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Alternative Heilmethoden wie die Traditionelle Chinesische Medizin liegen im Trend. Immer mehr Menschen vertrauen auf die Kraft sanfter Heilmethoden – trotz des Vorwurfs der „Quacksalberei“. Wir werfen einen Blick auf die Philosophie und Geschichte, Diagnostik und Therapie dieser jahrtausendealten Tradition.

Stuttgart - Die Traditionelle Chinesische Medizin – kurz TCM – gehört zu den Exportschlagern aus dem Reich der Mitte. Zahlreiche Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten in Deutschland lassen sich zu Akupunkteuren, TCM-Experten, Tai-Chi-Meistern und Tuina-Kundigen ausbilden. Doch vieles, was hierzulande angeboten wird, hat mit dem Original aus Fernost nur wenig zu tun.

Die Chinesische Medizin fußt auf den philosophisch-religiösen Grundsätzen des Taoismus und einer jahrtausendealten Tradition. Sie hat ein grundsätzlich anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit als die Schulmedizin. Während diese sich auf die jeweilige Erkrankung und ihre Symptome konzentriert, nimmt die Chinesische Medizin den Menschen ganzheitlich, in seiner gesamten Existenz in den Blick.

Yin und Yang

Grundlage ist das Ideal einer körperlich-geistigen Harmonie. Der Mensch ist Abbild der Natur und ihrer Gegensätze von Yin (weibliches Prinzip) und Yang (männliches Prinzip). So wie Tag und Nacht, Wasser und Feuer, Frau und Mann zusammengehören, stellen auch diese beiden Seinspole eine untrennbare Einheit dar. Yin und Yang bilden gemeinsam die Lebensenergie Qi, die alles Leben im Kosmos durchströmt und beseelt.

Die Polarität von Yin und Yang ist das älteste Prinzip der chinesischen Philosophie und Eckpfeiler der Medizin. Das ganze Universum ist auf diesen Dualismus ausgerichtet. Yin und Yang sind Gegensätze, die sich ergänzen und bedingen. Jedes Organ, jeder vegetative Vorgang im Körper ist einem dieser beiden Prinzipien zugeordnet.

Yin – übersetzt: Schattenseite des Berges – steht für das weibliche Prinzip des Lebens: Kälte, Blässe, Leere, Dunkel, Nacht.

Yang – übersetzt: Sonnenseite des Berges – symbolisiert das Männliche: Fülle, Hitze, Tag, Helle, Aktivität.

Lebensenergie Qi

Das dynamische Wechselspiel von Yin und Yang bringt die Lebensenergie Qi hervor. Qi ist das energetische Potenzial, die alles belebende Kraftquelle von Mensch und Natur, die in allen Dingen und Lebewesen innewohnende Fähigkeit Einfluss auszuüben.

Meridiane

Die chinesische Medizin kennt kein venöses und arterielles System, keinen Körper- und Lungenkreislauf; zumindest die Blutgefäße sind aber Teil der Lehre. Für die Versorgung des Körpers mit Lebensenergie existiert das Meridian-System. Das Qi fließt im Körper durch Meridiane – 14 Verbindungslinien, auf denen 361 Akupunkturpunkte liegen.

Werden der Energiefluss und das Gleichgewicht gestört, wird der Mensch krank. Reizt man diese Punkte nun bei der Akupunktur mit einer Nadel oder bei der Moxibustion mit einer glühenden Beifußzigarre, kommt es zu einem „De-Qi-Gefühl“: Die Qi-Energie kann wieder ungehindert fließen und den Körper beleben.

Fünf Elemente

Das Qi ist eingebettet in einen immerwährenden Kreislauf, der nach dem Muster der Jahreszeiten abläuft. Den Jahreszeiten sind fünf Elemente oder Wandlungsphasen zugeordnet: Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Jedes dieser Elemente symbolisiert dynamische Prozesse des Werdens und Vergehens in der gesamten Natur und im menschlichen Dasein.

Organe

Daneben existiert eine hochkomplexe Organlehre, die sich von westlichen Vorstellungen vollkommen unterscheidet. Jedes Organ (Zang Fu) verfügt über bestimmte energetische Funktionen. Unterschieden werden Zang-Organe (Leber, Lunge, Herz, Milz, Nieren, Herzbeutel) und Fu-Organe (Gallenblase, Dünndarm, Magen, Dickdarm, Blase, dreifacher Erwärmer).

Zang-Organe speichern essenzielle Substanzen wie Lebensenergie, Blut und Körpersäfte. Die Arbeit der Fu-Organe besteht in der Aufnahme, Verarbeitung, Umwandlung und Ausscheidung der Nahrung.

Fünf Säulen der Heilkunst

Nicht nur das energetische Denken der TCM, sondern auch die Art und Weise, wie der gesundheitliche Zustand überprüft wird, ist für viele hiesige Patienten fremdartig. Die Chinesen kennen vier Diagnoseformen:

1. Befragung des Patienten

2. Betrachten der Zunge

3. Pulsdiagnose

4. Beobachten der Bewegung, Körperhaltung und Hautfarbe.

Körper, Geist und Seele müssen im ständigen Gleichgewicht stehen. Ist die Harmonie gestört, wird der Mensch krank. Der Therapeut versucht die verloren gegangene Balance durch verschiedene Methoden wiederherzustellen:

Akupunktur

Meridiane sind keine Nervenbahnen und haben keine anatomisch nachweisbaren Strukturen. Auf ihnen liegen die Akupunkturpunkte, die den Qi-Fluss regulieren und mit den Organen in Verbindung stehen. Wird der Qi-Fluss behindert, können Krankheiten entstehen. Durch Reizung werden energetische Blockaden gelöst und die Energie umgeleitet. Dies geschieht durch Akupunkturnadeln, Fingerdruck (Akupressur) und Wärme (Moxibustion). Bei der Moxa-Therapie wird eine glimmende Zigarre aus Moxa-Kraut (Beifuß) an die Haut gehalten.

Heilkräuter

In der Chinesischen Medizin werden rund 500 Heilmittel verwendet, die aus Pflanzen, Mineralien, Fossilien, Insekten und tierischen Produkten hergestellt werden. Die Arzneien werden nach energetischen Kriterien (Temperaturverhalten, Geschmacksrichtung und Wirkrichtung) unterschieden und sollen auf bestimmte Meridiane wirken. Verwendet werden Yi Zhi Ren (Kardamom), Gan Cao (Süßholzwurzel) oder He Shou Wu (chinesischer Kräuterich).

Heilmassage

Tuina ist eine spezielle manuelle Technik, bei der der Therapeut versucht, das Qi gleichmäßig im Körper zu verteilen. Tuina – übersetzt „schieben und greifen“ – ist ein spezielles Verfahren, das durch manuelle Techniken Reize setzt. Dadurch wird der gesamte Organismus beeinflusst und das gestörte Gleichgewicht von Yin und Yang, das Grundlage menschlicher Gesundheit ist, wiederhergestellt und so Schmerzen gelindert.

Tuina umfasst rund 35 verschiedene Grifftechniken: wie zum Beispiel das Streichen entlang des Meridian- und Muskelverlaufs, Pressen der Akupunkturpunkte oder rhythmisches Schlagen mit der Handkante. Tuina ist besonders wirksam bei Erkrankungen des Bewegungsapparats wie der Lendenwirbel- und Halswirbelsäule, Schlafstörungen, neurologischen Beschwerden oder Kopfschmerzen.

Bewegungstherapie

Qigong ist eine Bewegungstherapie, die den Qi-Fluss unterstützen soll. Die Übungen dienen einem harmonischen Wechselspiel von Körper, Geist und Atmung. Im Tai-Chi werden mit Hilfe wellenförmig kreisender Bewegungen Yin und Yang wieder ins rechte Lot gebracht.

Qigong und Tai-Chi sollen die Muskelkoordination verbessern und vor allem bei älteren Menschen die Stuzgefahr reduzieren. Beim Qigong (übersetzt: Arbeit mit dem Qi) erzeugt man langsame, fließende Bewegungen, die zu einer bewussten Verbindung von Bewegung, Atmung und Denken führen sollen. Die Übungen sind der Natur entlehnt und haben so klingende Namen wie „fliegen wie ein Kranich“ oder „stehen wie ein Baum“. Die Therapie kann kräftigend auf Immunsystem und Bewegungsapparat wirken und der Rekonvaleszenz sowie Prävention dienen.

Ernährung

Die Diätetik hat in der chinesischen Medizin eine lange Tradition. Chinesen sehen in Lebensmitteln eine Art milde Therapeutika. Die Wirkung von Nahrungsmitteln wird durch ihren Geschmack (süßlich, scharf, sauer, bitter, salzig) und ihr Attribut (es gibt sogenannte kalte, kühle, neutrale, warme und heiße Nahrungsmittel) bestimmt.

TCM-Experten raten Patienten mit Yin-Mangel und „innerer Hitze“ Lebensmittel mit kaltem Attribut (wie Stangensellerie, Chicorée und Wassermelonen) zu essen. Patienten mit „kalten“ Symptomen und Yang-Mangel sollten warme Lebensmittel essen (wie Lammfleisch, Avocado oder Aprikosen), durch welche das Yin-Yang wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann.

Geschichte der Chinesischen Medizin – vom Gelben Kaiser bis Mao

Der Klassiker der chinesischen Medizin, das „Buch des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin“ (Huang Di Nei Jing), entstand im dritten Jahrhundert v. Chr. Daneben spielten die großen Geistesströmungen des Konfuzianismus und Taoismus eine zentrale Rolle. „Die chinesische Medizin ist ein anspruchsvolles und vielschichtiges Gedanken- und Praxisgebäude“, erklärt der Medizinhistoriker und Sinologe Paul Unschuld.

Ihre Blütezeit erreichte sie in der Ming-Dynastie (1368-1644), aus der Schriften wie das Heilkräuterbuch „Ben Cao Gang Mu“ stammen. Nach der bürgerlichen Revolution 1911 trat die westliche Medizin ihren Siegeszug an, während Chinas Traditionen immer weniger geschätzt und als unwissenschaftliche Kurpfuscherei betrachtet wurden.

„Viele denken bei TCM an eine jahrtausendealte Arzneikunde. Doch sie ist ein Kunstprodukt“, sagt TCM-Experte Unschuld. 1955 wurde sie im Auftrag Mao Tse-tungs geschaffen, um die Bevölkerung zu versorgen. „Aus dem heilkundlichen Gesamterbe wurden diejenigen Anteile herausgefiltert und auf die Grundlage moderner Logik gestellt, die in einer der modernen Wissenschaft zugewandten Gesellschaft Sinn machten.“ Nach der Öffnung Chinas in den 1970er Jahren trat die TCM ihren Siegeszug im Westen an. „Aus der chinesischen ist eine energetische Medizin geworden.“

TCM und Schulmedizin

Buch mit sieben Siegeln

Für Europäer ist die chinesische Heilkunde ein Buch mit sieben Siegeln. Die abendländische Schulmedizin sei eine auf den „Körper bezogene Wissenschaft“, erklärt der Münchener Internist und TCM-Arzt Josef Hummelsberger. Kranksein sei mit messbaren Veränderungen verknüpft und werde als Fehlfunktion angesehen, die korrigiert werden müsste. Anders die TCM: „Bei ihr stehen lebendige Abläufe, Lebensfunktionen und die energetische Harmonie, die Gesamtheit des Körpers im Mittelpunkt.“

Sinnvolle Ergänzung oder Placebo?

Trotz aller kulturellen und medizinischen Unterschiede kann die TCM ein sinnvolles Komplementär-verfahren sein. „Zwischen Schulmedizin und TCM gibt es kein Contra, nur eine sinnvolle Ergänzung“, meint Stefan Hager, Chefarzt der TCM-Klinik im bayerischen Kötzting. Die Stärke der TCM liege im Bereich chronischer Erkrankungen und vegetativer Störungen, die der Schulmedizin im Bereich schwerer organischer Erkrankungen. „Bei einem Herzinfarkt sucht man keinen TCM-Arzt auf, sondern eine Intensivstation.“

In der modernen, evidenzbasierten Medizin bleibt die Wirksamkeit der TCM-Methoden umstritten. Therapieerfolge werden mit Placebo-Effekten oder psychologischen Wirkmechanismen erklärt. „Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz und Legitimation“, sagt auch Medizinhistoriker Unschuld. Wissenschaftliche Beweise seien „fast null“. „Auch die Chinesen wissen, dass sie mit Yin und Yang keine Rakete zum Fliegen bringen.“

Risiken und Nebenwirkungen

Ungeachtet aller Kritik und Vorbehalte boomt das Geschäft mit der TCM. Viele Patienten, die mit der Schulmedizin unzufrieden sind, wenden sich diesen Therapien zu. Ein Grund für das wachsende Interesse: „Die Nebenwirkungen sind weit geringer als bei der Schulmedizin“, betont Hager. „Man muss anerkennen“, ergänzt Unschuld, „dass es viele Probleme gibt, für welche die wissenschaftliche Medizin keine Lösungen kennt.“

Als präventive Medizin kann TCM vor allem bei funktionellen Störungen wie Allergien und chronischen Beschwerden unterstützend helfen. Durch sorgfältige Anamnese soll die Disposition zu einer Krankheit im Vorfeld erkannt und durch geeignete Maßnahmen behandelt werden.

TCM liefert aber keine Patentrezepte und kann nicht erfüllen, was sich mancher Kranker von ihr erhofft: ein medizinisches Wunder.

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