Bei Thomas Mann machte ihm niemand so leicht etwas vor: Berthold Leibinger Foto: factum/Weise

Kultur war für den verstorbenen Unternehmer Berthold Leibinger kein schmückendes Beiwerk, sondern ein zentrales Anliegen. Mit seiner Stiftung hat er weit über die Landesgrenzen hinaus gewirkt.

Stuttgart - Beim Blick auf die Kulturlandschaft, nicht nur im Land, kann es einem gehen wie dem gestiefelten Kater in dem gleichnamigen Grimm-Märchen, der auf jede seiner Fragen, wer denn hier oder dort dahinterstecke, immer die gleich­lautende Auskunft erhält: „Der große Zauberer.“ Wer hat maßgeblich die Stuttgarter Bach-Akademie gefördert? Wer einen internationalen Comicbuchpreis ausgelobt? Wer unterstützt Projekte wie „Stuttgart liest ein Buch“, die 120 Titel umfassende Bibliothek von Autoren, deren Schriften 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden? Wem hat das Deutsche Literaturarchiv in Marbach wegen seiner mäzenatischen Verdienste eine Ausstellung über das Motiv der Gabegewidmet? Immer muss die Antwort heißen: Berthold Leibinger beziehungsweise die von ihm ins Leben gerufene Stiftung.

Kaum eine im Dienst des Gemeinwohls wirkende Einrichtung kultureller oder sozialer Art, die nicht von der Stiftung des schwäbischen Unternehmers profitiert hätte. Am Dienstag ist der große Mäzen gestorben. „Es gibt Voraussetzungen erfolgreichen kulturellen Handelns, die tief im geistigen Humus eines Landes oder einer Region liegen“, hat der Direktor des Marbacher Archivs, Ulrich Raulff, im Vorwort zu besagter Schau geschrieben. Und wie sehr, was auf diesem Humus blüht, gerade auch Grenzen überwindend ausgeschlagen ist, zeigt der jüngste und vielleicht anspruchsvollste mäzenatische Coup Leibingers. Bei der Eröffnung der Thomas-Mann-Villa im Sommer in Kalifornien, hätte er eigentlich die Eröffnungsrede halten sollen, war dazu aber schon zu geschwächt. Aber dass dieser Ort, an dem Mann zwischen 1941 bis 1952 gelebt hat, aus den Klauen gieriger Spekulanten gerettet und vor dem Abriss bewahrt werden konnte, verdankt sich zu wesentlichen Teilen Leibingers Engagement.

Das Haus des Schriftstellers, den seine Kinder Zauberer genannt hatten, soll fortan den ideellen Brückenkopf eines Austauschs zwischen den USA und Deutschland bilden. Es war für den Unternehmer eine Herzensangelegenheit, gleichsam von Zauberer zu Zauberer, die Unheil abwehrende Kraft kultureller Erinnerung gegen den grassierenden politischen Gedächtnisverlust im einstigen Hoffnungsland aller Exilanten aufzubieten.

Weder Golf, noch Jagd, noch Yacht

Im intellektuellen Kosmos Leibingers kann ein Zauberer zum Hausheiligen werden, auch wenn der schwäbische Pietismus, in dem Leibinger wurzelte, weder das eine, noch das andere kennt. Thomas Manns „Buddenbrooks“ hat er gleich viermal gelesen. Vielleicht auch, um sich von dem darin entwickelten Konflikt zwischen Kaufmannsgeist und Kunstsinn zu emanzipieren. Wie er in einem der letzten Gespräche mit unserer Zeitung bekannte, hat er nie einen Gegensatz gesehen zwischen dem schöpferischen Tun im musikalischen oder literarischen Bereich und der Entwicklung auf technischem Gebiet.

Aufgewachsen in einer kulturell interessierten Familie hat Leibinger neben seinen unternehmerischen Aufgaben sich immer Zeit für seine musischen Anliegen genommen. „Meine Devise war immer: weder Golf, noch Jagd, noch Yacht. Dann kann der Mensch viel tun.“

Zu diesen Taten zählt sein Einsatz für seinen vielleicht zweiten Hausheiligen Johann Sebastian Bach. Ein Vierteljahrhundert lang – bis 2015 – war Berthold Leibinger Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bachakademie. Die Verbindung des gläubigen Protestanten zu dieser Institution gründete in deren Brückenschlag zwischen Musik und Theologie, fußte aber außerdem auf seiner tiefen Freundschaft zu Helmuth Rilling. Dass diese in den letzten Jahren von Rillings Amtszeit zunehmend Schaden nahm, mag viele Gründe gehabt haben; der Bruch war aber schlicht auch die Folge von Leibingers unternehmerischem Weitblick. Schwindende Besucherzahlen, ein älter werdendes Publikum und die andernorts stattfindenden stilistisch-ästhetischen Revolutionen der historischen Aufführungspraxis hat der Trumpf-Chef besorgt wahrgenommen, und hartnäckig hat er im Vorstand auf einen Wandel hingearbeitet. Die Verpflichtung Hans-Christoph Rademanns als neuer Akademieleiter ist maßgeblich Berthold Leibinger zu verdanken. Er hat Rademann schließlich auch bei dessen Umstrukturierung der Ensembles als Erster verteidigt und geschützt. Und seine Leidenschaft für Bach und für geistliche Musik hat er an seine Tochter Nicola Leibinger-Kammüller weitergegeben, die sein Engagement bei der Bachakademie fortsetzt.

Stimulierende Kulturlandschaft

Mäzenaten stellt man sich zuweilen als Angehörige einer gesellschaftlichen Elite vor, die in einer Mischung aus Idealismus und Steuergewitztheit die Gesellschaft an ihrer Liebe zum Schönen teilhaben lassen und damit auch ein wenig den eigenen Nachruhm bewirtschaften. Leibingers Liebe zu den Künsten war anderer Art. Sie war neben profunder Kennerschaft getragen von der tiefen Überzeugung, dass es sich dabei eben nicht um schmückendes Beiwerk, sondern um einen zentralen Aspekt des menschlichen Daseins handelt. Und sie nährte sich von der Grundüberzeugung, dass Erfolg auch eine Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl einschließt.

In einer kleinen Schrift über den „Reichtum, die Unternehmer und ihre Stiftungen“ hat er seine Prinzipien nieder­gelegt. Darin führt er aus, wie wichtig für die Wirtschaft ein geeignetes Umfeld sei, zu dem politische Rahmenbedingungen, die Qualität der Wissenschaft ebenso gehören wie eine stimulierende Kulturlandschaft. Mit seiner Stiftung wollte Leibinger einer verantwortungsbewussten Gesellschaft den Boden bereiten, deren Verhalten durch Maximen bestimmt wird, die sich aus ethischen Werten ableiten. „Man kann sich ein Schloss in Tirol kaufen oder ein Hospiz für Sterbende einrichten“, schreibt Leibinger, „man kann einen Wissenschaftspreis ausloben und junge Forscher fördern oder auch eine Yacht im Mittelmeer unterhalten.“ Zu welcher dieser Alternativen er tendierte, stand nie in Frage.

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