Erwin Teufel am Grab seiner Frau Edeltraud auf dem Friedhof in Spaichingen Foto: jse

Der Tod seiner Frau vor knapp drei Jahren hat den früheren Ministerpräsidenten schwer getroffen. Getragen von einer großen Familie, erfüllt von dem, was er bewirkt hat, verbringt er seinen Lebensabend in Spaichingen, dort, wo seine Karriere ihren Anfang nahm.

Es ist still geworden um ihn. Und er ist stiller geworden. Mit einem leisen „Bitte kommet se herein“ öffnet Erwin Teufel dem Besucher die Tür und bedeutet ihm mit einer Handbewegung, die ihm in den Jahren als Ministerpräsident in Fleisch und Blut übergegangen ist, voranzugehen, hinauf in den ersten Stock, vorbei an einer Fotografie seiner Frau Edeltraud, durch das rustikale Esszimmer in den Wintergarten mit Blick auf das angrenzende freie Feld.

 

„Bitte nemmet se Platz“, sagt er leise. Der runde Tisch ist gedeckt. Zwei Teller mit Käsekuchen, eine Kanne Kaffee. Seine Enkelin Ann-Katrin war so nett und hat alles vorbereitet. Sie hilft ihm beim selten gewordenen Gastgebersein. Die Familie ist auch sonst nicht weit. Zwei seiner vier Kinder wohnen in Spaichingen. Auch die beiden anderen sieht er regelmäßig, zuletzt an seinem 84. Geburtstag am 4. September, den sie in einem Gasthof und anschließend bei ihm zu Hause gefeiert haben. Auch seine vier noch lebenden Geschwister waren dabei. Alles in allem 23 Familienmitglieder. „In der Demokratie muss man auf 51 zählen können“, pflegte er als Politiker zu sagen. Ganz so viele sind sie nicht. Trotzdem ist Zählkunst gefragt: Teufel, der den Typus Landesvater verkörperte, ist stolzer Großvater und Urgroßvater von zehn Enkeln und zwei Urenkeln.

„Null kommanull Streit in der Familie“

„Und wa machet Sie?“, fragt er, wie immer interessiert am Zeitungsgeschäft, und bittet den Gast sich zu bedienen, der Kaffee werde kalt. Es ist ein warmer Spätsommertag. Der letzte Besuch in Spaichingen liegt vier Jahre zurück. Damals, kurz vor seinem 80. Geburtstag, hatte Teufel auf sein langes politisches Leben zurückgeblickt, das als junger Bürgermeister in Spaichingen begann und ihn später in die Landespolitik und in die Villa Reitzenstein führte. Auch jetzt hält er Rückschau, doch die Perspektive hat sich verschoben – hin zu seinen Nächsten und seiner direkten Umgebung. Auch zur Mundart. Die Familie, die immer schon wichtig war, wirkt allgegenwärtig. Teufel erzählt von seiner zweitältesten Tochter, die mit Mann und drei Kindern auf die Alb habe ziehen wollen. Er hat sie überzeugt, in Spaichingen zu bleiben. Wie? „Ich han sie in mein Garta baua lassa.“

Das ist kein Interview, es ist ein Erzählen mit Pausen, das in eine kleine Stadtführung münden wird. Teufel erzählt von seiner Ferienwohnung in Überlingen, die von der ganzen Familie genutzt und geschätzt würde: „Em Sommer müsset mr’s ons aufteila.“ Das, wie das Familienleben überhaupt, gelingt offenbar in großer Harmonie. „Null kommanull Streit gibt es bei uns“, sagt der Hausherr mit einem Ausdruck der Genugtuung.

Sehr persönlich, so erlebt man Erwin Teufel im Gespräch. Es dauert nur wenige Minuten, bis er von sich aus auf das zu sprechen kommt, was ihn tagaus tagein beschäftigt: „Leider isch mei Frau gschtorba“, sagt er jetzt noch leiser und zu sich gewandt: „Man hat überhaupt nicht damit gerechnet. An schrecklicher Schlag.“ Das war am 11. November 2020. Erwin und Edeltraud Teufel, geborene Schuchter, waren 58 Jahre verheiratet. „Wir send mitanander en der Kindergarten ganga und send mitanander eingschult worda“, sagt er mit traurigen Augen. Und nach einer längeren Pause: „Das war eine prima Sache, muss ich wirklich sagen. In unserem Leben ischt es verhältnismäßig gut ganga.“

Seine Frau kannte er schon aus Kindergartentagen

Wenn man Manfred Brugger hört, den Schwiegersohn, der ihn seit 40 Jahren kennt, dann ist das noch weit untertrieben: „Die beiden haben miteinander in einer Intensität gelebt, die man nicht für möglich hält“, sagt er. Umso größer sei der Schmerz gewesen, als diese Einheit plötzlich zerbrochen sei. Inzwischen habe sein Schwiegervater die Lebensfreude zurückgewonnen. Seine Kraft beziehe er aus dem Glauben und den Besuchen am Grab, das als Doppelgrab angelegt ist: „Ich bin jeden Tag ohne eine Ausnahme auf dem Friedhof in Spaichingen“, sagt Teufel. Begleitet meist von seiner Enkelin und an diesem Tag auch von dem Gast aus Stuttgart: „Des isch nett, dass sie mitkommet“, meint er und geht voraus. Das Grab, unweit des Eingangs, wird von einer Schnitzarbeit geschmückt: Links ist die Kreuzigung zu sehen, rechts die Auferstehung. Dazu ein Foto seiner Frau. So wollte er es haben.

„Ich beantworte jeden Brief, den ich bekomme“

Teufels Radius ist kleiner geworden. Er umfasst den Friedhof und den Dreifaltigkeitsberg, an dessen Fuß er wohnt, auch den Bodensee, seine Heimatgemeinde Zimmern ob Rottweil und einige Orte in der näheren und weiteren Umgebung. Jüngst war er in Heiligkreuztal bei Riedlingen zu Gast, wo die Stefanus-Gemeinschaft, eine christliche Bildungsgemeinschaft, 75-jähriges Bestehen feierte. Viele Ältere trafen sich dort. Leute, die Teufel nicht vergessen haben und das auch äußern: „Auf Sie war halt Verlass!“ Der Schwiegersohn, der dabei war, hört das oft.

Viel weiter verreist Teufel nicht mehr. „An meinem 80. hab ich gesagt: Jetzt langt’s mit Auslandsreisen. Hat jo kein Wert.“ Und Pflichten lässt er sich auch nicht mehr auferlegen: „Nach meinem 75. Geburtstag hab ich alle Pflichttermine beseitigt. Anders verhält es sich mit den Pflichten, die er selbst als solche empfindet. „Ich beantworte jeden Brief, den ich bekomme“, betont Teufel und wirkt in dem Moment sehr offiziell. Unterstützt wird er von einer Sekretärin, die ihm das Land stellt und dreimal in der Woche für einige Stunden ins Haus kommt.

Der 25-jährige Erwin Teufel bei seiner Vereidigung als Bürgermeister von Spaichingen 1964. /red

Erwin Teufel im Alter – das ist ist weniger der ehemalige Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzende, der Baden-Württemberg von 1991 bis 2005 regierte, sondern das ist vor allem der frühere Spaichinger Schultes. 1964, als 25-Jähriger, gebürtiger Rottweiler ins Amt gewählt, war er damals der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Mit Spaichingen, so erlebt es der Schwiegersohn aus nächster Nähe, sei er mehr denn je verbunden. „Das war für ihn die prägendste Zeit.“

Prägend auch für den Ort selbst. Wie hat sich Spaichingen verändert? Erwin Teufel lächelt. Das müsse man die Spaichinger fragen, sagt er, doch er kennt schon die Antwort: „Sie dätet die Auskunft kriega, dass ich Spaichingen auf den Kopf gestellt hab.“ Beginnend damit, dass er in seiner ersten Gemeinderatssitzung einen Bebauungsplan aufheben ließ, der den Charakter des Straßendorfs noch verstärkt hätte. Teufel wollte einen Marktplatz haben, eine Ortsmitte – und er schuf sie mit einem neuen Rathaus, zwei Schulen, einem Kindergarten und einem Gemeindehaus. „Tolle Möglichkeiten“ habe er als Bürgermeister gehabt, erzählt er. Es ist ihm wichtig, den Gast nach dem Friedhofsbesuch durch sein Spaichingen zu führen. Lange lässt er den Blick über die Ortsmitte schweifen – und sieht, dass sein damaliger Beschluss gut war.

Ein Appell, sich für die Demokratie zu engagieren

Erwin Teufel im Alter, das ist ein Mann von nachlassendem Seh- und Hörvermögen, aber doch von bleibenden Einsichten. Er ist, bei aller lokalen Verankerung, was er immer war, ein leidenschaftlicher Europäer. Ein Freund Amerikas, Frankreichs und besonders auch Israels, das er seiner Erinnerung nach „bestimmt 20 Mal“ besucht hat, wie er sagt. Als er davon erzählt und betont, dass ihm die deutsch-israelischen Beziehungen eine Herzensangelegenheit seien, liegt der Terrorangriff der Hamas noch in der Zukunft. Anders als der Krieg in der Ukraine. Auch dorthin ist er früher häufig gereist, „einmal mit dem gesamten Gemeinderat“, und hat eine örtliche Firma zu Investitionen bewegt.

Teufel verfolgt nicht mehr jede politische Wendung, doch es beschäftigt ihn, „dass sich zu wenig Leute für die Demokratie engagieren“. Eine Demokratie lebe von aktiven Demokraten, sagt er entschieden. „Das setzt voraus, dass man einen Teil seiner Zeit opfert.“ Es sei wichtiger denn je, „dass jeder Bürger in ein oder zwei Bereichen ehrenamtlich tätig ist. Demokratie muss von unten gelebt werden“, sagt er. Sein altes Thema Subsidiarität! Es führt alles zurück an die Basis – in seinem Fall nach Spaichingen.