Die Stelle neben der Willy-Statue wird für Andrea Nahles bald ein Stammplatz sein. Foto: AFP

Ehrgeizig war Andrea Nahles schon immer, jetzt wird sie die Nummer eins in der SPD. Mit der Doppelrolle als Fraktions- und Parteichefin greift sie nach der Macht.

Berlin - Politik machen per Blazer-Farbe ist mit Angela Merkels Aufstieg zur Kanzlerin nicht nur salonfähig geworden in Deutschland, sondern Normalität. Auch die SPD-Fraktionsvorsitzende und designierte Parteichefin Andrea Nahles versteht sich auf diese Spielart der Selbstvermarktung. Tiefstes Purpur trägt sie an dem Tag, als sie fast schon ganz oben angekommen ist in ihrer Partei. Und in der Position, die Exparteichef Franz Müntefering einmal als das „schönste Amt neben dem Papst“ bezeichnet hat. Egal, ob das nun Zufall ist oder ein diskretes Signal: Die Farbe der Macht passt schon, wenn zum ersten Mal in der 155-jährigen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie eine Frau an die Spitze der Partei tritt.

Gemeinsamkeiten mit der Kanzlerin

Andrea Nahles, 47, hat nach einer 29 Jahre währenden Ochsentour nicht nur die Spitze der SPD erreicht. Für sie rückt auch der Zugriff auf die Kanzlerkandidatur in Reichweite. Und was danach kommt? Die Zukunft ist bekanntlich offen, auch für eine Partei, der drei Niederlagen bei aufeinanderfolgenden Bundestagswahlen in den Knochen stecken, von denen die neue stets noch schlimmer als die vorige war. Aus der jüngeren Vergangenheit aber lässt sich lernen, dass Angela Merkel, als sie 2002 Partei- und Fraktionsvorsitz in ihrer Hand vereinte, die Basis schuf, um drei Jahre später zuerst die Kanzlerkandidatur der Union und dann das Kanzleramt für sich zu reklamieren.

Angekommen in der Bundesliga

Die ersten Auftritte in der neuen Rolle als designierte Nummer eins der SPD hat Andrea Nahles absolviert. In der Fraktionssitzung sei sie vom Verhandlungsmarathon zuvor zwar müde und platt gewesen, heißt es. Aber beim anschließenden TV-Auftritt im ZDF ist sie ausgesprochen wach, ernsthaft und souverän. Die Konfrontation mit Filmschnipseln aus ihrer Juso-Chefinnen-Vergangenheit lacht sie weg. Dass dem scheidenden Parteichef Martin Schulz bei der Neuaufstellung an der Parteispitze die Pistole auf die Brust gesetzt worden sei, dementiert sie. Und dass der SPD-Vorsitz ein Schleudersitz sei, lässt sie nicht gelten: Sigmar Gabriel, der Schulz im Kabinett Platz machen und gewiss nicht ohne Nahles Zutun seinen Posten als Außenminister räumen muss, sei das immerhin sieben Jahre lang gewesen.

So weit oben, sticheln die TV-Moderatoren, könne man aber auch schnell wieder weg sein. So sei das nun mal in der Bundesliga, kontert sie gelassen. Da gehöre der Wechsel dazu und sei auch nicht schlimm. „Ich bin hier kein Frischling“, betont Nahles und verweist auf vorige Ämter an der Fraktionsspitze und als Ministerin. „Ich ...“, sagt sie dann, lächelt in die Kamera und vollendet ihren Satz nach einem klitzekleinen Zögern: „... kann das.“

Die SPD soll in der Koalition sichtbar bleiben

„Das“ bedeutet, dass sie in ihrer neuen Doppelrolle sicherstellen will, die SPD in der so umstrittenen großen Koalition erkennbar zu erhalten. Dass Nahles sich das zutraut, hat auch mit Gabriels Abgang der ersten Reihe zu tun. Als intakt kann man das Vertrauen zwischen beiden schon seit ihrer Zeit als Generalsekretärin von 2009 bis 2013 unter ihm als Parteichef nicht mehr beschreiben. Dass Gabriel Schulz im Wahlkampf immer wieder die Show stahl, gilt in der SPD zudem als Beweis seiner Illoyalität. Das ist bei Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (59), der als neuer Finanzminister und starker Mann im künftigen Kabinett ausgekuckt ist, ganz anders. Er und Nahles kennen sich lange, haben gemeinsam das ABC der Sozialpolitik gelernt. Ihr Verhältnis gilt als eng und vertraut.

Nahles rechnet mit Zustimmung der Basis zum Koalitionsvertrag

Nun hat man in der SPD schon manche Troika und manches Tandem zerbrechen sehen; und als Nummer zwei muss Scholz auch keineswegs alle weiteren Ambitionen abschreiben. Aber anscheinend sehen Nahles und er jetzt die Voraussetzungen als erfüllt an, gemeinsam ein strategisches Machtzentrum in der SPD zu bilden.

Zuerst ist allerdings die Hürde der Mitgliederbefragung zu überwinden. In der Fraktionssitzung hat Andrea Nahles zwar vielstimmig zu hören bekommen, dass Schulz’ Wechsel ins Außenamt die Überzeugung der Basis erschwere. Aber das erschreckt sie so wenig wie die No-Groko-Kampagne von Juso-Chef Kevin Kühnert. Sie rechnet fest mit einem Ja der Mitglieder, weil die „sozialdemokratische Handschrift“ im Koalitionsvertrag und die Erfolge bei der Postenverteilung bei den Genossen zählten. Demnächst geht sie auf Tour durch die Republik, um Überzeugungsarbeit zu leisten. „Das wird nicht leicht“, räumt sie ein. „Aber ich traue uns das zu.“

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