Familien mit Kindern tun sich besonders schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Foto: 60175222

Die Zahl der Kinder, die in Stuttgart in Sozialunterkünfte vermittelt werden müssen, weil ihnen Obdachlosigkeit droht, steigt seit Jahren dramatisch an – von 62 im Jahr 2013 auf 483 im vergangenen Jahr.

Stuttgart - Die Kritik des Landesfamilienrats hat heftige Reaktionen ausgelöst. Im Interview unserer Zeitung hatte Geschäftsführerin Rosemarie Daumüller gesagt: „Die Sorge, keine geeignete Wohnung zu finden, führt im Zweifel dazu, dass Frauen keine oder weniger Kinder bekommen, und heißt leider auch, dass eine Schwangerschaft deshalb nicht ausgetragen wird.“ Zahlen der Stadt zeigen zudem, dass Kinder häufiger von Obdachlosigkeit bedroht sind.

„Die Situation ist schrecklich“, sagt Stefani Brenner. Die Sozialpädagogin ist bei Profamilia in der Schwangerenberatung tätig. In Notfällen habe sie früher bei den städtischen Ämtern angerufen und Hilfe bekommen, sagt sie. „Doch die können mir heute nicht mehr helfen. Denn die haben keine verfügbaren Wohnungen.“ Die Wohnungsnot sei seit vier bis fünf Jahren eines der dominierenden Themen in der Beratung, sagt sie. „Früher haben sich die Frauen gesorgt, weil sie nur befristet beschäftigt waren oder ­keinen Job gefunden haben. Heute haben ­Alleinerziehende und junge Familien ­dagegen Angst, auf der Straße zu stehen.“

Es geht um Frauen, die mitten im Leben stehen

Und ja, der Gedanke an Abtreibungen werde in diesem Zusammenhang in den Beratungen wesentlich häufiger geäußert als früher, so Brenner. Dabei handle es sich nicht allein um Teenager oder Frauen ohne Job. „Das kommt von Frauen, die mitten im Leben stehen – Friseurinnen, Erzieherinnen, Pflegekräfte, Zahnarzthelferinnen.“ Kinder könnten für diese Berufsgruppen wegen der Gehälter und der hohen Mieten rasch zu einer Armutsfalle werden, so die Sozialpädagogin.

Daumüller hatte in dem Gespräch mit unserer Zeitung attestiert: „Für eine Stadt, die für sich in Anspruch nimmt, kinderfreundlich zu sein, ist das ein trauriger Befund.“ Das Rathaus hingegen nimmt für sich in Anspruch, das Thema erkannt zu haben. „Die steigende Wohnungsnot, durch die zunehmend mehr Menschen von akuter Obdachlosigkeit bedroht sind, macht es notwendig, das Augenmerk verstärkt auf Familien und Alleinerziehende zu richten“, heißt es in einer Vorlage für den Gemeinderat. Auf Anfrage teilt das Rathaus mit, dass es „eine signifikante Steigerung der Vermittlungen von Familien“ gibt. Gemeint ist damit die Zahl der Familien und Alleinerziehenden, die von der Stadt in Sozial- und Notunterkünften untergebracht wurden, da sie ansonsten auf der Straße gestanden hätten. Demnach waren davon im Jahr 2013 noch 62 Kinder betroffen. Im vergangenen Jahr waren es bereits 483. Auch die Zahl der Alleinerziehenden auf der sogenannten Vormerkdatei, der Warteliste für eine Sozialwohnung, ist angestiegen. Waren Ende 2016 noch 288 Alleinerziehende auf der Liste registriert, sind es Mitte dieses Jahres bereits 389. Um diese Notfälle betreuen zu können, hat die Stadt 1,5 Stellen geschaffen. „Damit wird auch die Unterstützung der Alleinerziehenden bei der Wohnungssuche ermöglicht“, heißt es in der Antwort der Stadt.

1,5 Vollzeitkräfte sollen bei der Wohnungssuche helfen

Doch nicht nur im Rathaus hat das Interview mit der Chefin des Landesfamilienrats Reaktionen ausgelöst. Caritas-Vorstand Uwe Hardt sagt dazu: „Es gibt kaum Wohnungen auf dem Markt und wenn ja, sind diese für eine junge Familie nicht bezahlbar.“ Mit Blick auf die Schilderungen aus der Schwangerenberatung sagt der Caritas-Vorstand: „Es ist fürchterlich und unerträglich, wenn der Wohnungsmarkt der Grund für solche Überlegungen oder Schritte bei Frauen oder Paaren ist.“

Gertrud Höld, die Leiterin der Schwangerenberatung der Evangelischen Gesellschaft, sagt: „Damit Frauen über eine Abtreibung nachdenken, müssen zwar immer mehrere belastende Faktoren zusammenkommen.“ Sie fügt an: „Der Mangel an Wohnraum ist aber inzwischen zu einem der entscheidenden Faktoren geworden.“

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