Walter Bauer sitzt seit 42 Jahren im Filderstädter Gemeinderat. So lange wie sonst keiner. Er gilt als rührig, manchen teils zu rührig. Hier erzählt er, wann er sich einen Schampus aufmachen würde.
Wann wurde dieses oder jenes Projekt verwirklicht, wann war dieser und jener Oberbürgermeister im Amt? Walter Bauer hat die meisten Daten spätestens nach kurzem Überlegen parat, wie ein Archivar. Typisch ehemaliger Lehrer, könnte man sagen. Aber das liegt auch daran, dass er aus einem riesigen Erfahrungsschatz schöpfen kann. Jüngst wurde Walter Bauer – pandemiebedingt mit Verspätung – für fast 42 Jahre im Gemeinderat von Filderstadt geehrt. So lang wie kein anderer ist er Teil des Gremiums. „Ich bin im Augenblick der Dienstälteste“, sagt er und lacht.
In diesem Jahr wird Walter Bauer 74. Aus dem Berufsleben ist er schon lang ausgeschieden. Zuletzt war er Rektor der Immanuel-Kant-Realschule in Leinfelden-Echterdingen gewesen. Das politische Ehrenamt kommt aber bisweilen auch einem Job gleich. An rund 1200 kommunalen Sitzungen hat er schon teilgenommen, wie der Oberbürgermeister Christoph Traub bei der Ehrung vorrechnete. Und das sind nur die Gemeinderatstermine. Seit 1994 ist Walter Bauer auch Mitglied des Kreistags. Fast wäre er 2011 sogar in den Landtag gekommen. Viel zu tun, aber als mühsam empfinde er die teils nächtelangen Tagungen nicht, „sonst würde ich es nicht machen“.
Gebürtig aus Schwäbisch Hall
1975 ist Walter Bauer in die SPD eingetreten, im Jahr, in dem er seine Ursula geheiratet und als junger Lehrer an der Realschule in Bonlanden angefangen hat. Drei Jahre später zog die Familie nach Filderstadt, erst nach Bonlanden, 1988 schließlich nach Harthausen. Dass er 1980, bei seiner ersten Kandidatur, in den Gemeinderat gewählt wurde, kommt für den gebürtigen Schwäbisch Haller heute noch „einer kleinen Sensation“ gleich, „damals als jemand, der hier keine Verwandtschaft hat“.
Walter Bauer ist einer, der viel macht und viel darüber redet. Der zweifache Opa hat etwa Facebook schon lange für sich entdeckt, postet dort üppig Infos über Fortschritte bei Baustellen oder Neuerungen im S-Bahn-Verkehr. Viele Bürger wissen das zu schätzen. „Inoffiziellen Ortsvorsteher von Harthausen“ nannte der OB ihn jüngst in seiner Laudatio. Manchen wiederum ist der Rührige etwas zu rührig. Shitstorms kennt Walter Bauer. Phasenweise seien die übel gewesen, bekennt er, aber „das muss Sie kaltlassen“. Öffentlich auf sich und seine Themen aufmerksam zu machen, das gehöre in der Politik dazu. „Wenn Sie etwas nicht kommunizieren, findet es nicht statt.“
Damals gab es ein richtiges Lagerdenken
Auch im Filderstädter Gemeinderat gibt es mitunter Zoff. Die Stimmung sei zwischenmenschlich gut, „aber was das Politische angeht, sind teils Welten dazwischen“, sagt Walter Bauer. Dass man da auch mal lautstark diskutiere, sei klar. „In der Demokratie gehört das dazu.“ Kein Vergleich aber zu früher, betont er. „Die ersten Jahre waren viel rauer. Da gab es ein richtiges Lagerdenken.“ Auch zwischen Verwaltung und Gremium habe es mitunter geknirscht. Mit der ehemaligen Rathauschefin Gabriele Dönig-Poppensieker etwa „gab es ziemlich Knatsch“, wie Walter Bauer sagt. Tatsächlich hatte sie sich wegen einer Wiederbesetzungssperre für ausscheidende Verwaltungsmitarbeiter derart mit der SPD-Fraktion überworfen, dass sie aus der Partei ausgetreten war.
Manches sei frustrierend, ja, die politische Arbeit empfindet Walter Bauer dennoch als lohnend. Man brauche zwar stets Mehrheiten, könne aber viel anstoßen und auch viel erreichen. Höhepunkte habe er etliche erlebt, dass die S-Bahn nach Filderstadt gekommen sei oder die Umgestaltung des Marktplatzes in Harthausen inklusive Wiedereinführung des Wochenmarkts. In den vier Jahrzehnten, die er Kommunalpolitik macht, hat sich Filderstadt stark verändert, allein schon durchs Wachstum von 37 000 auf heute 46 000 Menschen. „Ich finde viel Positives in der Veränderung“, sagt er. Städtischer sei die Kommune geworden, die Ortsteile seien zusammengewachsen.
2024 ist die nächste Kommunalwahl. Auch diese Zahl hat Walter Bauer im Übrigen sofort parat. Ob er noch mal antreten wird? Da überlegt er tatsächlich. „Ich behalte mir vor, wie ich es mache“, sagt er. Wieder überlegt er kurz. „Im Augenblick habe ich vor, zu kandidieren.“ Manches würde er halt gern noch als aktiver Stadtrat erleben, etwa die Einweihung des neuen S-Bahn-Halts in Sielmingen. Oder dass beim Mega-Projekt Stuttgart 21 aus der Gäubahn-Führung über die S-Bahntrasse zum Flughafen – eine Variante, gegen die Walter Bauer seit Jahren kämpft – nichts wird. Er lacht laut auf. „Dann mache ich einen Schampus auf, aber sicher.“