeit einen weiteren Bahnsteig in Vaihingen. Zusätzlich wird aber auch ein Halt am Nordbahnhof geprüft.
Die Fahrzeiten für die Passagiere, die wegen der Gäubahnkappung umsteigen müssen, entwickelt sich höchst unterschiedlich. Je nach gewählter Verbindung dauert es etwa nach Mannheim und Frankfurt zwischen zwei Minuten weniger und 31 Minuten mehr. Nach Nürnberg beträgt die Spanne von minus zwei Minuten bis plus 58 Minuten. Richtung Ulm und München reduzieren sich die Fahrzeiten, weil bis zur Gäubahnunterbrechung die neue Strecke zwischen Wendlingen und Ulm in Betrieb sein soll.
Baubürgermeister erklärt Pläne der Stadt
Landesverkehrsminister Winfried Hermann würde am liebsten die Züge auch nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 weiterhin in die Innenstadt fahren lassen, womöglich ein eine von ihm vorgeschlagene unterirdische Ergänzungsstation, die allerdings, so der Minister „bisher nur auf der Ebene einer Skizze“ existiert. „Wir werden immer etwas sperrig, wenn andere Leute auf unseren Flächen herumplanen“, ließ Baubürgermeister Peter Pätzold die Runde wissen. Zuvor hatte er die städtebaulichen Vorstellungen der Stadt skizziert und auch nicht unerwähnt gelassen, dass der Erhalt des als Panoramabahn apostrophierten Stuttgarter Abschnitt der Gäubahn ausdrücklich Vorgabe im Planungswettbewerb gewesen sein. Eine weitere Prämisse lautete allerdings auch: „Kein oberflächlicher Verbleib von Gleisen, wie zum Beispiel auf dem Gleisbogen“. Auf dem soll sich die zentrale Grünachse durch die neuen Stadtviertel ziehen. „Es hat sich schon im Neckarpark gezeigt, dass es sinnvoll ist zunächst die öffentlichen Grünflächen zu bauen und von dort aus, die Quartiere zu entwickeln“, so Pätzold.
Verkehrsclub von Land, Region und Stadt enttäuscht
Nacheinander erklärten der OB von Böblingen, Stefan Belz (Grüne), der Rastatter Landtagsabgeordnete Thomas Hentschel (Grüne) sowie der Filderstadter Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) die Kappung der Gäubahn sei nicht unvermeidlich und deren zeitweise Weiterführung in die City stehe nicht im Widerspruch zu städtebaulichen Ambitionen Stuttgarts. Noch einen Schritt weiter ging Matthias Lieb vom Verkehrsclub Deutschland. Es könne nicht sein, dass Stuttgart aus Gründen des Städtebaus die Strecke unterbrechen wolle. Er zeigte sich vom Land und der Region enttäuscht, „die ohne Not die Belange der Fahrgäste den städtebaulichen Interessen der Stadt untergeordnet“ hätten.
Unterdessen hat Hermann ein Auge auf die im Besitz der Stadt befindliche Panoramabahn geworfen. Am Tag nach der Veranstaltung erklärt das Ministerium auf Nachfrage, wenn einmal die Gäubahn über den Flughafen fahre, könnte „das Land die Betreiberschaft der Panoramastrecke von der DB übernehmen.“ Wenn es dazu komme, „schließt das natürlich ein gemeinsames Vorgehen mit der Stadt Stuttgart ein.“